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Full text of "Cotta'scher Musen-Almanach für das Jahr 1900"

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Gotta fer Wufen-Almanadh 


für das Jahr 1900. 


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Studienkopf. 


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für das Jar 1900. 
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Herausgegeben von Otto Braun. 


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Zehnter Jahrgang. 
Mit ſechs Kunſtbeilagen. 





Stuttgart 1900. 


3. 6. Gotta fhe Buchhandlung Nachfolger 
6 m. b. 6. 


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Alle Rechte vorbehalten. 


Drug der Union Teutſche Verlagägefelfhaft in Stuttgart. 


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Inhaltsverzeichnis. 


(Ein alphabetifches Autorenverzeicynis befindet fih am Schluß ded Bandes.) 


Erzählungen in Profa. 


Seite 
Mater Dolorofa. Bon H. Keller:jordan . . . . 3 
Das ftumme Klavier. Von Ernſt Muellenbad . . 76 


Didtungen in metrifher Form. 
I. »Poetifche Erzäßlungen, Balladen und Romanzen, 


Hans Habenichts. Von Pring Emil v. Schönaich- 


Carolath. 131 
Der Gaſt der Einſamkeit. Ein Cytlus von Mar 

Haushofeer.... 1161 
Gottes Tochter. Von Albert Matthat . . . . . 165 
Sylvefternadt. Von Martin Beerel. . . . . . 176 
Lady Ceci! Richmond. Bon Albert Mofer . . . 181 
Gin Schwabenritt. Von Heinrich Vierordt . . . 186 


Der treue Guinbiller. Bon Heinrich Vierordt . . 188 


— VI — 


Die Macht der Mufil. Von Georg Scherer . 
Die beiden Selbfimörder. Von Ernft Editein 
Der Frühlingsmorgen. Von Ernft Edftein . 
Gefang der Kirfe. Von Bernhard Hofmann. 
In Venedig. Von Bernhard Hofmann. 


IH. Lyrife und vermiſchte Gedichte. 


Carmen saeculare gu 1900. Bon Hermann Lingg. 


Die eletirifche Kraft. Von Hermann Lingg . 
Verfehüttet. Von Hermann Lingg. 

Sefthymne. Von Hermann Lingg. f 
Epigon und Defadent. Von Wilhelm Jordan . 
Das neue YJahrhundert. Von Albert Mofer . 
Rückblick. Von Eduard Paulus 

Die Braut. Von Eduard Paulus . 

Herbitlied. Von Eduard Paulus . 

An die Sonne. Bon Eduard Paulus 


Auf der Höhe des Lebeng. Von Karl Woermann. 
Prolog zur Goethe-Feter. Von Heinrich Vulthaupt . 


Erinnerung. Von Rudolf v. Gottfchall 
Geſtändnis. Von Rudolf v. Gottfchall . 
Fünfzig vorüber. Von Carl Weitbredht 
Wiederfehen. Von Carl Weitbredt . 
Lautlofe Nacht. Von Wilhelm Herg 
Bedrängnis. Von Yfolde Kurz. 

Survival of the fittest. Bon Sfolde Kurz 
Erwachen. Von Ffolde Kurz 

Herbites Zeihen. Bon Martin Greif 

Die Cypreffe. Von Martin Greif. 


Seite 
190 


194 
195 
198 
199 


— VII o— 


Glück der Ahnungslofigfeit. Von Martin Greif 
Am Rhein. Bon Julius Rodenberg . 


Nichts als eine Rofe. Von Julius Rodenberg . 


Rteder von unterwegs. Von Ernit Ziel 


Harmlofe Sonette. Von Julius R. Gaarhaus . 


Vorfrühling. Von Adolf Berk. 
Siegender Lenz. Bon Adolf Berk. 
Worte! Von Adolf Bert . — 
Altersweisheit. Von Hans Hoffmann . 
Heimmeh. Von Albert Geiger . 

Deutidhe Schiffe! Von Mar Hartung 
Stimmen der Nadıt. Von Ernft Muellenbad) 
Vorfrühling. Von Mar Ktefewetter . 
Suninadht. Von Mar Ktefewetter . 

War eS Zufall? Won Rudolf Krauß 
Ermunterung. Bon Rudolf Krauß 
Alfrühling. Bon Frene v. Schellander 
Dem Einzigen. Bon Irene v. Schellander 
März. Von Oswald Schmidt 


Meine Schwäche. Bon Heinrich v. Dehbeiin gen. 


Baug . ; 
Ahnung. Von Erna — 
Mittagsruhe. Von Heinrich Bulthaupt 


Regen am Sommermorgen. Von Heinrich Vierordt. 


III. Spruchdichtung. 


Reimſprüche. Von Ernſt Ziel . 
Spriihe. Bon Julius Groffe 


— VIII o— 


Kun ftbeilagen. 


Studienfopf. Von Frig Reif. 

Vor Amalfi. Von NR. Püttner. 
Gemfen. Bon J. v. Paufinger. 
Hetmatlos. Von NR. E. Kepler. 
Waldeinfamfeit. Von Alfred Enfe. 
Heilige Naht. Von A. Zick. 


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Vor Amalfi. 


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Erzählungen in Profa. 


Mufenalmanad) für 1900. 1 


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Mater Dolorosa. 
Bon B. Reller-Dordan. - 


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Didonie Blefjen fap am Flügel und ihre 
zarten Finger gingen mit leidenfchaftlicher Kraft 
über die Tajten. Die Töne vermijchten fich mit 
dem Gerdufche des Regeng, der, von den 
ſchweren Kronen der Buchen draußen getragen, 
melancholifch zur Erde tropfte. 

Sie hatte mit dem Berfenfen ihres ganzen 
Seins in den Geijt der genialen Harmonien, 
die fie jpielte, offenbar die Welt vergejjen, 
auch die alte Dame nicht bemerkt, die feit einer 
geraumen Zeit in dem Seifel am Kamine fap 
und ihrem Spiele laufchte. 

Erjt nachdem die Kiinjtlerin geendet hatte 
und ihre Hände müde von den Tajten geqlitten 
waren, erhob fich die Dame, trat zu dem Flügel 
und blictte liebevoll, beinahe zärtlich in das 
blajje, erregte Geficht der noch jungen Frau. 


—- 4 o 


Diefelbe reckte fic) wie geiftesabwefend und 
fuhr mit der Hand über ihre Augen. 

„Habe ich dich geftört, Sidonie?” fragte die 
Dame janft. 

„Rein, Sie jtören mich niemals, liebe Ba- 
ronin, aber — ich hatte Sie nicht bemerft.” 

„Dann haft du vielleicht deshalb fo meijter- 
haft gefpielt — ich erinnere mich gut, fon 
als junges Mädchen liebtejt du eS nicht, vor 
anderen zu fpielen.” 

„Bor anderen, liebe Baronin — vor anderen, 
ich bitte,” unterbrach fie Sidonie lebhaft, die 
Hand der Dame mit ihren Lippen berührend; 
„Sie find Doch feine andere, Sie jtören mich 
niemals.” 

Die Baronin ftrich mit der Hand über Sido- 
niens Haar, es war lichtbraun wellig und drängte 
fich in feiner Fülle bis an dag Kleine Obr. 

„Weit Du, Sidonie,” jagte fie, „Daß ich dir 
eigentlich niemals zugetraut hätte, Wagner zu 
verjtehen und in folcher Weife wiederzugeben.“ 

„Ich mir auch nicht.“ 

„Wer hat dich das gelehrt?“ 

„Ich weiß es nicht, vielleicht mein einfames 
Leben, der Thüringer Wald, die Sorge um 
meinen Siegfried — du lieber Gott, das Leben 
drängt vieles in uns hinein. Aber Thatfache 
bleibt es, feitdem ich Wagner verjtehe, liebe 
ich ihn.“ 


— 5 o 


Sie hatte fich bei den legten Worten er- 
hoben, legte den Arm der Baronin in den 
ihren und trat mit ihr auf den Balfon. Der 
Regen tropfte, obgleich er nachgelaffen hatte, 
noch immer von den Bäumen. 

„Es ift merkwürdig,“ fagte die Baronin, 
in Gedanfen verfunfen zu der fchlanfen Frau 
emporſehend, die fie beinahe um Kopfeslänge 
überragte, „wie ganz anders fich oft der Menjch 
entwicelt, al3 e3 vorauszufehen ijt — ich mußte 
vorher, al3 Du mit fo tiefer Tragif die ‚Walküre‘ 
fpielteft, daran denken, wie überfprudelnd heiter 
du trog allem warft, als du zu mir in mein 
Haus kamſt.“ 

„sa, trog allem, das weiß Gott, — ich bin 
glüclich veranlagt, etwas leichtfinnig, ich fann 
das heute noch fein. Uebrigens liegen oft ge- 
rade in heiteren Naturen verjtecite, düſtere 
Elemente; fie haben nur nicht immer Gelegen- 
beit, fic) zu entwiceln.“ 

„Nein, gottlob, bei dir war das wenigitens 
nicht der Fall, Sidonie. Das Leben hat es 
nach ſchwerem Schickſalsſchlage gut mit dir 
gemeint. Wenn ich bedenfe,” fuhr fie dann 
fort, während Sidonie ſchwieg und mit ihrer 
weißen Hand in den najjen Blättern der 
Pflanzen fpielte, „wie du nach dein jähen Tode 
deiner Eltern zu mir ins Haus kamſt — —“ 

„Mnbändig, ein echtes Vagabundenblut,” 


— 6 o 


unterbrach ſie die junge Frau lachend, „den 
unermeßlichen Verluſt der Eltern, den konnte 
ich damals noch nicht faſſen. Ich wußte nicht, 
wie unerbittlich der Tod iſt.“ 

„Nein. Es bleibt ein Vorrecht der Jugend,“ 
gab die Baronin zu, „ſich nicht in denſelben 
verſenken zu können.“ 

„Es war ein großes Opfer von Ihnen, mich 
aufzunehmen, Baronin,“ ſagte Sidonie nach 
einer Weile, „erſt viel ſpäter — hier, an langen, 
einſamen Abenden bin ich mir deſſen ſo recht 
bewußt geworden.“ 

„Ein Opfer nicht, Kind, ſondern eine 
Aufgabe, die ich mir ſtellte. Ich war mein 
ganzes Leben lang eine viel zu große Verehre— 
rin von deines Vaters Kunſt geweſen, als 
daß ich ſein einziges Kind dem Meiſtbietenden 
überlaſſen hätte. Man wollte dich nämlich, 
da gar kein Vermögen da war und ſich auch 
keine Verwandten vorfanden, mit deinen fünf— 
zehn Jahren als angehende Stütze der Haus— 
frau — — —“ 

Sidonie brach in ein ſchallendes Gelächter 
aus. 

„Das haben Sie mir ja niemals geſagt, 
liebſte Baronin, da darf ſich freilich die Dame, 
zu der ich nicht kam, noch heute bei Ihnen 
bedanken. — Ich langgeſchoſſenes, unwiſſendes 
Ding, das nur das Wanderleben einer Künſtler— 


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familie fannte — und lieber träumte, als ar- 
beitete — ich eine Stüße der Hausfrau! Gött- 
lich! — Sehen Sie, liebe Paronin, mein 
Schuldpoften Ihnen gegenüber wird immer 
größer.” 

„Nein, mich verlocte dein Talent, Sidonie, 
dein verblüffend muſikaliſches Talent — ich 
wollte es für Dich zu einer Schaßgrube der 
Zufunft machen. —“ 

„Und das ging wieder nicht,“ fagte Frau 
Sidonie Bleſſen, während fic) ein ernfter Zug 
über ihr Geficht legte; „o, ich war grenzen- 
[08 ungefügig — ich fonnte fo ſchwer ge- 
horchen.” . 

„Man hatte es dich nicht gelehrt, armes 
Kind, Du warft wild und ftolz wie ein Raffe- 
füllen — aber auch gut und gefügig gegen 
Menſchen, die Dich verftanden —“ 

„Und die ich liebte und verehrte,“ fügte 
Frau BVleffen Hinzu, und fie legte den Arm 
zärtlich um die Schulter der Baronin; „aber 
daß ich Ihnen Sorgen bereitete, das habe ich 
doch immer gewußt.“ 

„Diefe Sorgen waren nie niederer Art,” 
lächelte die Baronin, das Geficht ihres Lieb- 
lings priifend, al3 habe fie dieſes Nätfel noch 
immer nicht begriffen, „dein Flug war ein 
hoher, Sidi — du hättejt dich fehlieplich Durch 
gefämpft — auch wenn Hofrat Blejjen — —“ 


— § — 


„Sich nicht meiner erbarmt hätte, meinen 
Sie?“ 

Jetzt lachte die Baronin und klopfte ihr, 
wie man es einem unartigen Kinde thut, auf 
die Finger. „Böſe, du weißt es am beſten, wie 
unausſprechlich du geliebt wurdeſt.“ 

Sidonie trat zurück ins Zimmer, ſie wollte 
dies Geſpräch nicht weiter fortführen; was 
dann kam, gehörte ja ihr allein, ganz allein, 
ſie hatte das alles in den zehn Jahren, in 
welchen ſie Witwe war, bis in die letzte Faſer 
hinein durchdacht und durchempfunden. 

Die Baronin ſah ihr nach, wie ſie hin und 
her ging, mit geſenktem Kopfe und auf dem 
Rücken gekreuzten Händen, ſo wie ſie es ſchon 
als junges Mädchen gethan hatte, wenn ſie 
über irgend eine konventionelle Pflicht grübelte, 
deren Notwendigkeit ihr nicht einleuchten wollte. 

Wie ſie ſich merkwürdig entwickelt hatte, 
dieſe magere, lebhafte Sidi von einſt, die ſie 
als arme Waife in ihr Haus genommen hatte, 
um aus ihr ein Fünjtlerifches Phänomen zu 
machen — und die Dann der gute Hofrat Vleffen, 
der eingefleifchteite Sunggefelle, geheiratet hatte, 
bloß weil fie fo ganz anders war als alle an- 
deren Mädchen — und zwar fo rafch geheiratet, 
als wäre ein einziger Tag ohne fie ein un- 
erfeglicher Verluft. Shretivegen gab er Stellung, 
Heimat und alte Gewohnheiten auf und ver- 


+9 o 


pflangte fie in den Thüringer Wald, weil, wie 
er fagte, Das der einzige Boden fei, wo fie 
gedeihen fonne. Die Welt follte fie ihm nicht 
verderben, nichts in fie hineingeben, was ihr 
nicht eigen war. Er war eben ein Sonderling, 
der Herr Hofrat. Sie mußte bei dem Ge- 
danfen an diefe Zeit lächeln und lächelte noch, 
als fie ins Zimmer zurüdfam und neben Gi- 
Donie, Die fich in einen Geffel geworfen hatte, 
Blak nahm. 

„Sie denken an etwas Angenehmes, Liebe 
Baronin?” fragte Sidonie. 

„Ich dachte an unferen guten Hofrat, Sidi, 
wie er eiferfüchtig auf dein Selbſt war, dich 
hütete und liebte.“ 

Sidonie nicte leife vor fih hin. 

„Mir war er ein pfychologifches Rätfel,“ 
fuhr die Baronin fort, „in früheren Jahren 
ohne jedes Yntereffe für Frauen und dann — 
fo oft ich auch zu euch fam — feine Liebe war 
immer noch gewachfen.” 

Sidonie nidte wieder — aber wie geiſtes— 
abmejend. 

„&3 gab wohl felten einen Wann, der feine 
Frau jo unausfprechlich glücklich gemacht hat, 
auh noch nach feinem Tode.“ 

„Sa, ja, das weiß Gott,“ feufzte Sidonie 
aus ihrer tiefiten Seele herauf, „er hat meinen 
Lebensweg geebnet und gelichtet — bis zu 


— 10 — 


meinem Tode. Sogar das Denken und Ver- 
beffern und Eingreifen bei fortjchreitenden Be- 
dürfniffen Hat er mir vorweg abgenommen.” 

„Uber aus fürjorglicher Liebe, Kind, aus 
reiner Liebe, er gedachte dir damit auch die 
Erziehung Siegfried3 zu erleichtern.“ 

„sa, aus reiner Liebe, Baronin, gewiß, o 
er war edel und gut — bis in die legte Fafer 
feines Herzens hinein. Das weiß niemand 
beffer als ich.“ 

Die Paronin richtete fich in ihrem Stuble 
auf. „Fehlt dir etwas, Sidi?” 

„Mein; ich meine nur, daß auch die für- 
forglichjte Liebe nicht immer das Rechte trifft. 
Mir ijt diefes einfame Leben — nur mit Sieg- 
fried und meiner Muſik — nicht allzeit förder- 
lich gewefen. Möglich, daß es nur ein Wahn 
tt, Baronin, aber ich habe dod) Stunden, in 
denen ich mir einbilde, daß ich das Höchite, 
mir Notwendigite, dennoch nicht bejejjen habe, 
daß da draußen auf der Straße — weit — 
weit von Hier — ein Etwas liege — was weiß 
ich — aber ein Etwas, das mein Herz ge- 
Ichwellt, meine Schnen angespannt, mein Denken 
vertieft, mein Empfinden geiteigert hätte — 
ich fühle eine unverbrauchte Kraft in mir — 
eine Kraft, die fich nicht vergeuden läßt in 
vagen Träumen, die nach Thaten drängt, nach 
guten, andere Menfchen beglüctenden Thaten... 


— 11 — 


„Aber das ſind alles nur Stimmungen,“ 
fuhr ſie dann kopfſchüttelnd und ſich erhebend 
fort, „Stimmungen, die ich nie habe, wenn 
Siegfried bei mir iſt. Was werde ich auch 
Herrliches verſäumt haben da draußen?“ ſpöt— 
telte fie. „Man würde meine Kunſt, im beſten 
galle, gefördert und angeregt haben — vielleicht 
auch befrittelt und beneidet. Ab bah — es 
bleibt fich nun gleich — ich bin auch fo alt 
geworden.” 

Die Baronin fonnte fich nicht jogleich von 
dem erholen, was fie gehört hatte. Frau Vlejfen 
war für fie ftets die glücflichjte Grau geiwejen — 
und wenn es auch nur Stimmungen waren, 
Die fie quälten, fo hatte fie Diefelben dennoch 
nicht bet ihr vermutet. Vielleicht wenn fie 
wieder geheiratet hätte — foviel fie wußte, 
hatte Hofrat Vleffen ihr darin feinen direkten 
Zwang auferlegt. Uebrigens war Sidonie trog 
ihrer jechsunddreißig Jahre immer noch eine 
begehrenswerte Frau — vielleicht mehr als je. 

Doch nein, das wäre ja unmöglich — St 
Donte Vleffen würde nie ein zweites Mal hei- 
raten — das pafte fo wenig zu ihrem Selbit. 
Das Gli, von dem fie träumte — was da 
Draußen auf der Straße liegen follte — das 
betraf wohl die Kunst; fie fehnte fich — und 
das war fo natürlich — nach Ausübung Der- 
felben — nach Gefellfchaft geijtig und künſt— 


— 12 — 


lerifch hochjtehender Menjchen. Das follte ja 
nun auch anders werden, Siegfried würde die 
Univerfität befuchen und feine Mutter ihn be- 
gleiten. 

„Der Regen hat aufgehört, Baronin,” fagte 
Sidonie vom Fenjter tretend, an welchem fie 
die ganze Zeit geftanden hatte, „wollen wir 
nicht noch einen Kleinen Spaziergang machen? 
Sie willen, Malteng fommen heute abend und 
da bedarf ich wenigjtens immer vorher einer 
Stärfung.” 

„Du Haft fie doch nicht meinetwegen ein- 
geladen, Sidi?“ 

„Zeilmeife fchon, ich möchte nämlich Ahr 
Urteil über Agathe hören. Sie wijfen, das 
Mädchen war mir immer unausitehlich, aber 
nun, da Herr v. Köhler ihr aufgefchrieben 
hat, thut fie mir teid, und ich möchte ihr 
Freundliches erweiſen, und doch weiß ich nicht 
recht, ob thr Schmerz ein wirklicher oder ein 
fingierter tft.” 

„Barum hat Köhler eigentlich die Verlobung 
gelöjt? Er ijt ein fo ernfter, gediegener Menſch.“ 

Sidonie zute mit den Achfeln. 

„Darüber fchweigt die Gefchichte. Jeden- 
falls hat er mir immer beffer gefallen, als 
Agathe — aber man täufcht fich ja im Leben. 
Früher erfchwerte mir auch Siegfried Ddiefen 
Umgang,“ fuhr fie fort, „er mochte Malteng 


— 13 — 


noch weniger leiden als ich. Er behauptete, 
Agathe ignoriere ihn abjichtlich, weil er nur 
Gymnafiaft fet. Sie miffen, er ift ein bißchen 
anſpruchsvoll unfer guter Siegfried.“ 
„Das iſt man immer, wenn man die Grenzen 
des Sünglingsalterd noch nicht überfchritten 
hat. Uebrigens ijt Siegfried auch ſtolz. Er 
hat ſich herrlich entwickelt.“ 

Ein ſonniges Lächeln ging über die Züge 
der Mutter und verklärte ſie noch, als ſie, der 
Baronin Arm in dem ihren, dem Annathale 
zuſchritten, wo die Sonne, die ſich mächtig 
durch die jagenden Wolken drängte, durſtig die 
Tropfen von den Bäumen trank. 

„Wie Deine Mutter den Theetiſch geſchmack— 
voll zu ordnen verſteht, Siegfried,“ ſagte die 
Baronin am Abende, als ſie neben dem ſchlanken 
Sohne Sidoniens ſtand, „geradezu künſtleriſch.“ 

„Iſt es bei anderen Leuten weniger ſchön?“ 
gab dieſer trocken zurück. 

„Weniger ſchön? Ich bitte dich, gar kein 
Vergleich.“ 

„Daß Mama ſchöner ſpielt, ſich beifer leidet, 
origineller fpricht als andere Leute, das weiß 
ich längſt, Tante, aber der — Theetifch — das 
habe ich nie beachtet. Freilich, die Blumen und 
die Früchte auf dem Buffet — und...“ 

„Und die falten Speilen, Die immer gerade 


-o 14 — 


in den Schalen liegen, in welche fie hinein- 
pajlen — — Wer fie daS wohl gelehrt hat?” 

„Niemand, liebe Baronin,“ antwortete Si- 
Donie, die eben mit Frau und Fräulein v. Malten 
ing Zimmer trat, „ich mache das ganz ge- 
dDanfenlos — nur mit den Augen — und wenn 
es gut ausfieht, ift es nicht mein Verdienft.” 

Frau v. Malten begrüßte die Baronin, war 
erfreut, fie wieder in Eijenach zu jehen, und 
309 fie plaudernd neben fich in die behagliche 
Couchette, die in einer Ede unter Palmen 
ftand. Agathe, eine auffallend jchöne und 
üppige Brünette, fchergte indeffen mit Siegfried 
und gratulierte zu dem. beitandenen Examen. 

„sch nehme das heute noch nicht an, gnädiges 
Fräulein, — erft morgen tft Thorfchluß.“ 

„Aber ich weiß e8 von Profeſſor Petri, daß 
Sie glänzend bejtanden haben,” gab fie hart- 
nädig zurüd. 

„Bir nehmen das gleichfalls an, Mama 
und ich — aber dennoch — erft morgen.” 

„Shr Siegfried wird einen prächtigen Stu- 
denten abgeben, liebe Hofratin,” rief Frau 
v. Malten aus der Ede heraus. „Werden Sie 
ihn in ein Corps treten laſſen?“ 

„sh laffe meinen Sohn überhaupt nicht, 
gnädige Frau,” fagte fie lächelnd, „er beforgt 
das alles felbjt nach eigenem Ermefjen. Nicht 
wahr, mein Zunge?” 


— 15 — 


Und die glüdliche Mutter blickte ftolz in 
das junge, ausdrudspolle Geficht ihres Sohnes. 
(3 ähnelte Dem ihren, nur war eS regelmäßiger, 
mit bejtimmteren Linien. Ueber den trogigen 
Lippen fproßte bereits verheißungspoll ein 
dunkler Flaum. 

„Siegfried wird mit den Jahren feinem 
Vater ähnlicher,” fagte die Baronin, während 
man fih um den Tifh gruppierte und er 
zwifchen feiner Mutter und Agathe v. Malten 
Bla nahm. 

„Eben deshalb liebt mich meine Mutter 
auch fo ganz befonders.“ 

„sa, mein Junge, Das thut fie — und auch 
noch ein flein wenig deiner felbjt wegen.” 

„Wie Schade, Herr Vleffen, daß Sie nicht 
zum Militär gehen,” flüjterte Agathe, „Sie 
würden einen herrlichen Hufarenlieutenant ab- 
geben und fo viel jchneller fertig fein.” 

„SH babe feine große Eile fertig zu werden 
— und das Militär fenne ich zu wenig. Dus 
ijt das Studium der Familie Blejfen — unfer 
Wappen hat fogar eine Wage in feiner 
Mitte.” 

„Und wenn Shnen das Studium nicht zu- 
fagen folte?” 

„Dann macht Siegfried fein erſtes Cramen 
und treibt, was ibm Vergnügen macht,” fagte 
Sidonie jtatt feiner. 


— 16 — 


„Das heißt, er geht auf Reifen, Mütterchen, 
und du mit.“ 

„sa, ih mit, da8 verjteht fich.” 

grau v. Malten und Agathe taufchten bei 
den lekten Worten einen verjtändnisvollen 
Blick. 

„Finden Sie nicht, Frau Baronin,” wandte 
fich Die erftere dann an ihre Nachbarin, „daß 
grau Bleffen auffallend jung für die Mutter 
eines erwachfenen Sohnes ausfieht?“ 

„Freilich — aber fie ift e8 ja auch, fie zählte 
faum achtzehn Jahre, als Siegfried geboren 
wurde.“ 

„Unglaublich,“ fagte Frau v. Malten, „geben 
Sie Obacht, lieber Siegfried, man wird Ihnen 
in Berlin Yhre junge, interejjante Mutter ab- 
wendig machen.“ 

„Mir meine Mutter, wieſo?“ 

„Haben Sie nie daran gedacht, daß fie noch 
einmal heiraten fonnte 2” 

Siegfried blickte beinahe entjegt auf feine 
Mutter. Sie lächelte ihm innig entgegen und 
ihre tiefen, grauen Augen, die fo ausdrudsvoll 
zu leuchten verjtanden, blictten vertrauensficher 
in Die feinen. 

„sch würde Den Menfchen zermalmen, der 
fo etwas wagen könnte.“ 

„Sa, DaS würden wir, mein Junge, denn 
wir haben die Abjicht, uns noch manches Jabr 


zufammen zu amüfieren — bis ich graue Haare 
babe.” 

„Isa, bis du graue Haare Haft, nachher erft 
recht.“ 

Agathe war fchweigfam geworden und erft 
als das Effen beendet war und Frau Blejjen 
Agathe aufforderte, etwas zu fingen, belebte 
fich ihr Geficht wieder. Sie legte den Arm in 
den Sidoniens und ging mit ihr in den Salon 
zum Flügel. 

„sch bitte, jpielen Sie lieber, gnädige 
Frau,” jagte fie mit gefenften Lidern, „ich weiß 
nicht, ob ich fann — ich habe fo lange nicht 
gejungen.“ 

„sa, fo lange,“ ergänzte die Mutter, „Daß 
die Stimme ordentlich traurig ‚geworden ift. 
Mein armes Kind!“ Und fie trat an fie heran 
und ftreichelte ihre Wangen. 

„Wollen Sie nicht doch einmal den Verfuch 
machen?” fragte Siegfried teilnahmsvoll. 

„sh fürchte, daß es zu traurig ausfallen 
dürfte und dann .. .” 

grau BVleffen framte bereits in den Noten, 
fie wußte, daß Agathe nach dieſem Trauer- 
präludium doch fingen würde, ja daß fie fich 
Thon zu Haufe darauf vorbereitet Habe. Und 
fie hatte fich nicht getäuscht. 

Sie febte fich an den Flügel, um zu be- 
gleiten, Siegfried wandte die Blätter wm und 

Mufenalınanad) für 1900. 2 


— 18 — 


Agathe fang Lied um Lied. Für Sidoniens 
feines Riinftlerohr war diefer eingelernte, der 
Stimme aufgedrungene Gefang eine Qual, aber 
fie fügte fic) und blieb liebenSwiirdig gegen 
ihre Gajte, bis fie fich verabfchiedeten und 
Siegfried ihnen das Geleite durch die Duftige 
Sommernacht gab. 

„Kun?“ fragte fie dann, als fie mit ihrer 
mütterlichen Freundin allein war. 

„Fräulein v. Malten ift Tiebenswürdiger 
geworden,” fagte diefe in ihrer milden Weife, 
„auch bejcheidener, das wird wohl auch fo 
ziemlich der einzige Segen dieſer aufgeldjten 
Verlobung fein.” 

„Bei einer Yndividualitat wie der Agathes 
wäre das immerhin ein Gewinn. Aber leid 
thut fie mir doch, Doktor Köhler ift ein Cha- 
rafter, vielleicht hätte er etivas aus ihr machen 
können.“ 

„Ich kenne Fräulein v. Malten zu wenig,“ 
entgegnete die Baronin, „aber wahrſcheinlicher 
iſt es mir doch, daß er ſich von der Unmög— 
lichkeit dieſer Aufgabe überzeugte.“ 

Sidonie ſagte nichts mehr; ſie trat auf den 
Balkon hinaus und lauſchte den ſehnſüchtigen 
Tönen eines Cellos, welche melancholiſch kla— 
gend durch die Nacht zogen. 

„Sonderbar,“ dachte ſie, nachdem ſie die 
Varouin in ihr Zimmer begleitet hatte und in 


— 19 — 


ihr eigenes zurüdgegangen war, „mein Rahbar 
da hinter den Bäumen ift fein Künstler — aber 
er fpielt Weifen, die mich an meine Kindheit 
erinnern, an den Lago maggiore, die Sfola 
bella — was weiß ih — und fie fummte in 
ihrem Sinnen [eife die Melodien nach, welche 
Die Luft auf ihren Schwingen allabendlich 
durch das geöffnete Fenjter trug. 


— — — — — — — — — — 


Der folgende Tag war in der reizenden 
Villa der Frau Bleſſen ein Feiertag. 

Shr einziger Sohn hatte glücklich Das Gym- 
nafium abfolviert und trat nun, wenigjtens in 
feiner eigenen Meinung, als fertiger Menſch 
in die Welt. 

Sidonie fonnte fich der Thränen nicht ent- 
halten. Sie hatte bei allem Stolz und aller 
Freude dennoch das leife Ahnen, als jtelle nun 
auch daS Leben Anjprüche an ihr Kind, das 
bis jegt ihr ausfchließliches Eigentum gewesen 
war. Sie jtreichelte des Sohnes Wangen, fuhr 
durch fein Haar und gab ihm alle die Kofe- 
namen, wie fie fich der Mutterliebe auf die 
Lippen drängen. 

Unten in der Veranda legte die Tante Ba: 
ronin die legte Hand an die kleine, geſchmückte 
Tafel. Siegfried war ihr ans Herz gewachfen 
und fie war fto, daß fich ihre Vorausſetzungen 
erfüllten und der Sohn ihres Gugendgefpielen 


— 20 — 


Bleffen und ihrer Sidi — glänzend an diefem 
Ziele jtand. 

Sidonie hatte fic) in ihrer opferfreudigen 
Mutterliebe jelbjt übertroffen. Die projeftierte 
Reife, welche Papa Blejjen zur Belohnung für 
beide, Mutter und Sohn, tejtamentarifch be- 
jtimmt hatte, überließ fie ihrem Sohne allein 
und erlaubte ihm, ftatt ihrer feinen Freund 
Ludwig als Neifegefährten einzuladen. Sie 
hatte mit feinem Verſtändnis zwiſchen feinen 
Brauen diefen Wunjch gelefen, und als fie ihm 
an Diefem Morgen ihren Entjchluß mitteilte, 
zu Haufe bleiben zu wollen, um die Weber: 
fiedelung nach Berlin für das nächite Semejter 
vorzubereiten — ging es faft wie ein Schmerz 
durch ihre Seele, als fie das jtrahlende Glüd 
gewahrte, welches über ihres Sohnes Züge 
ging. Er war fo gerne — wenigftens feinen 
necfenden Kameraden gegenüber — felbjtandig, 
ihr guter Siegfried! Gie verjtand ihn daher 
auch und Die Freude über feine Freude ge- 
wann rajch wieder die Oberhand. 

Der Nachmittag wurde zu einem Ausflug 
auf Die Wartburg benußt. 

Vie Sonne leuchtete vergoldend durch das 
vom Regen Des vergangenen Tages erfrifchte 
Laub, die Vögel fangen und die Käfer fummten. 
Es war ein träumerifcher Sommertag! 

Sm Schatten des Marienthales angefommen, 


— 21 o 


Ichlich Sidonie den anderen nach. Siegfried 
hatte der Tante Baronin den Arm gegeben 
und plauderte mit ihr von der Bett, da er ein 
Knabe gewefen und der Vater mit Mama und 
thm diefe Wege gewandelt war. Er hatte 
ihnen von der Bedeutung der Wartburg ge- 
Iprochen, von ihren Sagen und Märchen bis 
zu der Zeit, da Martin Luther fie Durch feinen 
Aufenthalt mit unvergänglicher Glorie umgeben 
hatte. 

Siegfried hing mit verehrender Liebe an 
feinem verjtorbenen Vater, jedes Wort, das er 
mit ihm auf diefen Gängen gemechfelt hatte, 
bewahrte er in pietätvollem Erinnern. Sidonie 
lauſchte dem Geſpräch und begleitete es mit 
ihren Gedanken. Diefe glüdlichen Jahre — 
Siegfried hatte recht — waren niemals von 
einem Sturme der Welt berührt gewefen — 
mie ein einziger lichter Sommertag lagen fie 
vor ihrem Gedenfen. 

Und dod) — fie jeufzte! 

„Weißt du noch, Mütterchen,” fagte Sieg- 
fried, fich nach ihr ummendend, „als wir das 
legte Mal mit dem Vater hier Hinaufgingen? 
Es war an deinem jechsundziwanzigiten Ge: 
burtstage — hörst du nicht, Mama?” 

„sa, ich höre, mein Junge, eS war an 
meinem jechsundzwanzigiten Geburtstage —“ 

„sa, da fagte Rapa, daß er der glücklichite 


— 2 — 


aller Menfchen fein würde, wenn er nod) ein- 
mal jung fein dürfe, wie Du —“ 

„Ach ja — wie ich — ich hätte ihm fo gerne 
von meinen Jahren abgegeben —“ 

„And oben auf der Wartburg,“ fuhr Sieg: 
fried fort, ,angefichts des Sonnenunterganges, 
da fchlang er die Arme um uns beide — und 
füßte uns.” 

„Sa, er füßte uns.” 

Die Baronin ließ den Arm Siegfrieds einen 
Augenblid log und wifchte fich die Thränen 
aus den Augen. 

Sidonie, Die auf einen Abhang geflettert 
war und Blumen pflücdte, fprang herunter und 
Dachte wie getjtesabwefend: „Sonderbar, mir 
ijt es, als habe ich diefen Mtenfchen dort oben 
fehon einmal im Leben gefehen.“ Sie befann 
fich — fehiittelte Den Kopf und fann wieder — 
„vielleicht im Traume.” 

„Wir wollen diefe Blumen heute abend auf 
deines Vaters Grab legen, mein Junge,“ fagte 
jie dann aus tiefen Gedanfen heraus, „Du 
weißt, er liebte die Waldblumen über alles.“ 

„sa, Mütterchen, das wollen wir — und 
num fieh, da ift die Wartburg!“ 

„Std wir fehon oben?” fragte Sidonie er- 
jtaunt. Ahr war die Zeit nie fo rafch ver- 
gangen. 

Sonderbar, der Herr, der vorher an ihr 


— 23 — 


vorübergeſchritten war und ſie in ſo auffallen— 
der Weiſe betrachtete, hatte ſie an ihren eigenen 
Vater erinnert und beinahe den Gedanken an 
den Siegfrieds in den Hintergrund gedrängt. 

„Wie das komiſch iſt,“ ſagte ſie, den Arm 
auf ihres Sohnes Schulter geſtützt und über 
den Thüringer Wald hinab ins Thal blickend, 
„es drängen ſich uns oft Dinge auf, die uns, 
wenigſtens im Augenblicke, ferne liegen. So 
mußte ich, als du vorher von deinem Vater 
ſprachſt, an den meinigen denken. Wiſſen Sie, 
liebe Baronin, wohin uns unſer letzter Spazier— 
gang mit ihm führte?“ 

„Nun? Ich bin begierig. Dein Vater, Sidi, 
hatte ein feſſelndes Verſtändnis für die Natur — 
ja ein künſtleriſches, welches geradezu Unglaub— 
liches aus ihr herauszuleſen verſtand.“ 

„Ja — ſo war es,“ ſagte Sidonie zerſtreut; 
„Sie wiſſen, wir wohnten damals in der Mark — 
in einem Dorfe, wohin ihn Gott weiß welches 
Intereſſe geführt hatte. Meine Mutter und 
ich waren noch voll von Venedig und Rom 
und konnten dieſer Sandwüſte feinen Geſchmack 
abgewinnen. Da führte er uns eines Tages — 
um uns zu beweiſen, wie für das verſtändnis— 
volle Auge alles ſchön ſei — auf eine Anhöhe, 
nicht viel höher als ein Maulwurfshügel, ſtellte 
ſich zwiſchen uns und beſchrieb nun, einem 
Seher gleich, in ſeiner überlegenen, unwider— 


— 94 — 


jteblichen Art die Dinge, die uns umgaben: das 
Dorf mit der Fleinen, maurifchen Kirche, die 
wie verirrt einjt hier eine Heimat fand, das 
weite Thal, zuweilen fanft gehügelt, mit Diftel- 
firduchern und Farnkräutern — die leije vom 
Winde gehoben, fih traurig gegeneinander 
neigten; Dann wieder ganz flache, bde, etnfame 
gelder, Die uns zu feffeln begannen durch das, 
mwas mein Vater in fie hineinlegte. Die hohen 
Schorniteine der Fabriken am fernen Horizonte 
waren Leuchttürme in dem Sandmeere der 
Ebene.” 

Sidonie hatte wie im Traume gejprochen, 
mit jenem vagen Blid, der in Bildern irrt, 
die feine Gemeinschaft mit der Umgebung haben. 

Erit als Siegfried ihren Arm berührte, fagte 
fie, wie aus einem Raufche erwachend: „Das 
war unfer lekter Spaziergang, mein Sohn, 
wenige Tage nachher jtarb meine Mutter an 
einem Fieber, welches fie aus Stalien mit- 
gebracht hatte — und mein Vater — ich glaube, 
er fonnte nicht ohne fie leben, — fiechte und 
fiebernd folgte er ihr, Drei Wochen jpäter, 
nach.“ 

„Ja, das war eine traurige Zeit,“ jagte die 
Baronin leife; „und ein ewiger Yammer für 
die Kunst, denn die große Gupitergruppe, die 
dein Vater begonnen hatte und die er in jenem 
jtillen Thale Der Mark vollenden wollte — 


— 25 — 


wurde vorausfichtlich an einen Stümper ver- 
handelt — denn man bat nie mehr von ihr 
gehört. Wie viele großartigen Plane wohl mit 
thm geftorben fein mögen!“ 

„Damals famen Sie al guter Engel, Ba- 
ronin, und nahmen fih des ungefügigen 
Kindes an.“ 

„Stille, Meütterchen, feine fentimentalen 
Erinnerungen,” unterbrach fie Siegfried für- 
forglih, „du fandejt ja auch bald meinen 
Vater, der dir die Erde zu einem Paradiefe 
ſchuf.“ 

„Und meinen Jungen, meine ganze Welt,“ 
fügte Sidonie hinzu, ihren Kopf an ſeinen Arm 
ſchmiegend. „Kommt, wir wollen hier oben 
auf der Wartburg, angeſichts der ſich neigenden 
Sonne, dem Himmel näher und der Erde ent— 
rückt, ein Glas deutſchen Rheinweines auf das 
Wohl des Jungen trinken, deſſen Glück für alle 
Zeiten auch das meine iſt.“ 

Am anderen Abende reiſte die Baronin nach 
Berlin zurück. Sidonie wollte ihr einige Wochen 
ſpäter folgen, damit Siegfried, von ſeiner Reiſe 
nach dem Süden zurückgekehrt, gleich die alt— 
gewohnte Behaglichkeit in der neuen Wohnung 
finden möchte. Als er nach drei Tagen ab— 
reiſte, blieb Sidonie verſtimmt zurück. Sie 
konnte ſich nicht ſogleich darein finden, daß 


— 26 — 


Siegfried am legten Abende einer Einladung 
zu Maltens gefolgt war — und gwar ohne fie. 
Der Grund, daß eS nur ein paar junge Leute 
gewefen, die zu einem Lawn-Tennis-Spiel im 
Garten und Später zu einer Bowle gebeten 
waren, genügte ihr nicht. Malteng mußten 
wiffen, daß es die erfte, Die allererjte Trennung 
von ihrem Sohne fet — wenn fie auch feine 
Ahnung davon hatten, wie fchwer ihr diefelbe 
wurde. Am meijten befremdete es fie aber, 
daß Siegfried, dem Agathe Malten immer eine 
Bielfchetbe feiner Renndlerwie gewejen war — 
fo ganz felbjtverjtändlich diefer Einladung 
folgte. 

Als er indeffen — e3 war fchon beinahe 
Mitternaht — nah Haufe gefommen war, 
hatte er fich fo ehrlich gefreut, feine Mutter 
noch am Flügel zu finden, daß fie für den 
Augenblick wenigjtens alles vergaß, fih er: 
zählen ließ und nochmals den Abend mit ihm 
Durchlebte. Nur nach feiner Abreife, in die 
Iroftlofigfeit der leeren Räume zurückgekehrt, 
grübelte fie Darüber und fühlte fich verjtimmt. 

Als fich Sidonie am anderen Morgen er- 
Dob, war der Himmel grau und ein feiner 
Megen riefelte fanft Durch das Laub der Bäume. 
Ihr erjter Gedanfe war Siegfried, wo er wohl 
fein mochte, wie es ihm erginge und ob er fie 


— 27 oo 


vermißte. Vorausfichtlid) war er am Rhein, 
oder follte er des Wetters wegen in Frankfurt 
geblieben fein? Sie fing an, die langen, ein- 
famen Tage zu zählen bis zu feiner Wieder- 
fehr. Eine Trennung von ihm glich einer 
Tortur und fie quälte fich mit allen möglichen 
Unfällen, die ihm auf der Reife gujtopen 
fonnten. 

Erft nachdem fie einen ausführlichen Brief 
an ihn gefchrieben, in welchem fie alle für- 
forglichen Lehren niedergelegt, die fie ihm 
mündlich bereits gegeben hatte, wurde fie 
ruhiger und begann ihre Toilette. 

„Befehlen gnädige Frau das weiße Kleid?” 
fragte ihr Mädchen, nachdem Sidonie den 
SFriftermantel abgeworfen und ein paar fühne 
Griffe in ihr Wellenhaar gethan hatte, — eine 
ſyſtematiſche Regelmäßigkeit paßte nun einmal 
nicht zu ihrem Geficht. 

„sa, Dag weiße, es ift in den Zimmern 
unerträglich heiß.” 

„Uber wenn gnädige Frau ausgehen, es 
regnet.” 

„Dann warte ich, bis wieder die Sonne 
ſcheint.“ 

In ihrem kleinen Wohnzimmer angekommen, 
kauerte ſie ſich in einen behaglichen Seſſel und 
begann zu leſen, ſo wie ſie es faſt immer ge— 
than hatte, bevor Siegfried aus dem Gym— 


—> 28 — 


naſium nach Hauſe kam. Aber dann fiel ihr 
plötzlich ein, daß ja jetzt Ferien ſeien und 
wie luſtig und gemütlich ſie die immer zu— 
ſammen verlebt hatten. Heute eine Fahrt durch 
das Marienthal, morgen ins Gebirge hinein, 
wenn es recht heiß war — oben auf der Wart— 
burg diniert — Wieſenſträuße von allen mög— 
lichen Blumen gepflückt, deren lateiniſche Namen 
ihr Siegfried nannte, indem er dabei lachend 
behauptete, daß ſie dieſelben bis morgen wieder 
vergeſſen habe. 

„Ja, Siegfried hatte recht — das Buch war 
ihr längſt in den Schoß geſunken — das ſyſte— 
matiſche Lernen langweilte ſie — und hatte ſie 
immer gelangweilt. Wozu auch alle dieſe Namen 
in lateiniſcher Sprache? D, fie kannte fie trog- 
dem alle, dieſe Waldreben, Tauſendſchönchen, 
Königskerzen, Schlüſſelblumen und noch viele 
andere, die ſie ſelbſt getauft hatte — manchmal 
mit ganz geſcheiten Namen, wie ihr verſtorbener 
Mann gemeint. Gott ſei Dank, dieſen pedanti— 
ſchen Zug, alles genau nach Vorſchrift zu thun, 
wie es unſere Vorfahren auferlegt, den hatte 
Siegfried doch nicht von ſeinem Vater geerbt — 
etwas angelernt freilich — der arme Junge, 
er hatte ja auch niemanden kennen gelernt, 
den er ſo verehren konnte wie ihn. Hatte ſie 
ſelbſt nicht auch ihren Vater verehrt und leiden— 
ſchaftlich geliebt, — obgleich er ganz anders 


— 99 — 


gewefen und Blefjen immer von ihm behaup- 
tete, er babe jchlecht für feine Familie ge- 
forgt? 

Ya freilich — feufzte fie weiter — Vermögen 
hat er mir nicht binterlaffen, aber dafür eine 
Welt von Erinnerungen — wie waren wir oft 
fo unausfprechlich glücklich! ... 

„Ein fremder Herr mwünfcht die gnädige 
Frau zu Sprechen,” meldete der Diener. 

„Hat er feine Karte nicht abgegeben ?“ 

„Nein, der Herr fagte, daß er ein alter 
Belannter der gnädigen Frau fet.” 

Sie neigte den Kopf — „ich laffe bitten.” 

Ein alter Bekannter? — Sie hatte feine 
alten Befannten — feine Freunde — wer 
fonnte — —? 

Ein magerer, mittelgroßer Herr, mit dem 
Cylinder in der Hand, trat in die Thüre. 

Er verbeugte fidh Fühl. 

War das — nicht — derjelbe Herr, den fe 
tm Marienthal —? Nein — fie fannte ihn 
nicht — wer follte das fein? 

Jetzt lächelte der Herr. 

„Sidonia Bratelli — nicht Sidi, bei Strafe 
verboten,” fagte er, mit einem ironifchen Zuge 
im Geficht, die junge Frau, die ihm gegenüber: 
jtand, priifend. 

„Das wäre möglich — möglich,“ rief Si- 
Donie, die Hände ineinander fchlagend, „Günther, 


— 30 — 


der Efel, der mich fo unzähligemal gepeinigt 
bat?” 

„sa, Günther, der Efel, und Ihres Vaters 
alter Schüler, gnädige Frau, im Augenblide 
Günther Carpellen, internationaler Kunftmaler 
in Europa. — Und Sie?“ 

„SH? Du großer Gott, was weiß ich? 
Einſt Sidonie Bratelli, ein ungezogenes, über: 
mütiges Mädchen, welches einem drei Jahre 
älteren Knaben, oder beffer gejagt Künftler, 
nicht erlauben wollte, fie fchlechtweg Sidi zu 
nennen. Und heute? Nun, was bin ich heute — 
ich weiß es nicht.” 

„Eine glücliche, vornehme, beneidenswerte 
grau,” fam er ihr, fic) verneigend, zu Hilfe, 
„die ſchönſte Metamorphofe eines mageren 
Badftfches, die ein wandernder Künjtler unter- 
thanig erfucht, während feines flüchtigen Auf- 
enthaltes am Fuße der Wartburg, mit fiH 
plaudern zu laffen.” 

„sa, das bin ich — und auch die glücliche 
Mutter eines einzigen Sohnes — Günther, von 
Dent fie fich zum eritenmal trennte, und die fih 
dem wandernden Künftler zu Dank verpflichtet 
fühlt, wenn er ihr über diefe Beit hintiberbilft. 
Aber fagter Sie nicht, daß Sie Maler feien, 
wie gebt das zu?“ 

„Sehr einfach,” antwortete er, fich in einen 
Seſſel, Sidonie gegenüber, niederlaffend; „als 


— 31 — 


mid) Shr Vater in Rom zurücdließ, in der 
Meinung, dap ich bet Romer fleißig arbeiten 
würde, entdeckte ich, Daß es mit der Bildhauerei 
nicht3 fet, und als ich dann fchon nach wenigen 
Monaten von dem Tode Ihres Vaters hörte, — 
fattelte ich um und wurde Maler. Sch habe 
es nicht bereut. 

„Aber Sie, Sidonie, um Gottes willen, wo 
waren Ste inzwifchen; ich habe Sie, wie einen 
verlorenen Edeljtein, auf der ganzen Erde ge- 
fucht — Sie waren doch nicht alle diefe Jahre 
— — hier?” 

„Geſucht? Mih? Wo haben Sie mich ge- 
fucht, Günther?“ 

„Eſel, wenn ich bitten darf. Sch babe Sie 
gejucht überall, wo von einem muſikaliſchen 
Phänomen die Rede war, in den Konzertjälen 
aller bedeutenden Städte — in den Zeitungen 
— was weiß ich.“ 

„sn Den Konzertſälen — mich?” fagte Si- 
Donie jeufzend, „Das war zu weit gegriffen, 
viel zu weit.“ 

„Aber was haben Sie denn in aller Teufel 
Namen mit Bhrem folvijalen Talente ange- 
fangen?” fuhr es über die Lippen des Künft- 
fers, Bott wird Sie ja Darüber eines Tages 
zur Rechenschaft ziehen.” 

„Bas id) Damit angefangen babe? Sc 
babe — ja, ih Habe — was habe ich Denn?” 


— 32 — 


„Sie haben fich, wie man mir dort in Der 
Penfion erzählte, als Kind verheiratet, find eine 
reiche, vornehme Frau geworden und...“ 

„Und — und bin glüdlich,“ ergänzte fie; 
„ſo fagen die Leute — ja.” 

Sidonie hatte das Geficht gefenkt, die Hände 
über Die Kniee gefaltet und ftarrte zu Boden. 

Günther ließ feine Augen über ihre Züge 
und ihre Geftalt gleiten. Er verglich fie in 
GWedanfen mit dem aufgefdoffenen Mädchen 
von ebhedem, deffen ausdrudSvolles Gefidt 
immer fo ganz anders gewefen war, als das 
anderer Leute. Schöner und häßlicher — beides. 
Set in dieſem Augenblicde war fie fhón, in 
auffallender Wetfe Schön. Warum fie es war, 
das begriff er felbft nicht. Das wellige, üppige 
Haar freilich war e8 immer gewefen, auch die 
Brauen und Wimpern, die eben alles be- 
fchatteten, was ihre Augen fonjt auszujtrömen 
vermochten. Nur Nafe und Mund, die früher 
in dem mageren Geficht zu groß gewefen waren, 
Hatten fich dem volleren Oval angepaßt und 
jtörten nicht mehr. 

„Sie find viel hübfcher geworden, Sidonie,” 
jagte er in feiner imprefjionijtifchen Art, aus- 
zufprechen, was ihm einfiel. 

„Dann muß ich früher recht haplich geweſen 
fein,” gab fie gleichgültig, ohne die Augen auf: 
zuschlagen, zurück. 


— 33 — 


Günther antwortete nicht, feine Augen 
glitten über den ausgefuchten Luxus Des 
Rimmers und blieben dann an ihren fchlanfen 
Händen haften, die fie noch immer gefreuzt 
über ihren Rnieen hielt. 

„An was denken Sie?” fragte er dann. 

Sidonie reckte fich und fchlug ihre Augen auf. 

„An was ich denfe? An unfere zufammen 
verlebte Zeit in Rom, Günther — wie wir 
glücklich waren und forglos. Und wie dann 
alles auf einmal fo ganz anders wurde. 

„Sechs Monate fpäter ftand ich, in wirbeln- 
dem Schnee, auf dem Friedhofe eines fleinen 
Nejtes in der Mart und warf mic in un- 
geſtümem Schmerz auf die beiden fahlen Hügel 
nieder, die all Das jtille Glück mit fich hinab 
genommen hatten. Zu Haufe befanden fich in- 
zwijchen ein paar ehrbare Anverwandte meines 
Vaters und ſchimpften auf ihn, auf feine forg- 
lofe Lebensauffaffung — feinen Leichtiinn, und 
berieten, wo man mich unterbringen follte. 
Später erfuhr ich, irgendwohin als Stüße.“ 

Günther hatte fich erhoben und ging mit 
mächtigen Schritten im Simmer hin und ber. 

„Bum Donnerwetter auch,“ Enirfehte er in 
zurücgehaltener Wut, „dachten denn diefe Phi- 
lifter gar nicht an Ihr Talent?“ 

„An mein Talent? Sie kannten den Begriff 
Des Wortes nicht einmal, Günther, Ise nicht 


Mufenalmanach für 1900. 


— 34 — 


in dem Sinne, wie wir. Aber zum Glüd fam 
Papag Verehrerin und Freundin, die Baronin 
Schaden und nahm mich mit.“ 

„And Shr Talent, Ihr Talent, Sidonie, 
was wurde aus Ihrem Talent?” 

„Die Baronin ließ mich ausbilden — drei 
Jahre lang — gründlich. Wher du Lieber Gott, 
ich war fo faul, fo grenzenlos faul — und fo 
müde. Sechs Stunden täglich üben — nur 
üben — ich bitte Sie!“ 

„Das ift ein Unfinn,” ſchrie Günther in fie 
hinein — „Shnen — Shnen diefe verfluchten 
Anforderungen an die Technik! Freilich, das 
muß alles nach einer Schablone gehen — ob 
dabei die Individualität, jede künſtleriſche 
Eigenart zerjtört wird, das bleibt fich ja gleich.“ 

„Nicht wahr? D, Sie verjtehen mich, 
Gunther, Ste haben mich immer verftanden.” 

„Xa, DAS weiß Gott, auch damals, als Sie 
mich einen Lehrjungen fchimpften und ich 
Ihnen die Zunge herausjtrectte — ich glaube, 
es war in der Campagna.” — 

„Sa, Sie wollten wieder einmal meine lange 
Nafe in den Sand zeichnen — —“ 
= „Weil Sie niemals parieren wollten beim 

Ballfchlagen.”“ 

„Und Sie zu große Anforderung an meine 
Kräfte flellten.“ 

„sa, gezanft haben wir uns ehrlich, das 


—e 85 — 


weiß Gott, aber vergeffen fonnte ich Sie Doch 
nicht, Sidonie, niemal3.” 

„Eben deshalb, weil wir uns fo ehrlich 
zankten,“ fagte fie. 

„Sch freute mich wie ein Schneefdnig,” fuhr 
er fort, „als ich mih, nachdem ich Shnen im 
Marienthal begegnet war, in der Penſion nach 
Ahnen erfundigte und erfuhr, daß Ste Die 
Tochter eines berühmten Bildhauers feien.” 

„Hatten Ste mich nicht erfannt 2” 

„Nein, aber aufgefallen waren Sie mir — 
und dann, alg man mir das fagte, da wußte 
ich, wer Sie waren. Nun, ich gratuliere Ihnen, 
gnädige Frau, — oder auch nicht, dap Herr 
Hofrat Vleffen Sie von diefer Uebetortur er- 
löjte. Yeh nehme an, dap er es that.” 

„sa, — ja — er that e8. Gch follte eines 
Abends Roffinis Stabat mater fpielen — wie 
ich jpäter erfuhr, ein Lieblingsſtück des Hof- 
rats — e3 war Gefellihaft da — und ich — 
ich wollte nicht.” 

„Sie wollten nicht?“ 

„Nein, ich wollte nicht, weil ich nicht fonnte. 
Sch fonnte unmöglich vor diefem dicen, ma- 
teriellen Ehepaare, das nicht Das Geringite von 
Muſik veritand und jtets Dazwischen flüjterte 
und aß, Stabat mater fpielen — und ich wollte 
es auch nicht.“ 

„Bravo, Sidonie, das war wenigitens noch 


—e 36 — 


ein Zug Ihres alten Ichs. Und — deshalb — 
deshalb heiratete Sie der Hofrat?” 

„Wenigſtens fam er hinter mir her, als ich 
das Zimmer verließ — und ich fagte ihm — 
er verjtand wirklich etwas von Muſik — meine 
Gründe.” | 

„sa, deutſch fonnten Sie immer fprechen, 
wenn Sie im Werger waren.” 

„ber das Heftigfein habe ich verlernt, 
Günther,” fagte fie naiv traurig, „denn feit- 
dem ich Bleffens Gattin wurde, hat mich nichts 
mehr geärgert.” 

„Sie Glückliche!“ feufzte er und reichte ihr 
Die Hand zum Abjchied. 

„Wollen Sie fchon gehen?“ 

„sa, aber wiederfommen, wenn ich darf.“ 

„Wann wollen Sie wiederfonmen? Mor: 
gen?” 

„sa, morgen gegen Abend, dann fpielen 
Sie mir etwas —“ 

„sa, das will ich, das will ich.“ 

„Ufo auf Wiederfehen, gnädige Frau.” 

„Auf Wiederfehen.” 

Günther — wie merfwiirdig — und fein 
Traum, Dachte Sidonie, als er gegangen war 
und fie ftarr auf derfelben Stelle blieb, wo er 
fich von ihr verabfchiedet hatte. Sidonie Braz 
telli — wie dumm und findifch ich damals war — 


—o 37 — 


o Wott, ich hatte diefe Zeit meines Lebens bei- 
nahe vergeffen. — — — 

Sidonie lebte den ganzen Tag wie in einem 
Traume, fie wunderte fich, als e3 fchon Abend 
wurde, und fonnte e8 nicht faffen, wohin die 
Stunden verflogen waren. Es war Doch eine 
ganz andere Tonart gewefen, in welder fich 
ihr Leben im Elternhaufe abgefpielt hatte — 
fo bewegt und mannigfaltig — ihr guter Mann 
freilich hatte es ein Vagabundenleben genannt, 
als fie ihm in der erjten Zeit ihrer Vermah- 
lung davon ſprach — fie wußte noch ganz 
genau, wie weh eS ihr that — und mie fie 
dann alle Erinnerungen einfargte und ftille 
blieb. Sn gewilfem Sinne hatte er ja recht 
gehabt — aber dennoch — eS war fo jchön 
gerwefer ! 

Und wieder verfenften fic) ihre Gedanfen 
in Diefe goldenen, ungebundenen Stunden freien 
Wanderlebens. Und dann dachte fie an Günther, 
fie hatte in der Freude des Wiederjehens gar 
nicht nach feinem eigenen Leben gefragt. Voraus- 
fichtlich war eS eine Fortfehung jener unjteten 
Zeit von damals. Sein Geficht Jah müde aus. 
Db er gelitten hatte — gedarbt? 

Und fie blickte ummillfürlich auf ihr eigenes 
frifches, junges Spiegelbild, in welches Die 
Sahre noch feine einzige Furche gezogen. 

ya — gewiß — fie war glücklich — es 


—e 38 — 


feblte ihr nichts — felbft der Tod ihres Mannes 
hatte nichts Zerſtörendes zurückgelaſſen. — 

Iene Macht freilich, alS er mit einem fo 
guten, vielfagenden, ſchmerzvollen Blick ihre 
und Siegfrieds Hände ineinander gelegt hatte 
und dann mit immer ftillerem Atem fanft ver- 
ſchied — als wolle er ihr felbjt diefe herbe, unver- 
meidliche Stunde mildern — diefe Nacht freilich, 
die hatte Schatten über ihr Leben gewarfen. 
Schon um Siegfrieds willen — er hatte fo ge- 
litten! Aber dejto inniger war fie mit ihm ver- 
bunden und lebte nur für ihn — wie ihr guter 
Mann es gewünſcht hatte. Und dann war 
Qahr um Jahr vorübergefchlichen, ſpur- und 
ſchmerzlos — glatt und geebnet. — 

ABS fie abends im Bette lag, vernahm fie 
wieder jene fernen Gellotöne — und jet wußte 
fie, daß e5 Günther war, der fpielte, und daß 
es eine italienische Weife fei, die in Neapel 
Die Schiffer fangen und in Rom die Knaben 
jummten, wenn fie auf den Rirchentreppen 
lungerten. — 

Am anderen Morgen beim Frühjtüd fand 
jie den erjten Brief Siegfrieds. Mit jtrahlenden 
Augen griff fie Danach und vertiefte fich in die 
lieben, lieben Züge! Wie er glücklich und herz- 
lich ſchrieb, als ob er neben ihr fie und fie 
feiner Stimme laufche. Sie lächelte felig vor 
fich hin. Wie würde er fich freuen, wenn auch 


— 39 — 


fie ihm erzählen fonnte von Günther — ihrem 
lieben Jugendgefpielen — von — — | 

Merfwiirdig, fie hatte eigentlich bis jest 
Günther niemals erwähnt — ja — fie hatte 
ihn beinahe vergeffen. Und nun, da er wieder 
da war, fam es ihr doch vor, alg läge in der 
fernen Zeit, die fie mit ihm verbracht, ihr 
eigentliches Leben ... 

Sie hatte das Abendbrot im Garten be- 
foblen, dort wartete fie auf Günther am Gitter- 
thore. 

„reuen Sie fic), dab wir uns wieder- 
gefunden haben, Sidonie?” fragte er, ihr 
gegenüber in dem Heinen Tempel Play nebh- 
mend und herzinnig in ihr leuchtendes Geficht 
blicfend. 

„Und ob ich mich freue,” gab fie warm 
zurück und verfenfte die Augen in fein Geficht. 

Er faute fie an, als fönne er fih nicht 
fatt an ihr fehen, fo hübſch erfchien fie ihm 
ziwijchen dem wilden Wein, der daS Dach des 
Tempels umrantte. 

Während des Effens fprachen fie beide 
nichts — nur ihre Augen ftrahlten ineinander 
und zuweilen ſtreckte er ihr, al$ Ausdruc der 
Freude, Die Hand entgegen, in welche fie dann 
jedesmal die ihre vergrub. 

Als fie geendet hatten, reichte er ihr den 
Arm und führte fie Durch Die Blumenwege des 


— 40 — 


Garten3. Seitwärts leitete durch Bosfette ein 
Pfad auf eine von Buchen bejchattete Anhöhe. 
Sie blieb ganz verſteckt und man gemahrte fie 
erft, wenn fih am Fuße die Büfche teilten und 
man vor der Bank ftand, die fich an einen der 
Baumſtämme lehnte. Man hatte von hier den 
Ausblic auf zadige, geborjtene Felswände und 
fab im Hintergrunde — jebt im blaffen Dammer- 
licht — das Profil der Wartburg. 

„Donnerwetter, wie ift es hier fhón,” fuhr 
e3 gedanfenlos über die Lippen Giinthers, 
während er Sidoniens Arm freigab und fih 
auf der Bank niederlief. 

„Das ift Stdoniens Heimat,” fagte fie voll 
Stolz, ihm diefe Ueberrafchung bereitet zu 
haben. 

„Stooniens Heimat?” 

„Warum nicht?“ gab fie feufzend zurücd, 
„ih hatte mir im erften Jahre meiner Che 
Diefen Platz ausgedacht — Bleffen wollte ihn 
‚Stooniens Ruhe‘ taufen — aber Rube, mein 
Wott, die war ja überall.“ 

„And bier oben,” fügte Günther Hinzu, 
„wollten Sie ungeftört an Ihre Heimat denken 
— war es nicht jo?“ 

Sidonie antwortete nicht, fie hatte ja eigent- 
lich nie eine Heimat befeffen, aber diefer un- 
geitörte ‘Bla — diefer weltverlorene — follte 
die Heimat ihrer Gedanken fein. 


— 41 — 


Günther betrachtete fie. Ihr Profil zeich- 
nete fic) fcharf in dem grauen Dämmern der 
Nacht — er las beinahe alles in diefen Linien, 
was fie dachte, aber er jagte nichts. 

„Sie haben mir noch gar nichts aus Ihrem 
Leben erzählt, Günther,” unterbrach fie plo: 
lich das Schmeigen. 

„Aus meinem Leben? Es ijt nicht fo glück— 
lich gewefen wie das Shrige, Sidonie — aber 
wer weiß, vorausfichtlich hatte mich ein folches 
auch nicht glüdlich gemacht.” 

„Rommen Sie, ich werde Yhnen etwas vor- 
fpielen,” fagte Sidonie rafd, „vielleicht ver- 
jtehen Sie dann bejjer, daß das Greifbare 
unferes Erlebten nicht alles ijt, was wir er- 
leben.“ 

„Und fie gingen, in Gedanken verfunfen, 
durch den Garten ins Haus. 

Oben, im Salon angefommen, ließ fi 
Günther in einen Gejjel neben der Veranda 
nieder. Draufen über den Wipfeln der Bäume 
lag jtiller Friede und hinter der grauen Stein- 
wand erhob fich leife und fehnfüchtig der Mond. 

„Wie ftill und Schön es hier ift — wie 
traumhaft ſchön!“ und während er mit der 
Hand durch fein Haar fuhr, dachte er an Gi- 
Donte und feltfamerweife auch an das, mwas 
das Glick in ihr vergraben und verfchüttet 
hatte. 


— 42 — 


Weiche, hingehauchte Bräludien vom Flügel 
ber begleiteten feine Gedanfen, weiche, fehn- 
fiichtige, auf Engelfchwingen getragene Töne 
— — fie wurden ftärfer, immer jtärfer und 
fraftvoller, fie ergoffen fich in Harmonien, wie 
er ähnliche niemals vernommen hatte. Bald 
waren e3 Motive aus „Triftan und folde”, 
Die fie heiß und leidenfchaftlich verwertete, 
bald Donnernde Accorde der „Walküre”, wie fie 
Wagner gedacht und für den Flügel verkörpert 
haben würde. 

Günther hatte fich erhoben und ftand neben 
ihrem Stuble, — ihre zarten, ſchlanken Finger 
flogen über die Taften. 

Wie war das möglich, wer hatte fie das 
gelehrt? Das waren ja Dinge, die fie im Leben 
niemal3 berührt hatten — Glut — Leiden: 
haft — Hap — Elend... 

Der legte Accord war verhallt — Sidonie 
erhob fich lanafam, fie atmete ſchwer. Günther 
ergriff ihre Hände. 

„So — gerade fo habe ich mir einjt ge- 
dacht, daß Sie fpielen müßten, Sidonie — 
dichten, aus Ihrer Seele heraus — Gott fet 
Dank — ich hatte alfo dennoch nicht zu hod 
gegriffen!“ — | 

Sivoniens Augen feuchteten fich — aber fie 
fehluctte energifch die Thränen hinunter, die 
aufiteigen wollten. 


— 43 œ 


Das war der gliiclichfte Augenblic ihres 
Lebens!! 

Günther trat auf den Balkon und jtarrte in 
Die mondhelle Nacht — die verfilberten Stein- 
wände recften fich ftarr und einfam im lichten 
Aether und in den Wipfeln der Buchen regte 
fich vernehmlich das Weben der Sommernacht. 

„ie herrlich!” hauchte er. 

„Was denfen Sie, Günther?” fragte Gi- 
donie, nachdem fie eine Weile neben ihm ge- 
jtanden, während er immer noch fprachlos in 
die Nacht ftarrte. 

„Daß ich der glüdlichjte Menſch fein müßte, 
wenn ich allabendlich, nach des Tages unfeligen 
Qualen und Zweifeln, wie fie ein Künjtlerleben 
mit fich bringt — Ihrem Spiele laufchen dürfte, 
Sidonie — — — Ah bah!” unterbrach er fich 
dann felbjt, den Kopf zurüchwerfend, „Das find 
ja doch nur fentimentale Flirren, wie fie uns 
zumeilen in jtillen Nächten — wenn der Mond 
Tcheint und die Nachtigall fehluchst, befchleichen, 
— aber ich darf doch nun wenigitens denten, 
daß Sie glückliche Stunden haben.“ 

„Blücliche Stunden —“ feufzte fie trau- 
merifch, „ja, die Habe ich — ich habe fie aber 
nur durch meinen Sohn, Günther.” 

„Und in der Zufunft? Was haben Sie 
für Pläne, jet, wo Shr Sohn in die Welt 
tritt?” 


—> 44 — 


„Mit ihm zu leben, unzertrennlich zu leben,” 
gab fie rafch zurüd. 

„Nein — das wäre nicht gut, Sidonie, das 
dürfen Sie nicht — die Mutter muß den Sohn 
freigeben — e ijt das ein altes, herzzerbrechen- 
des Gefek des Lebens.” 

„Mein armer Siegfried — o, Sie wiffen 
nicht, Günther, wie fehr auch er feine Mutter 
liebt!” 

„D gewiß — er liebt Sie — vielleicht 
mehr als alles auf der Welt — aber deshalb 
laffen Sie nicht eine Stunde fommen, wo 
er diefe Liebe als Bürde empfinden müßte! 
Es ijt Gefek des Lebens, ich wiederhole 
es, Sidonie, und fo wird auch Ihr Sohn fein 
eigenes Leben leben — und dann — dann 
werden Gie ihn vielleicht erft recht lieben, 
um des Opfers willen, das Sie ihm gebracht 
haben.” 

Sidonie fenfte das Geficht. 

„Sie meinen, wenn die Liebe fommt — 
wenn —“ hauchte fie leife — „o Dann werde 
ich erft recht glücklich fein.“ 

Günther regte fih und nidte jtill vor fich 
hin, als ſähe er Dinge da auffteigen, von 
denen fie noch feine Ahnung habe — Dinge, 
die er ihr nicht abnehmen fonnte. 

„Soll ich Ihnen morgen wieder etwas vor- 
fptelen, Günther?” fragte fie leife. 


— 45 — 


„Sa, morgen — morgen und dann — mer 
weiß ob dann je wieder?” 

Er war blab geworden, während er das 
ſprach — auch Sidonie griff unmwillfürlich nad) 
dem Herzen. 

„Sie wollen doh — nicht — Schon fort?“ 

„Ich muß — ich muß, Sidonie.” 

„sch wurde jahrelang ohne Glück und ohne 
Erfolg in der Welt herumgezerrt,“ fuhr er 
dann heftig bewegt fort, „bis mich im vorigen 
Jahre ein Auftrag, ein fehr ehrenvoller, mit 
deffen Refultaten fich meine Bufunft begründen 
dürfte, nach Petersburg rief. Es handelte fich 
um die Fresfen eines Kunfttempels. 

„Dort angefommien, begab id) mich mit einer 
Freudigkeit an die Arbeit, wie noch mie zuvor. 
Alles war günjtig, felbjt mein Atelier und dic 
Wohnung, die ich inne hatte. Und da — —“ 

„Yun, und da?” fragte Sydonie, als Gün- 
ther plößlich fchiwieg — und eine dunkle Wolfe 
fich über fein Geficht legte. 

„Nun ja, teh mußte plößlich abreifen, mitten 
in der Arbeit.“ 

„Sie mußten abreifen ?“ 

„Weil — weil meine Frau im Gterben 
lag” — jtieß er gequält hervor. 

„Sind Ste — verheiratet?“ 

„sh war es. Meine Frau ift tot.” 

Sidonie näherte fich thin. 


— 46 — 


„Berfuchen Sie nicht, mich zu tröften, Gi- 
donie — fie ift tot — und ihr ift wohl.“ 

„Aber Sie, Günther? Sie?“ 

„sh? Yeh gehe nun zurüd nach Peters- 
burg — ih muß.“ 

„Sie leiden, Günther — Sie haben Spre 
Frau geliebt?“ 

„Rein. Sch habe jie geheiratet, weil mir 
Das bindende Wort in einer Stunde des Affektes 
entjchlüpfte — fie hatte — was weiß ih...“ 

„Was hatte fie, Günther?” 

„Etwas, das mich an Sie erinnerte, Gi- 
Donie, wenn Sie eS denn wiffen wollen — 
ich glaube, es lag im Tone der Stimme — 
aber e8 war doch nur eine Täufchung ge- 
wefen.” 

Sidonie lehnte an der Valujtrade des Bal- 
fones, Das Mondlicht fiel feitlich über ihr Ge- 
jicht — fie war blab geworden und ihre Tippen 
bebten. 

Wie ein Rauſch fam e3 über fie. — O 
Gott — und nun? — Wenn damals...? 

„Oute Nacht, Sidonie, vergeffen Sie, was 
ich fagte,” tinte feine Stimme rauh wie Erz 
in ihr Empfinden hinein. „Was liegt auch 
weiter Daran — aber fchade — fade bleibt 
es doch — wir hätten beide das Zeug Dazu 
gehabt. — Gute Nacht!“ 

„Günther — Ste tommen dod) wieder 2” 


— 47 — 


„a — morgen — und dann fort nad 
Petersburg.” 

Er ging zur Thitre ohne fie anzufehen, 
ohne ihr die Hand zu reichen. 

Sidonie hörte feinen Tritt — erft auf der 
Treppe, dann im Garten. — 

Die Nacht war ftill. Aber fie fonnte nicht 
jchlafen — fie Ddmmerte nur in einem Ginnes- 
raufche, der fie bejeligte. — Als fie fih am 
anderen Morgen erhob, fam ein Glicsempfin- 
den über fie, wie fie es noch nie im Leben 
gefannt hatte. Wo es herfam, was e3 war — 
fie begriff es nicht. Sie erwog jedes Wort, 
das Günther gefprochen hatte, jeden Ausdruc 
feiner Züge — eS kümmerte fie nicht einmal, 
daß fie fcheiden follten, denn er ließ ihr etivas 
zurüd, etwas Unnennbares, Ewiges — wonach 
fie gedarbt hatte in Reichtum und Fülle — 
etwas, mas — nein — was fie niemals be- 
jejfen hatte! — Sie verlebte den ganzen Tag 
im Garten, zwischen ihren Blumen, dachte an 
Die Bedeutung jeder einzelnen, und pflückte fie 
zum Straube. Nachmittags machte fie befon- 
dere Toilette — fie 309 ein rofa Batijtkleid 
an mit Spibenfalben, die malerifch über Hals 
und Arme fielen — eigentlich eine Geſellſchafts— 
robe — und befeftigte die fchönjte Rofe des 
Gartens in ihr Haar. 

Sp traf fie Günther, als er ihn gegen 


— 48 — 


Abend betrat. Er blieb unmillfürlich ftehen, 
al miiffe er das Bild, das zauberifche, dort 
zwijchen den Bosketten fefthalten zu ewigem 
Gedenken. 

„Erwarten Sie Geſellſchaft?“ fragte er dann 
beinahe tonlos, als er nun auch den Roſen— 
ſtrauß bemerkte, den ſie am Buſen trug. 

„Geſellſchaft? Nein! Ich erwartete Sie, 
Günther.“ 

„Mich?“ 

„Ja, Sie — und — da habe ich mich für 
Sie geſchmückt. Sie liebten ja immer die 
Roſen — ſo ganz beſonders.“ 

„Sidonie — Sidi — o Gott, haben Sie 
denn nicht daran gedacht, daß wir ſcheiden 
müſſen — ſchon heute? — Oder — — —“ 

Sie gab keine Antwort — ſie neigte das 
Geſicht. 

Er blickte auf ſie nieder, wie ſie da vor 
ihm ſtand, unbewußt alles deſſen, was kommen 
mußte — und er empfand das tiefſte Mitleid 
mit ihr. 

Das alſo war das hochgeprieſene Glück ge— 
weſen, das die Welt hinauspoſaunt, — daß 
man ſie in Reichtum und Wohlleben vergraben 
hatte, — Keime, goldene Keime in ihr erſtickt 
und andere hineingeſenkt, die nun doch nicht 
mehr ausgerottet werden konnten — und die 
ſo weit — weit ab von ſeinem eigenen Wege 


— 49 œ 


lagen. Er warf energifch den Kopf zurücd und 
reichte ihr den Arm. 

„Kommen Sie, Sidonie,” fagte er, „Sie 
haben recht, wir wollen heute abend glücklich 
fein, — die Vergangenheit vergeffen und den 
Schleier ungelüftet laffen, der die Zukunft 
verhüllt.” 

„Wir fpeifen oben in der Veranda, Gün- 
ther,” fagte fie fchitchtern, „neben meinem Muſik— 
zimmer — ich habe mir ausgedacht, Ihnen zum 
Nachtiſch Phantajien über die Beethovenjche 
Mondfcheinfonate zu fpielen — fo wie Sie hat 
mir noch nie jemand zugehört.“ 

„Und Shr Mann? Sie fagten doch, er habe 
Musik verftanden ?” 

„O ja, febr gut — aber nicht die meinige. 
gür ihn gab es nur die Haffische Muſik alter 
Meijter — da durfte feine Note fehlen. Ich 
mußte üben bis zur Berzweiflung.“ * 

„Aber fagten Sie mir nicht,” fragte Günther, 
jtehen bleibend und wieder in das gefenfte 
Geficht der Frau fehend, die an feinem Arme 
hing, „daß Bleffen Shnen nie einen Kummer 
bereitet habe?“ 

„Das hat er auch nicht, gewiß niemals.“ 

„Und Sie, hatten Sie nicht zuweilen andere 
Bedürfnijfe — zu reifen, Künjtler zu hören, — 
die Welt zu fehen?” — 

„O freilich, freilich hatte ich das, edi mein 


Mufenalmanach fiir 1900. 


— 50 — 


guter Mann meinte, das fet nicht ratfam für 
mein Temperament — und noch weniger fir 
ihn — und unfer Kind — aber dagegen er- 
füllte er mir jeden Wunſch im Haufe.“ 

ALS fie in der Veranda angefommen waren, 
fuhr Sidonie harmlos fort: „Wiffen Sie, Lieber 
Günther, anfänglich wurde mir dieſes Leben 
hier recht fchwer — es war jo anders, als 
ih e3 zu Haufe gehabt hatte — ich jehnte 
mich hinaus — hinaus. — Manchmal träumte 
mir fogar, daß ich arm fei und frei — und 
fpann ganze Gebilde eines Lebens aus, wo 
man Denfen, jagen, lieben durfte, was man 
wollte — dann war ich glüdlich — glüdlich! 
Aber — —“ 

„Run, aber —“ forjchte Günther unge- 
duldig. 

„Ich hatte bald nachher mein Kind, meinen 
Siegfried. Da wurde eS beffer, da war alles 
gut. — O, Sie wijjen es nicht, wie die Mutter- 
liebe beglüct, Günther!” 

Sie hatten inzwijchen an dem fleinen, ge- 
deeften, runden Tifche Plage genommen und 
Sidonie legte ihren Gajte vor. 

„Hier, Günther, fehen Sie,” fagte fie nach 
einer Weile, als der Diener eine neue Platte 
brachte, „italienische Maccaroni, die Ste immer 
jo bejonders liebten, bitte, nun effen Ste auch 
— damals befamen Sie nie genug.” 


— 51 — 


„Sie genug, nein — und heute — heute 
will mir nun gar nichts fchmeden. Geben Sie 
mir Ihre Hand, Sidi, Sie gute Seele!” 

„Und er aß — die Augen auf ihrem Ge- 
ficht, bis er Jchließlich die Gabel niederlegte 
und traurig in die erne blickte. 

Sidonie ftand auf, ging in das Nebenzimmer 
zum Flügel und ließ ihre Finger über Die 
Tajten gleiten. Zuerjt fanft und bewegt, wie 
das Säufeln der Blätter in einer lauen Sommer: 
nacht, dann ftärker und ſtürmiſcher — wie auf 
wogenden Lebenswellen — bis mächtigere Ac- 
corde in rubigere Weifen führten — und ihr 
Spiel groß und bedeutend wurde — gleich 
überwundenem Erdenleid. 

Günther fap ruhig und lehnte an der Thüre 
der Veranda — er nickte in ftummem Schmerze 
vor fich hin. 

„Nein, nein,” Dachte er, „feine neuen Kon- 
fltfte in dein Leben bringen. Du arme Seele, 
was ich mit mir nehme, tt ja Doch grenzen- 
los!“ Und dann laufchte er dem Spiele, Dem 
wunderbaren, und feine Zähne Inirfchten. Er 
hätte etwas zermalmen mögen — etwas, Das 
weder Gejtalt noch Namen hat, — aber was 
die Menſchen gut und edel nennen, objchon es 
zerjtören und vernichten fann. 

„Haben Ste mein Spiel verjtanden?“ flüjterte 
eS fanft, wie die Lüfte Der Campagna, in fein 


—> 52 o 


wildes Denfen hinein. Sidonie ftand an feiner 
Seite. 

„&3 war eine himmlifche Begleitung zu 
meinen unjteten Gedanfen, Sidonie; es thut 
fo weh, daß wir jcheiden miiffen. So weh!” 

Sidonie antwortete nicht, aber er fühlte 
plöglich einen heißen Tropfen auf feiner 
Hand. 

„Nicht weinen, Sidonie, nicht weinen, ich 
fann e3 nicht ertragen. Komm, fege dich eine 
furze Weile, bevor wir fcheiden, dort an meine 
Seite auf den Diwan, da wo der Mond dein 
Geficht jtreift, und fage mir — aber ganz leife, 
hörst du — ob du e3 begreifen fannjt, was 
aus unferem Leben geworden wäre — wenn 
wir uns damals — hörſt du, damals — ge- 
funden und wir gewußt hätten — was wir 
heute wiſſen? Bleibe ftill, Sidi, weine nicht, 
[eg deinen Kopf an meine Schulter — feft, — 
damit ich ihn fühle all mein Leben lang. Du 
weißt es ja nicht, wie ich dich gefucht habe — 
wie um Did) gelitten. 

„Weißt Du auch, Sidi, dap wir eigentlich 
von heute an erft leben? daß wir nicht mehr 
vegetieren? Daß unfere Gedanken in der großen 
Hetnatlofigtcit der Erde eine Zuflucht gefunden 
haben, und über der düjteren Mifere trium- 
phierend, eine ewige Leuchte auf den Altären 
unferer Seelen brennt. Weißt Du es, Sidi?“ 


— 53 — 


„Günther — warum — marum?” jtöhnte 
fie, ihren Kopf regungslos an feiner Schulter. 

„Barum? Sa, Sidi, warum? — Weil uns 
das Leben auseinander zerrte, andere Dinge 
dir heilig wurden, die ich nicht bin — andere 
Pflichten ..... Stille, ftille, ich bin ein armer 
Invalide, mit ergrauendem Haar — was mir 
das Leben auch genommen hat — wie oft ich 
e8 verflucht habe, Sidi, heute feqne ich e8 — 
heute. — Komm an mein Herz, Sidi, feft, 
fejter! Go, und nun fage e8 mir — nur ein- 
mal, ein einziges Mal — und dann gehe ich 
und nehme das Wort mit mir — bis du mich 
rufen wirft — fei es morgen, — fei e8 in 
Jahren, fet es in der Todesitunde. Aber fprich 
e8 aus — nur ein einziges Mal, Sidi, fage es, 
daß du mich Liebjt!" — 

„sh fann nicht, Günther, ich fann nicht, 
mein ganzes Sein ijt Liebe. — O, ein folches 
Glück — ein fo wahnsinniges — ich habe es 
nicht gewußt, daß es möglich fei!” 

Günther glitt zu ihren Füßen nieder, um: 
fapte ihre Kniee, tajtete nach ihrem Kopfe und 
prete feine Lippen auf ihren Mund. ... 

Der Mond ergoß fein Licht über die beiden 
Verirrten, die fich verloren hatten und wieder 
gefunden. Die Nachtluft raufchte Teife im Bos- 
fett, Die Käfer jummten und die Blumen duf- 
teten. 


— 54 — 


Günther rip fih gewaltfam los. „Lebe 
wohl, Sidonie, meine Heilige, Einzige, das 
Leben fcheidet uns nicht — wohin es uns auch 
verschlägt. — Lebe wohl! — — — — — — 
Lebe wohl” — der Ton fummte noch in Sido- 
niens Ohren nach, er fummte durch die Leifer 
Gerdufde der Nacht, durch das Zittern der 
Blätter — das Tropfen der Fontane. Grit 
als die Luft auf ihren Schwingen ihr die felig 
Hagenden Melodien von Giinther3 Cello, als 
legten Gruß, in die Seele trug, — fant fie in 
die Kniee nieder und dankte Gott für den un- 
ermeflichen Reichtum diefer Liebe. 

Den folgenden Tag verbrachte Sidonie in 
ihrem Garten. Es war etwas Gropes über fie 
gefommen, etwas die Seele Erhebendes, was 
fie unbewupt gefucht und doch nicht gefunden. 
Sie hatte das Gefühl, als habe fie nun erft 
das Leben begriffen und niemals die jtillen 
Freuden, die fie umgaben, inniger genoffen als 
heute. Selbjt unter der Trennung litt fie nicht. 
Giinthers Liebe umfchwebte fie und mit ihr 
Das bejeligende Bewußtſein, einem Mtenfchen 
das Höchjte gegeben und das Höchſte von ihm 
empfangen zu haben. 

Am Abend öffnete fie den Flügel, ohne 
die Tajten zu berühren. Gie blickte auf die- 
jelben nieder, wie. zu einer Quelle großer, 


— 55 — 


wunderbarer Freuden. Welche Wunder feeli- 
fchen Lebens — fei e3 Glück oder Schmerz — 
würde fie ihnen entlocfen! 

Spielte fie nicht jebt für ihn — für Günther, 
und durfte in Tönen ausftrömen, wofür es 
feine Worte gibt? 

Sie träumte noch im Anblicke des Flügels, als 
der Diener geräufchlos die Portiere öffnete und 
ihr den Teller mit einem Brief entgegen hielt. 

„Roch eine Poft?” fragte fie erjtaunt. 

„Nein — ein Bahnbedteniteter gab den Brief 
ab für die gnädige Frau, — er fei von einem 
Fremden.” 

„Ab, Schon gut, ich weiß. Zünden Sie die 
Lampe in meinem Zimmer an, Peter.” 

Peter verbeugte fich, zündete die Hänge- 
lampe über der blauen Gaufeufe, in dem ab- 
gerundeten Winkel des Nebenzimmers, an und 
verſchwand. Sidonie betrachtete die feiten Züge 
der Wodrefje, fie begriff — fo mußte Günther 
fchreiben, fanf in die Kiffen des Sofas, zerriß 
mit zitternden Fingern das Couvert und las: 

„Ich bin Heute morgen vom Bahnhof zurück 
gefehrt, Sidi, nachdem ich meinen Koffer bereits 
aufgegeben hatte — ich verjchob meine Abreiſe 
bis zum Abend. Das dumme Herz — es that 
mir fo web — und ich meinte immer, Du 
fonntejt Dich am Ende dod) noch befinnen — 
und fämejt mir nach. — 


— 56 o— 


„Wie ich mir das ausmalte, als ich hinter 
Deinem Haufe hinauf durchs Marienthal fritt, 
denfelben Weg entlang, wo ich Dir zum erften- 
mal wieder begegnete. Wie ich mir das aus: 
malte, Dich an meiner Seite zu haben — mit 
Dir durch die Welt zu pilgern, Deinem Spiele 
zu laufchen, den Ton Deiner Stimme zu hören, 
Deinen Kopf an meine Schulter zu preffen — 
Deine Bruft an mein Herz — feft — feft. — 

„Oben auf der Wartburg angefommen, fah 
ich Das Dad) Deines Hauſes — ich blickte 
lange, jtundenlang, darauf nieder — und dann 
kletterte ich abwärts — bis zu dem Haidehügel, 
wo die Erifa blüht — und entdeckte die Cle- 
matiswinden, die fih um Deine Fenfter fchlin- 
gen, — wie habe ich fie beneidet, Sidi! Und 
dann die Malvenitauden und die Sonnen: 
blumen — o wie das {till und friedlich war — 
und gut. Aber da wurde ich traurig — tief 
traurig, denn ich begriff, daß das alles Dir 
ans Herz gewachfen, daß da Deine Heimat fei 
und Du ewig, ohne Siegfried, trauern miipteft 
— felbjt an meinem Herzen! Bijt Du nicht 
mit feinem Leben verwacdhfen? O du arme, 
verirrte Seele, ich fann Dich nicht leiden fehen 
— und Doch leideit Du — und haft immer ge- 
litten! Wer liebt Tih, wie ich Dich Liebe? 
Wer verjteht Dich, wie ich Dich verjtehe? 

„sch bleibe in Berlin, bis ich Deinen Ent- 


— 57 — 


Tchluß fenne, jchreibe mir, poftlagernd — wenn 
— wenn Du mich dennoch durchs Leben bes 
gleiten finnteft, Sidi — wenn? 

„Aber wie Du auch entfcheiden mögejt, wir 
gehören ung dennoch an. Unfere Gedanken 
pilgern gemeinfam — fo war e3 immer!“ — 


— 
— — — — — — — — — — 


Am anderen Morgen, als die erſten Sonnen- 
jtrablen über Sidoniens Schreibtifch hHufchten, — 
ihr Bett war unberührt geblieben — faß fie 
und fchrieb nah Berlin: 

„sch muß bleiben, Günther. Verjtehe mich, 
wie Du mich immer verftanden haft, und nimm 
meine arme, verirrte Seele mit Dir — wohin 
Du auch wandern mögeit!” — 

Und dann ging fie, in einen Shawl ge- 
hüllt — im Haufe war noch alles ftit — 
hinunter in den Kleinen, abgefonderten Garten, 
wo fich ihres verjtorbenen Mannes Grab unter 
einer Eſche wölbte, und fette fih zu feinen — 
Häupten nieder. Die Blumen, welche fie mit 
Siegfried zwei Tage vor feiner Abreife darauf 
niedergelegt hatte, waren verwelft, aber zwifchen 
den geftorbenen Blüten recften fih aus der 
feuchten Erde Büfche weißer Rofen und der 
füße Duft umfächelte ihr Geficht. 

Robert Blejjen würde ihre Liebe zu Günther 
niemals verftanden haben, das wußte fie; aber 
er würde eş verjtehen, wie tief fie ihren Sohn 


— 58 — 


liebte, und wie fie ihm Das teure Heim fichern 
mußte — um nicht felbjt zu verzweifeln. 

Die jtete Sorge um das Kind, die fih von 
der erjten Stunde der Geburt an zu der Mutter: 
liebe gejellt, gibt ja dem Kinde eine Macht im 
Mutterherzen, die unaustilgbar ift. Cs war 
thr, als fie fich erhob und nach DdDiefem be- 
raufchenden Liebestraume wieder ins bewufte 
Alltagsleben ging, als habe fie fich das Recht 
auf ihren Sohn noch einmal erfauft. — 

Sie dachte an diefem Tage viel an Sieg: 
fried, wie fie ihn am meijten beglücen fönne, 
und erinnerte fich der Worte Giinthers, der es 
ein Gefe des Lebeng nannte, dem Sohne die 
Freiheit zu fichern. Sie fam fchließlich zu dem 
Entſchluß, ihn im erften Semester — fo fchwer 
ihr auch diefes Opfer wurde — die Univerfitat 
allein beziehen zu laffen — fie wußte, bei feinem 
Freiheitsbedürfnis würde ihm diefer Entichluß 
angenehm fein. Er hatte ja auch für alle Fälle 
als Familienhinterqrund das Haus der Tante 
Baronin. Um fein Gewiffen zu beruhigen, 
wollte fie ibm fagen, dah Die Rube in Eifenach, 
Die gewohnte Behaglichfeit in dtefem Augen: 
blicfe ihrer Gefundheit ein Bedürfnis fet. Nach: 
Dem fie Günther gefunden hatte, deffen Liebe 
fie als unantajtbares Gigentum im Herzen 
trug, war ihr der Gedanke, allein zwiſchen den 
bereiften Bäumen des Thüringer Waldes zu 


— 59 o 


haufen und ihren Träumen nachzuhängen, fein 
unerträglicher mehr. 


Zwei Tage {pater empfing Sidonie den Be- 
fuh von Frau und Fräulein v. Malten. Sie 
wollten fich verabfchieden und hofften, die | 
gnädige Frau möglicherweife in Berlin wieder- 
zufehen. 

„Werden Sie auch den Winter in Berlin ver- 
leben?“ fragte Sidonie erjtaunt, da fie mußte, 
daß Königsberg der eigentliche Wohnfitz der 
Familie fet. 

„Mama verträgt fo wenig das rauhe Klima 
von Königsberg,” antwortete Agathe mit nieder- 
gejchlagenen Augen, „Daher haben wir uns 
entichlojjien — —“ 

„Und für meine liebe Tochter,“ ergänzte 
grau v. Malten, „hat die Stadt trübe Er: 
innerungen.“ 

Agathe feufzte und fenfte das Geficht. 

„And ich” — fagte Sidonie zögernd, „ich 
werde vorausfichtlich diefen Winter noch hier 
bleiben, — ih —“ 

„Wie Schade,” unterbrach fie Frau v. Malten, 
„wir hatten jo fehr auf den Verfehr mit Shnen 
in Berlin gerechnet, gnädige Frau — wir find 
dort ziemlich fremd.” 

„Gnädige Frau müffen fich noch anders 


— 60 — 


befinnen,” fügte Agathe in auffallend liebens- 
wiirdiger Weife hinzu, „Ihr Herr Sohn würde 
ja eine Trennung faum ertragen.” 

„Da3 wird er fchon — er —” 

Sidonie wollte ihre Gründe näher erklären, 
aber eine unüberwindliche Scheu vor den beiden 
Damen und ein Hli in ihre lauernden Ge- 
fichter liep fie verjtummen. 

„Wir würden uns dann felbjtverftandlich 
Ihres lieben Sohnes annehmen,” fagte Frau 
v. Malten nach einer Weile, „er ift ein fo 
lieber, hübjcher Menſch, und Berlin ein ge- 
fährlicher Aufenthalt für junge Männer.” 

„ob, in diefer Beziehung fürchte ich nichts,” 
fagte Sidonie fto; „Siegfried hat eine hohe 
Zebensauffaflung und einen feften Charafter — 
außerdem wohnt ja meine Pflegemama, die 
Baronin Schachen, in Berlin. Haben übrigens 
die Damen fchon eine Wohnung, oder werden 
Sie nicht felbjt menagieren ?“ 

„Wir dachten diefen Winter, verfuchsweife, 
nur an eine Penſion.“ 

„Aber vielleicht nehmen wir doch die Möbel 
von Königsberg gleich mit hinüber, Mama,” 
unterbrach Agathe ihre Mutter; „du halt es 
dann jedenfalls fomfortabler.” 

Frau v. Malten Elopfte ihrer Tochter zärt- 
lich auf die Finger. 

„Wie fie beforgt ift, meine Fleine Agathe, 


— 61 — 


Schade, daß Sie nicht auch ein folches Töchter: 
chen haben, liebe Hofratin.” 

„Man fann im Leben nicht alles haben, 
Frau Baronin,” gab Sidonie gelajjen zurüd. 
„Reifen die Damen fhon morgen?” 

na, morgen mit dem Nachtzuge. Falls 
uns der Zufall Shren lieben Sohn entgegen- 
führt, — wir reifen nämlich auch nach der 
Schweiz,” fügte Grau v. Malten hinzu, „Dürfen 
wir ihm fagen, daß e8 Ihnen gut geht?“ 

„Bewiß. Mebrigens weiß Siegfried das 
ſchon durch meine Briefe.” 

Die Damen erhoben fich; Agathe küßte Si- 
Donien Die Hand, was fie niemals gethan hatte, 
und Frau v. Malten fprach die Hoffnung aus, 
daß Frau Bleſſen Doch noch ihren Entfchluß 
ändern Diirfte und man fic) in Berlin begegne. 

Als fich die Damen dann endgültig ver- 
abjchiedet hatten, ging Sidonie fopffchüttelnd 
an ihre Arbeit. Cte begriff nicht, warum 
diejelben, die fich früher faum um fie ge- 
kümmert hatten, auf einmal fo viel herzlicher 
geworden waren. 

„Findeſt du es nicht ganz auffallend, Agathe,” 
fagte Frau v. Malten, während fie ihrem Haufe 
zufchritten, zu ihrer Tochter, „Daß Frau Blejjen 
mit feinem Worte den fremden Maler erwähnte, 
der Dich allabendlich mit feinem Gellofpiel feierte? 


— 62 o 


Sie muß febr fchnell mit ihm intim geworden 
fein, Denn er foll die beiden legten Abende bis 
Mitternacht bei ihr zugebracht haben.“ 

„Nein, das fällt mir gar nicht auf, weil ich 
überzeugt bin, daß er ihretwegen nad) Eiſenach 
fam. Denn wenn die Gefchichte harmlos ware, 
hätte er ja auch abends fommen fönnen, foz 
lange Siegfried da war.” 

„Was ich für ein Fluges Töchterchen habe — 
wahrhaftig, du haft recht, Kind; — deshalb 
Das gropmiitige Zurüctreten von der Reife.” 

„sh bin fogar überzeugt,“ fuhr Agathe 
fort, „daß fie feinetwegen den Winter in 
Eiſenach bleibt. Sie hat ja gar feinen ver- 
nünftigen Grund dafür, ihren Sohn nicht zu 
begleiten.“ 

„Uns und unferen Plänen fchadet das nichts, 
Kind, der Sohn wird zugänglicher fein ohne 
die Mutter; Ou mußt dir nun einmal diefen 
jungen Bleffen warm halten. Man jpricht 
von einer halben Million, über die er ver: 
fügen könne, fobald er mündig fet.” 

„sa, ja, und ein armes Mädchen wie ich 
fann — trog auffallender Schönheit — Feine 
Anſprüche machen.” 

„Eigentlich wäre es ja Ehrenfache, daß dich 
der Neferendar — wie heißt er doch?“ 

„Balder; daß du Die Namen nie behalten 
kannſt!“ — 


— 63 — 


„Daß dich der heiratete, denn feinetwegen 
ſchrieb dir Köhler auf — ich bin es überzeugt.“ 

„Balder will mih auch heiraten — aber 
vielleicht in zehn Jahren, er bat ja fein Ber- 
mögen. Yoh hätte mich nie in diefe Tandelei 
mit ihm eingelaffen, wenn id) nicht verlobt 
gewefen wäre. Es ift auch der Mühe wert — 
um einen fimpeln Rup .. .” 

„Sp find eben gewilfe Leute, Kind, der 
junge Bleffen würde es gerade fo machen.” 

„Blüclicherweife habe ich ihn noch nicht — 
er ift ja fait noch ein Knabe gegen mich.” 

„Was thun denn fo fechs bis fieben Jahre, 
Agathe, wenn man fo fhön ift wie du?” 

„Zwei — wenn ich bitten darf, Mama; 
Dap du dich gar nicht daran gewöhnen Fannit. 
Wir fommen jegt nad) Berlin, wo uns nic- 
mand fennt, und da bin ich einfach zwanzig 
Sabre alt.“ 

„Aber Siegfried Blejfen weiß — —“ 

„Was weiß er? — Er hat meinen Tauf- 
Schein nicht gefehen. Uebrigens ift Bleffen lange 
nicht fo pifant wie Balder — der gefällt mir 
Dod) immer wieder am beiten.“ 

„Das find erlaubte Capricen, Kind.“ 

„Uber er hofft, mich dereinſt zu heiraten, 
und ift verteufelt eiferfüchtig.” 

„sh fürchte nichts, meine Fuge Agathe 
weiß zu lavieren.” 


— 64 — 


„Weißt Du, wir werden Balder zu ver: 
jtehen geben, daß wir ung des fleinen BVleffen 
annehmen, Mama, — weil —“ 

„Freilich, weil er allein in Berlin ift —“ 

„Nein, weil,” fette Agathe jchlau Hin- 
zu, „er eine — fo bedauernSmerte Mutter 
hat _ıM 

„Klug, mein Kind, Hug. Aber vor allen 
Dingen feffele Siegfried an dich, Gergchen, er 
ift doch jehr reich.” 

Mit diefer weifen Lehre fchritt Frau v. Mal: 
ten über die Schwelle des Haufes, in welchem 
fie wohnten. — 

Der VBefud hatte Frau Bleffen feine ange- 
nehmen Empfindungen zurtidgelaffen, fie ge- 
jtand fich an den folgenden Tagen ein, daß fie 
froh fet, Malteng nicht mehr in Cifenad zu 
wijjen. Ihre plößliche Liebenswürdigkeit hatte 
beinahe etwas Unbeimlides für fie gehabt. 

Diefe leidigen, Eleinlichen Beziehungen zwi- 
ſchen Menfchen, die innerlich gar feine Ge- 
meinfchaft miteinander haben, hatten jchon, 
bald nach der Eltern Tod, als fie fih in dem 
gefellfchaftlichen Haufe der Baronin Schaden 
zurecht finden follte, etwas Beleidigendes für 
jie gehabt. Die Zeit that ihr leid, welche die 
Menfchen mit fo wertlofen Dingen verthaten, 
die eigentlich niemandem Freude bereiteten. 


— 65 o 


Ihre Seele brauchte höheren Flug, ausfchlieb- 
liches Empfinden, von dem fie fich nichts ab- 
zwingen laffen mochte, wenn es nicht durchaus 
notwendig war. 

ALS fie Siegfrieds Sachen ordnete, um fie 
nah Berlin zu befördern, und fo ganz in Ge- 
danken mit ihm lebte, wurde es ihr cher, 
ihrem Vorſatze treu zu bleiben. Aber Sieg- 
fried felbjt fand die Idee vernünftig und meinte 
in feinem legten Briefe fogar, es fet beffer, 
wenn er den erften Anprall gegen die Welt, 
die fie in ihrem Stillleben in Thüringen nie 
vermißt Hatten, allein verfuche, Damit fich, wie 
es in ‘der Ordnung fet, Das Blatt umwende 
und er nun Der Berchuger der Mutter würde, 
während fie bisher Die Sorge um ihn getragen 
habe. &s freue ihn dann um fo mehr, fie in den 
folgenden Semejtern in Berlin einführen zu 
fönnen. — — 

Das war eine Herzensfreude für beide. 

Und dann fain er eines ſchönen Mlorgens 
felbjt, ganz unerwartet — er wollte fich über 
das Befinden feiner Mutter beruhigen, bevor 
er in das neue Leben trat. 

Siegfried fand feine Mutter allerdings 
etwas bleich und verändert, aber fie war fo 
glücklich, fo ausgefüllt, — fo verſöhnt mit dem 
Leben und allem, was es brachte. 

„Schade,“ fagte Siegfried im sange des 


Mufenahnanad für 1900. 


— 66 o~- 


Gejpräches an dem einzigen Abende, der ihnen 
in ungejtörtem Zufammenfein vergönnt blieb, 
„daB ih nun um die Belanntjchaft Deines 
Sugendgefpielen Günther Carpellen fam, du 
mußt glücliche Stunden Durch ihn gehabt haben, 
Mütterchen.” 

„Sa, febr glücliche, mein Sohn,“ hauchte 
fie aus dem Herzen herauf, während fich ihre 
Augen fenften. „Sie erinnerten mich an ein 
Stick Leben im Elternhaufe — an eine un- 
gebundene, glücliche Zeit.“ 

„Armes Mütterchen,” fagte Siegfried, ihre 
Hände ftreichelnd, „Das war der einzige dunkle 
Punkt in deinem Herzen — ich habe diefe 
Sehnfucht — trog allen Gliickes, Doch zuweilen 
nachempfunden.” 

„Mein guter Junge,” fagte fie, ihren Kopf 
an feine Schulter gefchmiegt. 

„Rommt Carpellen zurück nah Eiſenach?“ 
fragte Siegfried. 

„Wohl faum. Sch fHrieb dir, daß er nach 
Petersburg gehen würde, und von da, wie er 
mir fehrieb, voraussichtlich in die Türfei. Es 
iſt befjer fo.” 

Siegfried fühlte, wie die Hand der Mutter, 
die in Der feinen lag, plößlich bebte und fich 
dann, falt geworden, aus Derfelben löfte. Er 
erhob fich und ging im Zimmer hin und ber. 
Er fing an, zu verjtehen — wie eine Wolfe von 


— 67 — 


der Sonne gleitet und es licht wird, fo wurde 
e3 bell in ihm. 

Sidonie war ihm gefolgt, und er legte den 
Arm um ihre Schulter. 

„Iſt Dir Das Opfer auch nicht zu ſchwer 
geworden, Mütterchen ?” fragte er leife. 

„&3 war fein Opfer, mein Sohn — id 
fonnte nicht anders.” 

Und dann küßte Siegfried feine Mutter 
und fie gingen zum Flügel. 

Ganz, wie jelbjtverjtändlich, feßten fie fich 
zufammen nieder und fpielten vierhandig den 
Abendjegen, den Sidonie, alS er noch ein 
Knabe war, für ihn fomponiert hatte und den 
fie bis zu feines Vaters Tode allabendlich 
gefpielt. 

Niemals Hatte Siegfried fich inniger von 
feiner Mutter verabfchiedet, als an dieſem 
Abend — und niemals ging Sidonie fo ruhig, 
fo jtillbeglückt in ihr Zimmer. Sie hatte das 
Gefühl, als fet die andächtige Liebe, die fie 
für Günther im Herzen bewahrte, erft durch 
das Mitwifjen ihres Sohnes geheiligt. — 

Der Winter verging für Sidonie till, aber 
inhaltreich. Siegfrieds ausführliche Briefe be- 
glüten fie. Aus dem Verhältnis zwischen 
Mutter und Sohn hatte fich ein innig freund- 
fchaftliches gejtaltet, was auch ibn — fie er- 


— 68 — 


fannte das Deutlich aus feinen Briefen — 
reich und zufrieden machte. Zuweilen fraufelte 
fich wohl ihre Stirne, wenn er fchrieb, daß er 
viel und gerne im Maltenjchen Haufe verfehre 
und Agathens Vorzüge mehr und mehr fhägen 
lerne, aber fie tröjtete fich dann mit dem Be- 
wußtfein, bald wieder mit Dem Sohne vereint 
zu fein und ihn mehr an ihre Streife zu fejfeln. 
Tazwifchen famen Briefe von Günther; fein 
Können war Durch die Begegnung mit ihr 
im Wachfen und der immer glücklichere und 
jtillere Geijt, der fie Durchiwebhte, gab auch ihr 
Friede. — — 

Und endlich wurde es Frühling! Ein won- 
niger, herrlicher Frühling in den Bergen des 
Thüringer Waldes! Tie Bäume fnofpten, der 
Raſen grünte und die Wartburg redte fich 
wieder jtolz in den lauen Lüften. — 

Sidonie hatte in den lebten Tagen mit 
allem erdenklichen Komfort Siegfrieds Simmer 
geſchmückt — alles, was fie erfinnen fonnte, 
um thin Freude zu bereiten, ausgedacht, und 
erwartete nun das Telegramm, welches Tag 
und Stunde feiner Ankunft beftimmen follte. 
Statt deſſen Fam er felbjt, zwei Tage früher, 
als fie ihn eigentlich erwartet hatte. 

Es war fpdt am Abend, und trog aller 
Liebe und Herglichfeit, Die er ihr beim Wieder- 
jehen zeigte, fand fie ihn blak, ernft und auf- 


— 69 — 


geregt. Sie fchob es auf die Reife, auf kleine 
Unannehmlichfeiten, wie fie das Leben mit fich 
bringt, und mochte ihn nicht am erften Abend 
mit Fragen quälen. 

Aber in der Nacht, als fie fchlaflos in ihrem 
Bette lag, fonnte fie eine feltfame Angjt nicht 
unterdrüden. 

Hatte er fie doch, um fie zu fchonen, in 
jeinen Briefen getäufcht, und war die Berüh— 
rung mit dem großjtädtifchen Leben nicht fpur- 
[oS an ihm vorübergegangen? Wer hatte ihrem 
Siegfried etwas gethan? Und dann war es 
ihr plößlich, als vernähme fie auf der anderen 
Seite — Dort, wo feine Zimmer lagen — 
Schritte — Thüren öffnen und fchließen — 
lauter unmoögliche Dinge, die, wie fie fich immer 
wieder zum Trojte fagte, ihre gereizten Nerven 
heraufbeichworen. Sie warf fih bin und her. 

Hätte fie ihn Dennoch nach Berlin begleiten 
follen — ihn nicht aus den Augen laffen — 
feinen Tag? 

Und dann grollte fie wieder mit fich felbjt 
ob Ddiefer unnüßen Gedanken. Als ob eine 
Mutter mit all ihrer grenzenlojen Liebe — ihr 
Kind ſchützen könne vor dem Leben und feinen 
Schmerzen — vor dem Anprall mit der Welt, 
als ob — — — 

War das nicht ein Wagen, der Langfam 
über den Hof rollte? 


— 70 — 


Sie richtete fich im Bette in die Höhe, zün- 
dete Licht an und fah nah der Uhr. 

Grft fünf Uhr. Ihr aufgeregtes Empfinden 
täufchte fie ficherlich — und es war nur der 
Omnibus, deffen Rollen fie gehört, der um 
diefe Stunde zum Bahnhofe fährt. 

Hier vorüber? Das fonnte nicht möglich fein. 

Vielleicht Fremde — oder der Arzt aus der 
Stadt unten? Yrgend ein Unglüdsfall in der 
Nachbarschaft — wer fonnte wiffen? Sie löfchte 
Das Licht und verfuchte zu fchlafen. Aber es 
war, als ob die lange Nacht jeden Nerv in 
Bewegung gebracht — es zuctte und pochte und | 
Hopfte in ihr — es war nicht zum ertragen. 

Sie erhob fich und 30g die Gardinen zurüd — 
ein erjtes Morgenglühen lag über dem Walde 
und Die grauen FelSwande im Marienthal 
leuchteten in roter Glut. — 

Gottlob — die Nacht war vorüber und da 
draußen atmete und duftete es in ftillem Früh- 
lingsgedeihen. 

Sidonie hüllte ſich in ihren Schlafrock, ſtrich 
ihr wirres Haar aus der Stirne und öffnete 
das Fenſter. 

Die Glocken der Kirche, unten im Thale, 
läuteten in den taufriichen Morgen hinein. 
Freilich — es war ja Sonntag, nach langer 
Beit ein glüclicher Sonntag mit ihrem Sobne! 
Und dann pielt eg fie nicht länger — fie 


— 71 — 


fchlich fachte, um ihn nicht zu weden, in feine 
Zimmer. 

Ym Wohnzimmer angefommen, horchte fie 
an der Thiire. Sie vernahm nichts. Er 
ſchlief. 

Leiſe, leiſe, wie es nur eine Mutter kann, 
öffnete ſie. 

Sie prallte zurück — das Bett war unbe— 
rührt. Das Lächeln, welches eben noch ihre 
Lippen geteilt — wich einer jähen Angſt. 

Was war geſchehen? Siegfried — o Gott — 
Siegfried! — 

Und dann fiel ihr Blick auf das weiße Blatt 
Papier auf dem Tiſche. 

„An meine Mutter!“ 

Was — war — das? Ein eiſiger Schauer 
durchrieſelte ihren Leib. 

„Hoffentlich kommen Dir dieſe Zeilen nie— 
mals zu Geſicht, aber wenn es dennoch ge— 
ſchieht, Mutter — ich konnte nicht anders! 
Dich verdächtigen? Dich, Reine, Hehre, Dich 
beſchmutzen? — Referendar v. Balder, ein 
Verehrer Agathe v. Maltens, wagte es in ſeiner 
Eiferſucht, mich zu reizen, indem er ſich Be— 
merkungen über Dein Verweilen in Eiſenach 
erlaubte, die ich nicht wiederholen kann, aber 
die ich rächen werde. Wir ſind im Recht — 
Mutter — ich werde ihn niederſchießen — wie 
einen ...“ 


— 72 — 


Sidonie jtarrte auf die Zeilen, die inmitten 
des Sates endeten. 

Sie jtarrte lange, wie geiftesabwefend, 
darauf nieder — mechanifch läutete fie den 
Dienftboten, — fie wußte nicht, was fie that. 
Endlich floh fie in den Garten — fie fonnte 
nicht fprechen, aber fie betete — erft leife — 
dann fand fie plößlich Die Sprache wieder und 
bejtirmte Gott, al müſſe er ihre Stimme ver- 
nehmen, ihr den Sohn zu erhalten — ihren 
Stegfried — ibr Wes! — — — — — 


— — — — — — — — — — — 


„Sidonie, mein Kind, liebe, liebe Sidi!“ 

Es war die Baronin Schachen, die ſie ſanft 
vom Boden hob und in ihre Arme ſchloß. 

Sie reckte ſich und richtete ihr erdfahles 
Geſicht auf die Baronin. 

Wo kam ſie her? 

Was war geſchehen? 

Was wollte ſie? 

„Iſt er tot?“ rang es ſich endlich über ihre 
Lippen. 

„Sidonie, beruhige dich, fomm!” 

„Iſt er tot? Barmherzigkeit!“ 

Das letzte Wort hatte fie mit zerbrochener 
Stimme geitöhnt, und Dabei lag dennoch eine 
Kraft in ihrem ganzen Gebaren, eine Höhe, 
die nichts Unwahres zuließ. 


—> 73 — 


„Sidonie, ich bringe dir feine legten Grüße 
— feine Fürforge — feine Liebe! — — — 

Sidonie griff nach dem Herzen, aber rührte 
fich nicht vom Plage. 

„Sprich weiter,” jagte e8 über ihre Lippen. 

„sch fann nicht,“ — weinte die alte Dame. 

„Wußteſt Du um das Duell?“ 

„Nein. Siegfried lud mich ein, ihn hierher 
zu begleiten — eS fet dein Wunſch, — dann 
al wir anfamen, fagte er — wir wollten, weil 
es Spät fet — die Nacht dort unten in Eiſenach 
bleiben — im Gajthofe und dih — heute 


morgen — überrafhen — —“ 
„Meberrafchen —“ wiederholten faum hör- 
bar die Lippen Sidoniens — — und dann 


jagte fie, vom Jammer der Verzweiflung ge- 
padt, in das Haus und fant an der Bahre 
nieder — auf welcher er ftill und regungslos, 
mit gefchloffenen Augen und Lippen, rubte. 
Er — ihr Siegfried — ihr einziger Sohn!... 


„Dan muß fich mit feinem Schmerze ver- 
föhnen,” hatte fie etnft zu ihrem Kinde gefagt, 
als er, ein neunjähriger Knabe, an der Bahre 
des Baters niete und deffen Tod fo viel 
fchmerzlicher empfand, als es gewöhnlich Kinder 
im ftande find zu thun. 


— — mn — — — — — — 


— 74 — 


„Und auch ich muß mich mit meinem Schmerze 
verföhnen,” fchrieb fie Monate nach Siegfrieds 
jabem Ende, unter anderem, an Günther — 
„Denn Glüc und Schmerz find eng verbunden, 
aber die Kraft und Größe unferes Seins er: 
fennt fich doch nur in der Art, wie wir beides 
tragen.” 

Und fo blieb es. 

Tas Verhängnis, mit welchen ihr Sohn 
aus dem Leben fchied, hatte ihr ganzes Sein 
erfchüttert, fie wuchs mit ihrem Schmerze. ES 
war thr, als fonne fie die feinen Fäden er- 
fennen, aus denen fih ein Mtenfchenleben 
ſpinnt — jedes anders, aber Doch auf der Basis 
unumjtößlicher Gefebe. — 

Als fie dann zwei Jahre fpäter einige im 
Fieber Hingeworfene Zeilen Giinthers erhielt, 
in Denen er von aufgeriebener Gefundheit, 
nabem Ende fprach und ihr dankte für die 
unermeßliche Kraft, die fie ihm mit ihrer Liebe 
gegeben hatte, da eilte fie nach Petersburg, 
um, wie fie wußte und fich felbjt geftand, der 
legten Pflicht zu genügen, Die ihr ins eigene 
Herz griff. — — 

Ein jahes Aufleuchten feiner Züge, als er 
fie erblickte, ein fchwaches Meigen der Hand, 
als wolle er ihr blajfes Angeficht noch einmal 
an fein Herz betten, ein letztes Stöhnen — und 
Sidonie fniete an feiner Leiche. — — 


— 75 — 


War alles nur ein Traum? Oder nahm fie 
dennoch ein unjterbliches Etwas mit fich zurück 
in die Heimat und an das Grab ihres Sohnes? 

Als fie fich nach langer Zeit erhob, lag 
Stolz und Willensfraft in ihrer Geftalt, der 
Schmerz hatte fie geadelt und in dem erniten 
Streben befeitigt, auch in Zukunft all dem 
gerecht zu werden, mwas das Leben auf ihren 
Weg gab. 


— 16 — 


Das stumme Klavier. 
Bon Ernſt Muellenbad. 


I, 


Am 28. April, nur dreizehn Tage nach dem 
offiziellen Semeiteranfang, hatte der außer: 
ordentliche Brofeffor für neuere Litteratur, 
Dr. Ludwig Strömer, fein dreiftündiges Kolleg 
über „Klopſtocks Leben, Dichten und Nach: 
wirken” eröffnet, und bereits in der jechiten 
Stunde, Montag den 9. Mai, fam er ſozuſagen 
über die Einleitung hinaus. 

„Deine Herren und Damen,” Hub er nach 
einer ſtimmungsvollen Kunjtpaufe an, „1748 
erfchienen die erften drei Gefainge von Klop- 
jtocls ‚Meffias‘; aber fieben Jahre zuvor, 1741, 
war Händels ‚Meſſias erfchienen. Das, meine 
Herren und Damen, find zwei bedeutfame 
Sahresjahlen an fich, doppelt bedeutfan in 
ihrer Beziehung aufeinander.” Einige dreißig 


— 77 — 


männliche und vier weibliche Federn beeiferten 
fich, die bedeutungsvollen Sahreszahlen in eben- 
foviel Kollegienheften einzutragen. „Verweilen 
wir bier einen Augenblick,“ fuhr der Redner 
fort. „VBergegenmwärtigen wir uns den Händel- 
Shen ‚Meffias‘, den wir ja zweifellos alle 
fennen. Werfegen wir uns in die Seele des 
Sünglings Klopftod, fuchen wir nachzufühlen, 
welche Empfindungen und Entichlüjfe das klaſ— 
fifhe Tonwerf in der Geele des Fünftigen 
Haffischen Dichters auslöfen mußte.” Die mei- 
ften legten die Feder hin, lehnten fich mit ge- 
freuzten Armen hinten an, weil man fih in 
diefer Stellung leichter in die Empfindungen 
eines denfinalfabigen großen Mannes verjegen 
fann, und folgten init feierlichen Mienen der 
mächtigen, von Begeijterung und fichtlic) auch 
von feinem mufifalifchen Verſtändnis befeelten 
Rede. Minder fteif verhielt fich die junge 
Dame, die ziemlich vorn auf einer Bankecke 
neben dem erjten Stüßpfeiler, linfS vor der 
Lehrfanzel fap. Die Hände läflig im Schoß 
gefaltet, das ſchöne blonde Haupt ein wenig 
zur Seite geneigt, laufchte fie aufmerffam, bier 
und da mit einem faum merflichen Nicen der 
Zuftimmung oder Erinnerung. Dabei blickten 
ihre großen blauen Mugen mit ruhiger Lern- 
begier auf das Muntlig des Mteilters. Der 
= Profeffor Strömer war, wie viele Tozenten, 


— 78 — 


gewohnt, beim freien Vortrag einen bejtinmten 
Gegenjtand anzufehen; er hatte fih in diefem 
Semejter hierzu die rote Corpsmütze eines Zu- 
hörers ausgewählt, die an einem Hafen des 
zweiten Pfeilers gerade vor ihm Hing. Aber 
irgend eine geheimnisvolle Macht ließ ihn heute 
immer zwijchendurch von feinem „Augenpunft“ 
nach jenem Mädchenantlitz abirren, das fih 
ihm fo aufinerffam und unbefangen zumandte. 
Asdann fenften fich die blauen Augen einen 
Moment feitwarts, auf das Kollegienheft eines 
pedantifchen Nachbarn, der auch jest noch fort- 
fuhr, mit emfigem Stift jedes lebendige Wort 
des Profeſſors ftenographifch zu verzeichnen, 
und ein ganz leifes Lächeln, mehr mitleidig als 
jpöttifch, Hufchte bei diefem Anblick um Die 
Lippen der jungen Dame. Cie felbit hatte jtatt 
der großen mwohlgefüllten Baptermappe aus 
jchwarzem Wachsleder, mit Der Die anderen 
Hörerinnen ihre endlich erlangte Zulaffung zu 
afademischen Vorlefungen augenjcheinlichit er: 
bärteten, nur ein winziges Notizheftchen vor 
jich, und die Bleijtiftnotizen darin waren bis 
heute nur eben in Die Mitte der zweiten Seite 
gediehen. 

Dem Profetfor Ludwig Strömer war’3 hoch 
anzurechnen, daß er fich Heute fo felbitvergejien 
begeijterte; Denn er war fozufagen obdachlos 
und alfo für einen Dreißigjährigen wohlhaben- 


— 79 — 


den Gelehrten mit viel Büchern und weniger 
Drtsfenntnis in betrübender Notlage. Sobald 
ihn der Klang der Univerfitätsglode und das 
Scharren feiner Zuhörer für diesmal ledig ge- 
fprochen, eilte er quer über den vierecfigen Hof 
zur Amtsftube des Oberpedellen Trautebier, 
der unter anderem auch als Wohnungsfommiffar 
das innigfte Vertrauen aller afademifchen Bür— 
ger genoß. Der graubärtige Veteran empfing 
ihn mit einem gewijjen Gutes verheißenden, fajt 
herablajjenden Lächeln. „Diesmal haben wir ’3 
Richtige, Herr Profeffor,” fagte er. „Hahnen— 
gaffe fünf, Ede Minvritengajje, zweiter Stod, 
bei Frau Bürgermeifterin Wormmwedel, — 'n 
Quartier ordentlich wie gemacht für den Herrn 
Profeſſor.“ Grfreut, aber leider auch etwas 
zerjtreut hörte Ludwig Strömer den weiteren 
Ausführungen zu, während feine Blicke einer 
Schlaufen Madchengeftalt in Hellgrauer Jacke, 
mit einem barettförmigen Keinen Filzhut durch 
das Gewühl der ausjtrömenden Hörerfchaft folg- 
ten. „Und wie iſt's mit der Muſik?“ fragte er 
Schließlich. „Sie haben nur eins, ich glaube 
ficher, daß fies Ihnen laffen,” antwortete Der 
Pedell, pfiffig grinfend. Der Profeſſor nictte, 
griff in Die Tasche, taufchte einen verſchwiege— 
nen Händedruc mit dem Mann des Vertrauens 
und machte fich auf den Weg. 


— 80 o 


II. 


Unterwegs, beim Einbiegen vom Markt in 
Die Minoritengajfe, glaubte er die hellgraue 
ade und das niedliche Filzbarett noch einmal 
vor fich auftauchen zu ſehn. Unmillfürlich be- 
Schleunigte er feinen Schritt. Aber die ade 
verfchivand wieder in dem Doppelittom ge- 
Ihäftiger und eßluſtiger Menfchen, der eben 
jekt in Der Mittagsitunde die fchmale Gaffe 
hinab und hinauf flutete; der Profeffor be- 
fann fich und fand feine gewöhnliche behaglich 
jchlendernde Gangart wieder. „Was geht dich 
überhaupt diefe junge Dame an?” fragte er 
fich jtrafend. „Du weißt ja nicht einmal, wie 
fie heißt. Das fehlte noch, — erft für die Zu- 
lajjung der Frauen zu afademifchen Vorlefungen 
eintreten und dann gleich beim erften Verfuch 
einer nachlaufen, bloß weil fie dich etwas ge- 
fcheiter anfieht, als du e3 von der Mehrzahl 
der Herren Kommilitonen Montags gemohnt 
bijt. Eine Wohnung haft du dir zu fuchen, 
Das ift jekt für Dich Die Forderung des Tages, 
und weiter nichts. — Und da wären wir ja 
auf der Hahnengaffe,” fügte er halblaut Hinzu. 
Bedächtig mufterte er das Eckhaus. 

Ein riefiger Kaften war's, zweiltöcig mit 
einem entiprechend Hoch und proßig bemeijenen 
Biebeldach, grau, veriwittert und ftellenweife 


— 81 — 


durch böſe Lücken im Bewurf entjtellt, aber 
allem Anfchein nach fehr maffiv und dauer: 
Daft von einem der geiftlichen Landesfiirjten 
erbaut, Die bis vor hundert Jahren in dieſer 
Stadt refidierten. Noch trug es zwifchen dem 
erften und zweiten Sto in fiinjtlich ver- 
Ichnörkelten Eifenflammern den gefrönten Na- 
menszug eines jener baulujtigen Herren, dem 
Brofeffor Schon von der Univerfität und an- 
deren ehemaligen Schlöjjern her befannt, und 
darunter die Jahreszahl: 1761. Links lehnte 
fich an das Hauptgebäude noch ein Hoher, 
Schmaler Seitenflügel an; die beiden umfchlofjen 
im rechten Winfel den Hof, der fich mit brei- 
tem Doppelthor rechts nach der Minoritengaife 
öffnete. Die demofratifche Neuzeit hatte für 
einen forhen Palazzo von einigen fünfzig Zim- 
mern feine Verwendung zu Privatziveden; fie 
hatte ins Erdgefchoß an der Hahnengajfe Thüren 
gebrochen und Ladenräume eingebaut, links ein 
Liqueurgefchäft und rechts einen Spezereiladen, 
zwijchen denen fich die alte ſchwere Eichenthür 
und Die mächtigen vergitterten Fenfter der 
urjprünglichen Haushalle wunderlich einfam 
und vornehm ausnahmen. 

Saft zaghaft fhob der Profeffor die nur 
lofe angelehnte Thür zurück. Mehrere Höchit 
moderne und proſaiſche Anflebzettel mit dem 
Aufdrud: „Möblierte Zimmer, — Stock“ 


Muſenalmanach für 1900. 


— 82 — 


wiejen ihm den Weg aus der tönenden, völlig 
leeren Halle über eine wagenbreite prächtige 
Eichentreppe. Ym zweiten Stock mündete die 
Treppe wie im erjien auf einen großen, von 
einem hohen Fenſter zur Rechten fonnig erz- 
bellten Vorplaß, der gradaus und links wieder 
je eine hausthorgrope Thür und daneben Halb- 
dunkle Korridorfenjterchen aufwies; offenbar 
waren auch die oberen Stockiwerfe des ehe- 
maligen Barockpalais von einer minder arifto- 
fratijchen Gegenwart zu immer noch ftattlichen 
woalbetagen” aufgeteilt und oberflächlich um- 
gebaut. | 

Vor dem großen fonnigen Flurfenjter jtand 
ein altertümlicher, Jchönbejegter Blumentifch, 
und an diefem hantierte mit Sprige und Schere 
ein höchjt zierliches altes Damchen herum, mit 
fehneeweipen Haaren, wie gepudert, und einem 
überaus zart gefärbten freundlichen Geficht- 
chen. Gn ihrem Schwarzen Seidenfleid mit 
weißen Spigenmanfchetten fab fie aus, als habe 
fie mit dem Haufe alle Stürme der plebejifchen 
Neuzeit gelajfen überdauert; und durchaus 
papte Dazu Das anmutige Lächeln und das 
fleine nette Stiminchen, mit dem fie, von ihrem 
Myrtenbäunmchen aufblicend, den Befucher zu- 
rechtiwtes: „Sie wollen zur Frau Bürger: 
meijterin, mein Herr? Bitte, hier links!” 

Ver Profejjor bedankte fich und 30g an der 


— 83 — 


großen Thürfchelle mit patinafchimmerndem 
Kupfergriff, — das Drückknöpfchen einer elef- 
trifchen Klingel würde ihm in dieſer Umgebung 
als unverzeihlich ftihvidrig erfchienen fein. Die 
grau Biirgermeijterin, eine Hagere Hohe Greifin, 
übrigens fo fchwarzgefleidet und altfränftjch 
wie Die andere, öffnete in Yerfon, und Die 
Verhandlung begann. 

yom, das wäre wirklich was,“ brummte 
der ‘Brofejfor mit unvorfichtiger Teutlichkeit 
nach der erjten Belichtigung der Zimmer. Hoc 
und bell waren beide Räume, mit weiter Uus- 
ficht über die gegenüberliegenden niedrigeren 
Häuſer der Hahnengafje und des ganzen Bier- 
tels Dahinter weg, fhón tapeziert, mit köſt— 
lichem Stuctwerf an den Teden, und ausge: 
zeichnet möbliert, — nur ein wenig zu voll. 
Dazu wieder ein eigener Tleinerer Vorplay, an 
den fich linfs der fchinale lange Korridor an: 
Tchloß, auf welchen die übrigen Zimmer Diefer 
Halbetage mündeten. Tiefer Korridor führte 
wieder zu einer Hintertreppe. „Ste geht auf den 
Hof,” erläuterte die Frau Bürgermeijterin — 
ihre Ausfprache ließ erraten, Dap der jelige 
Gatte weiland irgend ein Eleineres Stadtivejen 
im Dldenburgifchen oder Ditfriefiichen geleitet 
hatte. „Wir benutzen jie öfter, — Ihnen würde 
wohl die Haupttreppe mehr zufagen; aber wenn 
der Herr uns einmal mit einer Feuersbrunjt 


a 84 o ° 

heimſuchen follte, fo ift fo etwas doch nicht zu 
verachten. — Mit der Bedienung follen Ste 
gewiß zufrieden fein; ein Mädchen habe ich 
nicht, man macht damit zu ſchlimme Er- 
fabrungen, und wozu auch, wo ich mit meiner 
Nichte jo allein ftehe? Aber die Aufwärterin 
ift eine ſehr tüchtige Berfon, fie fommt alle 
Morgen und Abend, und wenn Sie zmwifchen- 
durch mal was wiinfchen, bier hängt Die 
Klingel, ich bin ja immer zu Haufe. — Mir 
wäre es auch ganz recht, wenn Sie die Zimmer 
nähmen,“ fuhr fie gleich undiplomatifch wie 
der ‘Brofejfor fort; „früher habe ich ja wohl 
die beiden Zimmer bier und auch das andere 
an Der Hintertreppe immer an Studenten ver- 
mietet, aber das ift fo eine Sache, — mein 
Wott, Jugend hat feine Tugend, nicht wahr? 
Aber ein Profejfor, das ift Schon etwas anderes, 
da Hat man die Reputation gleich mit, wenn 
ich fo fagen darf. — Und nicht wahr, den Preis 
finden Sie doch auch nicht zu hoch?“ 

„sa, ja,” fagte der Profeſſor etwas unge- 
dDuldig, „das ift alles ganz fhón foweit, — wie 
ift eS Denn mit dem Klavier?” 

„Ach ja,” antwortete die Dame, „der Herr 
Bedell hat mir fehon davon gefprochen. .. . 
Sie find gewiß ſehr muſikaliſch, Herr Profeffor ? 
Wir haben nur eins auf diefer Etage — das 
Stifsfräulein nebenan fpielt die Laute, aber 


-3 85 — 


das hören Ste durch diefe diden Mauern und 
über Den Vorplak hin gar nicht, und neuer- 
dings thut fie eS ja wohl nur nod) felten. 
Wenn Ste das Klavier alfo mal befehen 
wollen, — es jteht bier hinten im äußerſten 
Zimmer, an der Hintertreppe — es ift ein recht 
gutes Injtrument, wie man fo jagt... .“ 

Der Profeffor machte cine ablehnende Be- 
wegung. „Ihre Verſicherung genügt mir,” fagte 
er lächelnd. „Wenn der gegenwärtige Inhaber 
es entbehren will und Sie es mir für — na, 
fagen wir zehn Warf monatlich überlajjen, — 
ich dente, bier fünnte es am beiten ſtehen,“ 
unterbrach er fich, auf ein Mahagonigeftell im 
Empirejtil voll Nippfiguren deutend. „Das zer- 
brechliche Zeug nehmen Sie ja doch beffer in 
Shre Wohnung.“ 

„Es find faft lauter Brautgefchenfe von 
unferer Hochzeit,” verfeßte die Grau Bürger: 
meijterin etwas verlegt, „wenn man zu grauen 
Haaren kommt, weiß man folche Erinnerungen 
zu ſchätzen. Nun, ich werde fie alfo an mich 
nehmen und Shnen dafür das Klavier herfegen 
lafjen, haben können Sie es, wir haben fchon 
Darüber vorher gejprochen.” 

Der Profeſſor feufzte erleichtert auf und 
führte die Verhandlung nun fury zum er- 
wünjchten Handſchlag. 

Im Hinausgehen ftreifte er das Porzellan- 


—— 


ſchildchen an der anderen Etagenthür mit neu— 
gierigem Blick. „Adeline von Gudenau, Stifts- 
dame,“ las er. „Für wen die wohl noch immer 
ihr Myrtenbäumchen pflegt?“ 

Als er am Nachmittag mit ſeiner Bibliothek 
und ſonſtigen Habe einzog, ſtand das Klavier 
ſchon an ſeinem Platz, ein durchaus modernes 
Inſtrument, ſchwarzlackiert und ohne beſondere 
Kennzeichen. Er ſtreichelte es liebkoſend und 
zog, ohne es zu prüfen, den Schlüſſel ab. 
„So,“ ſagte er, „dich hätten wir, und Adelines 
Laute ſoll uns in unſerem ungetrübten Bei— 
ſammenſein nicht ſtören. Um durch dieſe drei 
Fuß dicken Zwiſchenmauern zu dringen, müßte 
fie ſchon mit Dampfbetrieb arbeiten.” 


IM. 


Ver Monat Mai machte in diefem Jahre 
feinem poetischen Rufe wenig Ehre, das Wetter 
war zumeiſt vegnerifch, windig und empfind- 
lich falt. Aber Ludwig Strömer hatte fich feit 
manchem Kahr nicht mehr fo frühlingsmäßig 
angeregt und behaglich gefühlt. Er fchrieb es 
der neuen Wohnung zu gut. Vielleicht war 
auch noch etwas anderes daran mit fchuld, 
jedenfalls war die Wohnung allen Yobes wert. 
Neben ihren allgemein faplichen VBorzügen be- 
jaß fie noch einen, Den Ludwig Strömer als 
Gelehrter und Menfd) befonders fchäbte: über- 


— 87 o- 


aus ftille, ja zurückhaltende Hausleute. Yn der 
erjten Woche war der Profeffor noch ein paar- 
mal abends, wenn er unvermutet aus feiner 
Thür trat, Draußen an der Flurecke der Frau 
Bürgermeijterin begegnet; es fah beinah aus, 
als ob fie dort etwas fuchte. In der zweiten 
Woche hatte fie es anjcheinend gefunden. Sie 
ließ fich weiterhin nur fehen, wenn der Miets- 
herr nach ihr verlangte — er war höflich und 
that es nur felten. Alsdann nahm fie feine 
Beitellungen und Wünfche mit einer freund- 
lichen, etwas elegifchen Schweigfamfeit ent- 
gegen und empfahl fih alsbald, nachdem fie 
allenfalls ein von der Aufiwärterin überſehenes 
Staubfläuschen von dem blanten Dedel des 
Klavier3 weggewifcht hatte. Die Aufwärterin, 
eine derbe Handiwerferswitwe, übertraf ihre 
Herrin womdglih noch an Schweigfantkeit. 
Ste erledigte ihre Arbeit fauber und flint, mit 
einer bet Hausgeijtern ihrer Art feltenen Ge- 
räufchlofigfeitt, von der etwaigen Anweſen— 
heit des Zimmerherrn aber nahm fie nur ge- 
rade fo weit Notiz, daß fie feine Begrüßung 
brummend erwiderte und ihn nicht aus Ver- 
feben mit abjtäubte oder hinausfehrte. Die 
Nichte blieb, wie der frühere Inhaber des 
Klaviers im legten Flurzimmer, überhaupt un- 
fichtbar. Sie fehien fich durchaus in den Ge- 
mächern ihrer Tante zu halten, von denen der 


— 88 — 


Profeffor nach wie vor nur die Außenfeite der 
Thiiren fannte, und eS ftand feiner Phantafie 
frei, fie fich im Stile des Haufes als eine 
freundlichitrenge jungfräuliche Herbariumsbliite 
von einigen dreißig bis fünfundvierzig Jahren 
vorzustellen. Etwas inniger, aber doch auch 
im Stile des Haufes hatte fich Das nachbarliche 
Verhältnis zu der Stiftsdame entwickelt, dank 
einer Mitteilung des Oberpedells Trautebier. 
Diefen Wadern fand der Profeffor am zweiten 
Tage nach feinem Einzug nachdenklich vor dem 
Blumentifch ftehend, eine amtliche Aktenmappe 
unter dem Arm. „Was machen Sie denn hier?“ 
fragte er. Der Veteran firich fich den weißen 
Kaiferbart. „Eigentlich wollte ich dem Herrn 
Rrofeffor nur das hier zur gefälligen Unter: 
Schrift bringen,“ fagte er, „aber wenn ich mir 
daS da fo anfebe...” Er deutete auf den 
Blumentifch. „Lieben Sie die Myrtenbäum— 
chen?” fragte der Profeffor lächelnd. „Diefe 
hier gemwijjermaßen ja,“ erwiderte der Alte 
ernithaft. „Der Herr Profeffor tennt die Ge- 
Ichichte ja wohl nicht,“ fuhr er leifer, nach einem 
vorfichtigen Blick auf die gefchlofjene Flurthür 
fort. „Sch tenne fie auch nur genauer, weil 
td) damals mit dabei war, Anno 1848 am 
9. April bei Bau, wo wir ung mit den Dänen 
fehlugen, — ich bin ja geborener Holfteiner. 
Das war ein trauriger Tag, Herr Profeffor. 


— 89 o— 


sch bin ja noch mit einer Schramme abge- 
fommen, habe dann hernach bet den Preußen 
fapituliert und erjt Anno 64 bei Düppel meine 
Kugel ins Bein befommen, — aber den jungen 
Baron Sievened, den trafs Damals bet Bau, 
gleich anfangs. Schuß in den Kopf, — gleich 
bin. So ein fchoner frifcher junger Herr, — 
war ja noch fozufagen Student, hier von der 
Univerſität als Freiwilliger zu uns gejtoßen, 
wie viele von Den jungen Herren damals. Und 
fie war feine Verlobte. Wiſſen Sie, wir fanden 
hernach in feiner Brieftafche eine Daguerro— 
typie von ihr mit einem Zettel, da hatte feine 
Mutter einen Vers drauf gefrigelt, von dem 
Dichter Schenfendorf, der jekt in Koblenz in 
den Rheinanlagen zu fehen ift, ich fann thn 
noch ausivendig: 


„Ein deutiches Mädchen will als Braut 
Den deutjchen Helden grüßen; 

Ich fah fie jüngit ein Viyrtentraut 

Sm Kämmerlein begießen. 


„Ma, das tam Dann ja wohl anders, — er 
liegt da oben in Schleswig unter der Erde, 
mit all den anderen braven ungen, und fie 
ift Stiftsdame und wohnt jest Schon an die 
zwanzig Jahre hier drinnen. Vorher, hab’ ich 
gehört, hat fie lange bei feiner Mutter gelebt, 
bis die ftarb, — Die war nämlich vor Kummer 


— 90 — 


fo was man fagt fehwermütig geworden.... 
Sa, das find fo Gefchichten, Herr Profeffor. 
Aber mit den Mtyrten da, das hat noch feine 
befondere Bewandtnis. (3 ift da hier in der 
Stadt fo ein Verein unter den Damen, zur 
Ausjtattung von tugendhaften armen Bräuten, 
Da ift das Fraulein von Gudenau ja wohl auch 
bet, — fie gibt überhaupt viel Geld im ftillen 
an arme Leute. Und das ift nun fo ’ne Idee 
von ihr, jedesmal den Brautfranz, wenn fie 
wieder eine fo weit haben, den jtiftet fie, und 
am liebjten von ihren eigenen Bäumen. — 
Wenn der Herr Profeffor mir denn gütigjt 
Ihre Unterfchrift geben wollten?“ 

Seit diefem Gefpräch ftand auch der Pro- 
feffor zuweilen nachdenklich vor den Myrten 
till, und wenn er ihrer Pflegerin begegnete, 
fo grüßte er jehr verehrungsvoll. Sie erwi- 
derte den Grup aufs anmutigite, allmählich 
ſpann fich auch ein Gespräch von einigen zwanzig 
Worten daran, über das Wetter natürlich, und 
einmal hob der Yrofeffor feiner Nachbarin die 
Schere auf, die thr entglitten war; das war 
aber auch einſtweilen der intimſte Wugenblic 
ihres Verfehrs. 

(Ss gab aber eine andere, erheblich jüngere 
Dame, mit welcher der Profeſſor Strömer ohne 
ein einziges Wort mündlicher oder fchriftlicher 
Bivtefprach bereits in lebhaften, für ihn höchſt 


— 9] — 


anregendem Meinungsaustaufch ftand. AMS 
Durchaus unwiſſende Mittelsperfon hatte Dabei 
der Befiger Der roten Couleurmütze am zweiten 
Stübpfeiler des Auditortums XI mitgebolfen, 
indem er nämlich vom 12. Mai an fonfequent 
Ichwänzte. Der Profeffor mußte fich einen an- 
deren Wugenpuntt ftatt der roten Miike fuchen 
und fand ihn diesmal links neben Dem erjten 
Stüßpfeiler. Diesmal aber war's teine feelen- 
lofe Kopfbedecdung, vielmehr ein lebendiger 
Kopf mit fehr ausdrucspollen Zügen und 
fprechenden Mugen, welche fich an den Blick 
Des dozierenden Herrn immer entfchiedener ge- 
wöhnten und unvermerft feinen ganzen Vortrag 
fritifch beeinflußten. Zumeiſt erzählte ihr jtilles 
tiefes Leuchten dem Lehrer von einem verjtänd- 
nisvollen, Danfbaren Zujtimmen; er geiwahrte 
ein Nicen, zugleich befcheiden und eifrig, bet 
mancher wichtigen Stelle des Vortrags, ein 
allerliebjtes Tchalfhaftes Lächeln bet ironiſchen 
Swifdhenbemerfungen, wie er fie halb im Selbſt— 
gefprach einzuflechten liebte, und mit der er- 
höhten Sicherheit des Schiffers, Der Das er- 
boffte Yeuchtfeuer durch dew Nebel begrüßt, 
fteuerte er Dann fein Schifflein weiter. Zuweilen 
aber fams wie ein Not- oder Warnungsiignal 
herüber, Das ihn veranlaßte, zulegt Gefagtes 
faßlicher, wohl auch vorfichtiger, minder ein- 
fetttg zu wiederholen, bis man fich drüben wieder 


— 92 — 


mit feinem weiteren Kurs einverftanden zeigte. 
Und auch das blieb nicht völlig aus, daß ihm 
irgend ein Ausjpruch, den er vielleicht für be- 
fonders geijtvoll und weittreffend hielt, mit 
einem fo anmutigen wie entfchiedenen Lächeln 
unter Protejt zurücgegeben wurde. Alsdann 
that der Profeffor, wozu fih ein Gelehrter 
fonjt nicht einmal immer durch den Widerfpruch 
anderer anerfannter Gelehrten bringen läßt, — 
er überlegte fich feine Meinung daheim noch 
einmal gründlich und fand, daß fie doch nicht 
fo ganz unfehlbar fet. Er trug e3 der Gegen- 
partei nicht einmal nach, daß fie ihm zuerſt 
ihre Zweifel an feiner Unfehlbarfeit befundet 
hatte. Solche Großmut ift gwifchen Gelehrten 
noch feltener und beinah nur zu begreifen, 
wenn ſchon eine gewiſſe perfönliche Neigung 
für den Gegner mitspielt. 

Mit befonderer Wärme hatte der Profeffor 
Strömer neuerdings mehrmals betont, daß er 
jedem Rat und Auskunft fuchenden Mitgliede 
feiner Zuhörerfchaft nach der Vorlefung gern 
im Sprechzimmer neben dem Auditorium X] 
zur Berfügung ftehe. Auch feine weiblichen 
Hörer hatten nach und nach von dieſer Ein- 
ladung Gebrauch gemacht; er hatte fich dabei 
mit liebenswiürdiger Sorgfalt den Ramen von 
jeder diefer fchon teihveis in höheren Lebens- 
femeftern ftehenden Damen nennen laffen und 


— 93 — 


in feinem SHörerverzeichnis angefreuzt, bis 
zulegt nur noch eine ihres Kreuzchens und 
feiner Ausfunft ermangelte. Leider war es 
gerade Die Amtsnachfolgerin der roten Couleur- 
müge; aber der Profefjor wußte nun auf diefem 
Ummege menigjtens, daß fie Srene Scherer 
hieß und dem meitverbreiteten Volfe der Leh- 
rerinnen angehörte. 

Sm Befize Diefer Aufflärung lieh er fich 
fogleich nach dem Kolleg — eS war am Mon- 
tag vor Pfingiten — daheim von der Frau 
Bürgermeilter das Adreßbuch. Fräulein Yrene 
Scherer feblte darin. Mit einem Blick hilf: 
lofer Enttäufchung reichte er feiner Wirtin das 
Buch zurück; „Die fann ich Doch auch nicht nach 
der Dame fragen,” Dachte er, „und woher follte 
die fie auch fennen?” Die Frau Bürgermetiter 
ſchien den Hilflofen Blick auf eine gemwiffe zu- 
gänglich weiche Stimmung ihres Mitetsherrn 
zu deuten. „Ich, Herr Profeffor,” begann fie 
zögernd. „Sie haben wohl feit einigen Wochen 
febr viel zu arbeiten? — Sch meine nur... 
weil Sie fo fehr felten Klavier Spielen.“ 

Der Profeſſor blickte fie mit einem ironi- 
fehen Lächeln an, in welchen noch etwas von 
feinem Aerger über das Adreßbuch mitzuekte. 
„Ich fptele überhaupt nicht Klavier,” fagte er. 

„Ja, aber,“ ermiderte die alte Dame ver- 
blüfft, „weshalb haben Sie’3 denn gemietet?“ 


— 94 o 


„Eben damit nicht drauf gefpielt wird,” 
antwortete der Profejjor mit graufamer Ge- 
lajjenheit. „Dieſe Fingerfeuche, wie fie heut- 
zutag leider zur fogenannten Bildung gehört, 
bat mich fehon aus zwei Wohnungen getrieben. 
Diesmal haben wir dem Uebel abgeholfen.” — 
Und da die alte Dame noch immer fo verwundert 
und betrübt auf das ftumme Klavier ftarrte, 
fuhr er bejanfttgter fort: „Uebrigens wenn Sie 
fo daran gewöhnt find — nächiten Freitag 
gehe ich auf zehn Tage in die Ferien —, da 
fünnen Sie meinethalben den Kaften fo lange 
wieder hinüberſchaffen laffen und meinem mufi- 
falifchen Nachbarn vom andern Flurende Tag 
und Nacht zur Verfügung jtellen.” 

„sch Dante Ihnen,“ fagte die Frau Bürger: 
metjter furz und verließ mit ihrem Adreßbuch 
Das Zimmer Der PBrofefjor lächelte mit be- 
friedigtem Hohne hinter ihr her und ftreichelte 
fein ſtummes Klavier. 


IV. 

Mit den nachften Tagen begannen die Pfingit- 
ferien, von denen das Hohe vorgeſetzte Mi- 
nijterium nichts wiſſen will und die akademiſche 
Bürgerſchaft um fo mehr. Celbjt von den vier 
jtrebfamen Zuhörerinnen des Profejjors Stró- 
mer fehlten am Donnerstag Schon zwei. Die 
fünfte, unjtrebjamere war zugegen, aber auch 


— 95 — 


jie ließ e8 Heute an der rechten Stimmung oder 
Zuftimmung fehlen. Es lag etwas ausge- 
Iprochen Zweifelfüchtiges in dem Gefichtsaus- 
Drud, mit dem fie dem Vortrag folgte, und 
itreefenweife folgte fie anfcheinend überhaupt 
nicht, Frißelte in ihrem Büchelchen herum oder 
betrachtete das Heft ihres ewig jtenographieren: 
Der Nachbarn. Den Profeſſor erfehrectte das 
Verhalten feines Augenpunktes fehr. Er hatte 
jich gerade auf diefe Vorleſung ordentlich ge- 
freut, eine darin vorfommende Betrachtung 
über gewijje Tonmalereien des Tichters mit 
allerhand Zuſätzen über verwandte mufifalifche 
Ericheinungen erweitert, weil er gemerft zu 
haben glaubte, daß bei Irene Scherer folche Hin- 
wetfe befonders ſympathiſch wiederflangen, — 
und nun verfagte die Leitung auf einmal. 
Ein paarmal fam er völlig aus dem Text. 
(Sr war Schließlich froh, fich mit dem wirfungs- 
vollen Vortrag von zwei Klopjtodichen Ge- 
dichten, dem auch Grene mit größerer Aufmerk— 
fanifeit laufchte, einen leidlichen Abgang zu 
fichern, um den Doch, genau genommen, Der 
Tichter mehr Verdienſt hatte als der Profeſſor. 

Ziemlich wortfarg hörte er bei Tijch die 
Pfingjtreifepläne feiner Berufs: und Tijchges 
fährten an und ärgerte fich mehr als gewöhne 
lich über das ,Qunggefellenfutter” des Gafte 
bofs. Zu Haufe vor dem Blumentifch traf er 


— 96 — 


Fräulein Adeline von Gudenau. Sie deutete 
freudig gerührt auf ein Myrtenbäumchen. „Se: 
hen Sie doch nur die lieben fleinen Blüten- 
fnöfpchen,” fagte fie, „fann es etwas Süßeres 
geben? Das warme Wetter lockt fie hervor, 
es will nun endlich ſchön werden.” — „Ja,“ ent- 
fuhr es dem Profeffor, „es ift fcheuplich ſchwül 
heute.” Die Stiftsdame verfärbte fih ein wenig 
über fo grobe Worte ihres Freundes. Gie 
blickte mütterlich beforgt zu ihm auf: „Auch 
Ahnen wird die Ferienruhe gewiß wohlthun, 
Herr Profejfor, — Ste fehen etwas abgefpannt 
aus.” — „Das macht das Wetter,” erwiderte er 
und empfabl fich mit kurzem Gruße. 

Œs war wirklich recht fchwiil, und, wie er 
merkte, in den Zimmern noch mehr als draußen. 
Nach einigen vergeblichen Arbeitsanſätzen griff 
er jeufzend wieder nach Strohhut und Spagsier- 
jtocE und fehlenderte hinaus in den Waldparf, 
der fich mit vielen Ausfichtspunften und ſchön 
verschlungenen Wegen am Vergfaum über der 
Stadt hinzieht. 

Hier, im einfamen Wandern, gelangte er zu 
einer geordneten Nachprüfung feines heutigen 
Stollegs. Sie nahin wunderlicherweife die Form 
einer regelrechten Disputation mit einer unficht- 
baren, höchſt hartnäctigen Geqnerin an; und 
Diefer Disput befchaftigte den eifrigen Gelehrten 
fo febr, Dap er gar nicht merfte, wie die Bogel- 


24 07° = 


ftimmen im Gebüjch immer feltener, der Wind 
immer lauter, feuchter und die Beleuchtung 
immer fahler wurde. Plößlich, mit einem 
wirkungsvoll einleitenden Blig und Donner- 
Ichlag, brad) es los, — ein Hagelgewitter von 
ungewöhnlicher Vollfonimenheit. Dem Pro- 
fejfor praffelte e3 auf den Strohhut wie ein 
Regen von Stiefeliteinen. Rundſpähend ge- 
wahrte er zum hichjten Glücke ein halb offenes 
Ausjichtstempelchen, etiwa zwanzig Schritt wei- 
ter am Wege, und mit der Hand vor den 
Augen ftürzte er dem Afyl zu. 

Der männlichen Eitelfeit — fie tit befannt- 
lich größer alS die weibliche — ift es immer 
ein peinlich verwirrendes Gefühl, bei folchem 
sauve qui peut von Damenaugen bemerkt zu 
werden. Der Profejjor Ludwig Strömer hatte 
dies Gefühl felten fo lebhaft empfunden wie 
jet, als ihm in dem Tempelchen Fraulein 
Irene Scherer freundlich lächelnd entgegentrat. 

Durchaus unverlegen und unbehagelt jtand 
fie vor ihm, in heller furzärmeliger Sommer— 
blufe, einen zierlichen, einfachen Strohhut auf 
dem Haupte. Hinter ihr auf der Nondellbant 
an der gefchlojjenen Tempelfeite lagen die hell: 
graue Jade, zwei lange Handſchuhe, ein Sonnen- 
Ihirm und ein Skizzenbuch; den langen Biei- 
jtift hielt jie noch in der Hand, wie ein Zauber- 
jtäbchen. 


Niufenalmanach für 1900. 7 


— 98 o- 


„Sie ſcheinen ja hier heimifch zu fein,” fagte 
der Profefjor, um doch etwas zu fagen, während 
er fih mit dem Tafchentuch den Schnurrbart 
trocknete. 

„sh wollte die Berge drüben ffizzieren,” 
erflärte fie unbefangen. Sie rücte ihre Sachen 
nach der Mitte zufanımen, fo daß ein Blak an 
der einen Ede für ihn fret wurde, und febte 
fich in Die andere. „Aber es ift nichts ge- 
worden, — eS war zu mächtig fhón in diefer 
Beleuchtung vor dem Gewitter. Da fann man 
nur ftaunen und ſchauen.“ 

„Set fann man nicht mal mehr das,“ ver- 
fette der ‘Brofeffor, noch immer ziemlich geiftes- 
abivefend. Die viel gerühmte Ausfiht war 
völlig in ein dices, fahles Wolfengrau ver: 
hüllt, das nur fefindenlang vom grellen Blig- 
licht wiederflamnte. Dazwilchen frate und 
- rollte der Donner, unendlicher Hagel von der 
ripe junger Haſelnüſſe prajfelte auf das Dach 
des Tempelchens, jtreute zahllofe abgeriffene 
Blätter und Zweige in den wirbelnden Wind 
und häufte fich auf dem Wege draußen zu einer 
Dichten Gisdecfe. 

Vie beiden blicften eine Weile fehweigend 
auf das feltfam wilde Naturfchaufpiel. Der 
Profeſſor quete zwischendurch ein paarmal 
verftoblen beforgt nach feiner Gefährtin bin, 
wenn ein befonders greller Blig ihn felber fait 


— 99 — 


erfchrectt hatte. Sie fap ruhig, die Hände 
nach ihrer Gewohnheit leicht gefaltet. Einmal 
hob fie die Linke zur Schläfe, um ein vom 
Wind hereinverwehtes Blatt aus dem fraufen 
Stirnhaar zu löfen. Dabei glitt der halblange 
Aermel noch weiter von dem Arme zurücd, der 
überaus ſchön geformt war, rundlich-Ichlant 
und weich, aber nicht weichlich, und mit der 
gefunden Farbe frischer Jugend roſigweiß ſchim— 
merte. Alles an ihr, Haltung und Bewegungen 
wie der Blick ihrer Augen und die Umriffe des 
Gejichtes erfchien dem heimlichen Befchauer 
gleichmäßig befeelt von diejer läfjigen Anmut, 
unter welcher fih die unangefranfelte, ftille 
Kraft rüjtigiter Jugend zu Fünftigen Lebens- 
fämpfen ausrubt, ohne fich zu verbergen. Sehr 
mächtig überfam ihn ein wunderliches Gefühl, 
Das er fich Doch noch mit feinem wahren Namen 
anzufprechen fcheute und lieber nach der Weife 
gelehrter Männer in den Mantel einer allge- 
meinen Betrachtung wicelte. „Mein Gott,” 
Dachte er nur halb ironisch, „was foll das 
werden, wenn uns unfere fo eifrig unterjtüßte 
Frauenbewegung nächitens noch viele folcher 
Hörerinnen und fünftiger Kolleginnen zufchieft? 
Es wird fchwer fein, mit ihnen zu disputieren. 
Sie haben thre ganz befonderen Ueberzeugungs— 
mittel, vor Denen unfere Logit aufhört. Wlan 
wird fich Schon die Augen zubinden müſſen, 


— 100 — 


wie die Göttin der Gerechtigfett, ehe man diefe 
Graminandinnen ins Doktor: oder Staats- 
eramen, nimmt. Und zum Beifpiel bei der da 
müßte man fih auch noch vorher die Ohren 
mit Wachs zujtopfen, wie der weife Odyſſeus, 
damit fie einen nicht mit der Lieblichfeit ihrer 
Stimme zu ungerechter Milde verführt; — ja, 
aber wie foll man fie dann überhaupt noch 
eraminieren? Da bleibt nur die fchriftliche 
Prüfung. Es ijt merkwürdig, daß mir diefe 
Bedenken bei meinen Verhandlungen mit den 
eifrigften Führerinnen der Frauenbewegung nie 
eingefallen find. — „Das heißt,” ſchloß er nach 
einem neuen Bli auf feine Nachbarin, — 
„eigentlich ift e8 Doch nicht merkwürdig.” 


V. 


Allgemach legte fich Das Unwetter. C3 hatte 
ausgewittert, das trübfahle Gewölk lichtete fich, 
dem Hagel folgte ein großtropfiger Sommer- 
regen, immerhin recht folid und fürs erjte nicht 
zum Aufbruch einladend, Doch fein Hindernis 
mehr für ein vernünftiges Gefprad. 

„Sie find Künſtlerin?“ fragte der Profeffor 
und deutete auf das Skizzenbuch. Lächelnd, 
ohne eg zu öffnen, nahm fie es an fih und 
jteefte e3 unter die Jade, die fie eben angelegt 
hatte. „Sch wollte, ich wär's,” fagte fie. „Mein 
Vater war eg.” 


— 101 — 


„Ach,“ rief er, „Sie find eine Tochter Ernit 
Scherers?” Er nannte einige Bilder des be- 
rühmten Zandfchaftsmalers, die er im Original 
fannte. Sie hörte freudig zu und ergänzte 
feine Schilderungen hier und da fachfundig. 
„Man merkt das Erbteil,” fügte er. Sie ſchüt— 
telte lachend den Kopf: „Ach nein,” verjette 
fie, „e8 langt nur gerade zur Zeichenlehrerin.“ 

„Sie unterrichten?“ fragte Ludwig Strömer 
weiter. Es durchzuckte ihn flüchtig, ob feine 
höchjt negative malerifche Begabung wohl aus: 
reichen würde, fic) ihr als Schüler anzubieten. 

„Auch in neueren Sprachen,” antwortete 
fie. „Ich bin an einer hiefigen Privatjchule 
feit anfangs Frühjahr angeftellt.” Mun famen 
fie recht ins Plaudern. Er deutete an, daß 
fie wohl um der Univerfität willen her ver: 
zogen fet. „Doch nicht,” lächelte fie, „die Stelle 
wurde mir angeboten, und ich habe hier Ver: 
wandte. Sch höre ja auch nur bei Ihnen, die 
drei Stunden wöchentlich. Daß man jest uns 
Frauen das Thörchen zum alademifchen Stu- 
dium ein flein wenig geöffnet hat, finde td) 
ganz nett, aber es werden Doch immer nur 
Ausnahmenaturen fein, die fich wirklich ganz 
der Wrijfenfdjaft widmen. Sch bin feine, und 
fo zum bloßen Ddilettantifchen Herumbören habe 
ich feine Zeit noch Neigung. Am beiten wär's, 
glaub’ ich, man machte Dem ganzen Streit ein 


--+ 102 «— 


Ende und jtellte die Univerfität den Mädchen 
wie den jungen Männern frei, dann würden 
fich die Dilettantinnen und Neuheitsfüchtigen 
bald von jelber verlieren, und den paar Un- 
normalen wäre auch geholfen.“ 

Der Profeffor fchüttelte zu folchem Radi- 
falisinus bedenklich den Kopf, aber er freute 
fih Doch febr, daß fie ihre eigene Meinung 
hatte und fo unbefangen ausfpradh. „Darf 
ich fragen,“ fagte er, „was Sie denn veran- 
laßte, gerade mein Kolleg zu bevorzugen?” 

„Doch wohl der Gegenstand,“ antwortete 
fie lächelnd. „Mein Vater liebte Klopſtock be- 
fonders und bat mit mir viele von feinen 
Oden durchgenommen.“ 

„jedenfalls wünfchte ich mir viele Zuhörer 
wie Sie,” fagte der Profeffor eifrig. „ES ift 
für den Dozenten nichts erfreulicher, als eine 
Aufmerkſamkeit zu finden, die mit felbftan- 
digem Anteil folgt und auch wohl einmal an- 
derer Ansicht bleibt. "Heute vormittag, bei 
meinem muſikaliſchen Exkurs, fam e8 mir vor, 
als ob Sie anderer Anficht wären, und ich 
hätte Sie am liebjten gleich gefragt.“ 

Fräulein Frene Scherer errötete und blicte 
verwirrt lächelnd auf ihre Hände. Dann fragte 
fie, mit einem entfchlojfenen Wufblicfen: „Lieben 
Sie die Muſik, Herr Profeſſor?“ 

„Darauf glaube ich Sa antworten zu dür- 


-+ 103 e- 


fen,“ fagte Ludwig Strömer. „Sch habe fehon 
von meinen Schülerjahren Her viel und gern 
gute Mufif in guter Wiedergabe gehört. Gu 
meinen Studien wie in meinen Schriften und 
Vorträgen zur neueren Yitteratur pflege ich 
mit befonderer Vorliebe den Wechfelbeziehungen 
zwijchen der Poeſie und der Muſik einer be- 
jtimmten Zeit nachzugehen, — wie Sie ja wohl 
ſchon bemerft haben. Hätten Sie mich aber 
gefragt, ob ich mufifalifch fei, fo müßte ich 
wohl nein fagen. AUS Schuljunge Habe ich 
ein paar Jahre lang bei völlig mangelnder 
Anlage zum Virtuofen die übliche Klavierdreffur 
mitgemacht und davon immerhin den Jugen 
behalten, daß ich die geläufigiten Kunſtausdrücke 
verjtehe, Noten lefen fann und fo weiter. Seit- 
dem aber bin ich im üblichen Sinne des Wortes 
nicht muſikaliſch, das heißt, ich fpiele felber 
fein Inſtrument und werde fribblig, wenn ich 
einen geſchätzten Mitmenschen fehlecht, — Ich 
meine mechanifeh, feelenlos jpielen höre. Tas 
ift, flircht’ ich, eine unmoderne und für den In— 
haber oft unbequeme Eigenfchaft. Von folchen 
Abendgefellichaften und dergleichen, in denen 
der Mangel an Geift durch mufifalifches Ge- 
räufch gedeckt wird, fann man fich ja höflich 
fernhalten. ber wenn es, wie in meiner 
früheren Wohnung, dem böfen Zinunernachbar 
gefällt, täglich fünf bis fechs Stunden feine 


— 104 — 


Handmusfeln an unverjtandenen Chopinfchen 
Balladen und Tänzen zu üben, dann fann der 
Befte nicht in Frieden wohnen und muß halt 
ausziehen. Nun, Not macht erfinderifch, — 
ich babe jet ein Mittel erfonnen, das zu 
helfen feheint, — nämlich ich babe meiner 
Wirtin das einzige Klavier, das fih in ihren 
Räumen vorfand, von vornherein abgemietet 
und bewahre es forgfam verjchloffen neben 
meinem Schreibtijch.” 

Der Profelfor blickte behaglich Tächelnd nach 
feiner Gefährtin hinüber, die mit gefenftem 
Antlitz zugehört hatte. Auch fie lächelte flüchtig, 
aber eS fah nicht nach Beiltimmung aus. 
„Das Mittel mag als folches gut fein,” fagte 
fie, „aber ich weiß doch nicht, ob ich es loben 
darf. Denken Sie doch mal, — der Fall ift 
ja fehr möglich, — wenn Sie bei armen Leuten 
wohnten, die auf der Welt wenig andere Freude 
haben als ein bißchen Hausinufif, — denen 
hätten Sie dann um eine Summe, die für Sie 
unbedeutend ift, ihr edeljtes Vergnügen abge- 
feilſcht!“ 

Ludwig Strömer blickte überraſcht und be— 
luſtigt auf. „Ein bißchen ſchrullig iſt ſie doch, 
dieſe kleine Denkerin,“ ſagte er bei ſich. Laut 
aber erwiderte er: „Das trifft jedenfalls hier 
nicht zu. Meine Wirtsleute ſind ein paar ältere 
Damen, die ſehr zurückgezogen, aber anſchei— 


— 105 — 


nend gar nicht dürftig leben, — und übrigens 
hatten fie Das Klavier auch bisher an einen 
anderen Zimmerherrn vermietet, irgend einen 
Studenten, der nach Lage und Preis der Woh- 
nung auch nicht zu den Aermſten der Uni- 
verjität gehören dürfte.” 

Srene Scherer prekte die Lippen zuſammen 
und errötete, vor Eifer vermutlich. „Aber 
denken Sie mal,” begann fie hartndctig, „wenn 
Sie Ihre Wirtin einschließlich jenes anderen 
Zunmerherrn auf andere Weife enttäuscht hät- 
ten? Es find vielleicht Leute, die auch gern 
bejjere Muſik Hören, als fie felber machen können, 
und Die Ihnen Darum das fo energifd) gefor- 
derte Klavier abtraten in der Hoffnung, hin 
und wieder heimlich einem Meiſtervortrag 
Taufchen zu dürfen...“ 

Diesmal lachte der Profeffor geradezu. „Ver: 
zeihen Sie, mein Fräulein,“ rief er, „aber Sie 
find wirklich eine Künſtlerin! Nebſt Shrer 
zeichnerifchen Gabe befigen Sie auch, wie ich 
merfe, nod) in ganz hervorragenden Maße die 
novelliftifche Begabung, — die Luft zu fabu- 
lieren ... Nein, beruhigen Sie fich: ich habe 
zwar im allgemeinen nie nachgefragt, was die 
Leute mir im Guten und Böfen zutrauen, aber 
das glaube ich bis zur Erbringung des Gegen: 
beweiſes getroft vorausjegen zu dürfen, daß 
mich feiner für einen heimlichen Hans von Bülow 


— 106 — 


oder Rubinjftein halt, — trog der muſikgeſchicht— 
lichen Weisheit, die ich gelegentlich im Kolleg 
ausframe, und trog meiner ehrlichiten Begeifte- 
rung für Bach, Händel, Haydn, Mozart, Beet: 
Hoven, und dann vor allem Schubert, und 
fo fort — nota bene, wenn fie gut gefpielt 
werden...” 

Fräulein Irene Scherer erhob fich ſchwei— 
gend, rejigniert, aber wie es fien nicht über- 
zeugt, und riiftete fich zum Fortgehen; denn 
der Regen Hatte nun aufgehört, ein erjter 
Sonnenſchein floß wieder milde zwijchen dem 
zerflatternden Gewölk Durch und erinunterte 
die Maldvögel zu neuem Wettgefang. Die Luft 
war köſtlich abgekühlt und von würzigen Diiften 
erfüllt. 

Auch der Profeſſor hatte fich erhoben. „Uebri— 
gens,” fagte er, „ich bitte um Gerechtigkeit, — 
was ich thun fonnte, hab’ ich gethan. Sch 
Habe meiner Wirtin erft diefer Tage ausdrück— 
lich angeboten, während meiner Ferienreife 
Das Klavier feinem früheren Bearbeiter wieder 
zuzuftellen. La mag er darauf wüten, fo viel 
er Luft hat.” 

Ste lachte begütigt, mit einem leifen, filber- 
hellen Lachen. „Pas wird er denn wohl auch 
thun,” fagte fie. 


—- 107 — 


VI. 

Inzwiſchen waren fie auf den Weg hinaus- 
getreten. Grene fchlug die Richtung zur Stadt 
ein. Gie nahm eg unbefangen bin, daß fih 
der Profeffor auch jeßt an ihrer Seite hielt, 
und ebenfo unbefangen danfend ließ fie fich 
beim Veberfchreiten einiger noch von balbge- 
ſchmolzenen Eisjtückchen überfüllten Querrinnfel 
feine ftüßende Hand gefallen. Zwiſchendurch 
hörte fie mit einer Freude, die ihm fehr wohl 
that, der lobenden Schilderung feiner neuen 
Wohnung und des ganzen alten Hauſes zu. 
„Und das freut mich ganz befonders,” fagte er 
unter anderem, „Daß die Leute fo durchaus 
feine zudringlichen Allüren haben. Ein Miets— 
verhältnis fann ja, wie jeder andere Zufall, 
den Anlaß zur intunjten Freundſchaft abgeben, 
aber eS an fich ſchon als zwingenden Grund 
zu einem freundfchaftlichen Verkehr zu nehmen, 
das halte ich für Eleinbürgerliche Taftlofigkeit. 
Es ift an fih ein reines Gefchäftsverhältnis. 
Se nachdem die PBerfonlichfeiten hüben und 
drüben find, mag und wird fich der [ebens- 
fühige Keim eines familiären Verhaltniffes ent- 
wickeln, aber es ijt zwecklos und ftörend, ihn 
durch plumpe Aufdringlichfeit herauslocden zu 
wollen.” 

Srene Scherer nickte ernjthaft. „Sa,“ fagte 


— 108 — 


fie, „Jo bab’ ich’s auch immer gehalten, und 
ich ſehe immer mehr, daß e3 das Wichtige ift.” 
Sie erriet den Sinn des verwunderten Vlices, 
mit dem er fie von Der Seite betrachtete. „Wir 
Mädchen fommen manchmal früher zu der viel- 
gepriefenen Selbitändigfeit, Herr Profeffor,” 
fuhr fie lächelnd fort. „Seit meinem neunzehn- 
ten Jahre, — das find nun bald vier Jahre, — 
bin ich Lehrerin und habe in Diefen vier 
Jahren ausgerechnet ebenfoviel Chambres gar- 
nied bewobhnt, erft in Düffeldorf — und dann 
hier. Es gibt allerhand Wirtsleute — und 
Nebenmieter, — das fann unfereins beftatigen.” 

„Jedenfalls hab’ ich’s felten fo gut getroffen,“ 
verjegte der Brofeffor. „Die alte Dame mag 
ihre wunDderlichen Seiten haben, aber eS ftecft 
etwas ausgejprochen Feines in ihr, das wohl 
nicht erft mit der Anfiedelung in dem Palazzo 
des Hochfeligen Kurfüriten oder feines Koad- 
jutors über fie gefommen ift. Die andere, Die 
Nichte, ift mir ja überhaupt etwas fagenhaft. 
Vermutlich beforgt fie für ihre Tante, die üb- 
rigens auch noch einen erfreulich rüjtigen Ein- 
druck macht, die laufenden Gefchäfte in Haus 
und Küche, und dann Habe ich allen Refpeft 
vor ihr. Die Damen führen fogar einen ganz 
leidlichen Weinkeller. Und erft vorgeftern abend, 
als ich mich nicht gern von meiner Arbeit 
trennen wollte, hab’ ich Frau Wormmedel um 


— 109 œ 


ein Abendbrot angegangen, und da hat fie mir, 
trog der Kleinen Klavierverftimmung zwiſchen 
uns, durch die Aufwärterin ein garniertes 
Schnitel gewidmet, das mit unferen Gafthof- 
fhnigeln gar nicht zu verwechjeln war und der 
Verfajferin alle Ehre machte.“ 

Fräulein Frene Scherer bückte fich nach 
einigen verfpdteten Primeln. „So,“ fagte fie, 
während fie die goldigen Blumen aus dem 
feuchten Grafe pflückte, „alfo das hat Ihnen 
gefchmeckt? Sa, das weiß ich von meinem 
Vater und feinen Freunden her, — Künjtler 
jehen beim Effen auf die Qualität, fie find 
ein dankbares Publikum für uns Frauen. Bei 
den Gelehrten foll es ja wohl nicht immer 
fo fein.“ 

„Aber erlauben Sie,” fragte der Profeſſor, 
„zu welchem diefer beiden Berufsfreife rechnen 
Sie mich denn?“ 

„Doch wohl zuerjt zu den Künjtlern,“ fagte 
fie ruhig weiterfchreitend, „wenn Ste auch noch 
feinen Band Gedichte herausgegeben haben 
follten. Sch meine, wer es wagt und verjteht, 
anderen Leuten von Berufs wegen Die Poeſie 
auszulegen, der muß vor allem den inneren 
Dichter in fich fühlen. Ohne das möchte ich 
mir feinen Lehrer für neuere Litteratur denten.” 

„So,“ fagte der Profejjor Ludwig Stromer 
naddenfend. „Na, wiffer Sie, — ich fürchte 


— 110 — 


aber, es gibt folche. Sogar febr gelehrte, denen 
nichts fehlt als das poetifche Gefühl, — der 
innere Dichter, wie Sie e3 nannten.” 

„Das muß fchredlich fein,” fagte fie. 

„WaS dabei Herausfommt, ift allerdings 
ſchrecklich,“ verficherte der Profeſſor mit der 
ganzen Herzlichkeit eines deutfchen Gelehrten, 
der den Stab über eine Bande von Kollegen 
bricht. 

„Ja,“ erwiderte Irene Scherer etwas zer- 
jtreut, an ihren Blumen herumordnend, — „und 
wie iſt es denn mit Dem anderen Sinunerherrn, 
der früher Das Klavier hatte, find Sie mit dem 
auch zufrieden?” 

„Wenigstens fann ich nicht über ihn flagen,” 
fagte der Profejfor behaglich. „Er muß ent- 
weder ein Genie in der Solidität fein, oder 
im Gegenteil. Denn fehen Sie: die Hinter- 
treppe, von der ich Ihnen vorher ſprach, ift 
nach zehn Uhr nicht mehr zugänglich, weil dann 
Der Hof geichlojfen wird. Nun arbeite oder 
lefe ich zumeist abends noch lange, aber ich bin 
noch niemals in diefen Dritthalb Wochen durch 
unfichere, polternde Schritte und ähnliche alfo- 
bolifch beeinflupte Heimfahrergeräufche auf dem 
Flur gejtört worden. Alſo entweder fneipt 
Diefer Kommilitone bis in den frühen Morgen, 
wo ich mich eines fait unjtörbaren Schlafs er- 
freue, oder er fneipt überhaupt nicht.“ 


— 111 o 


Fräulein Irene Scherer ließ wieder ihr 
jilbernes Rachen hören, diesmal fo herzlich und 
anhaltend, daß auch der Profeffor mit männ— 
lichem Gelächter einſtimmte. Trefflich flang es 
zufammen. Ter Profeffor fapte fich zuerit. 
„Uebrigens unmöglich wär’ ja nicht,“ meinte 
er, „daß fich diefer Herr ſchon vor zehn Uhr 
in einer Verfaffung befindet, die es ihm er- 
fchiwert, noch weitere auswärtige Quelien auf- 
zuſuchen.“ 

„Dann iſt es doch gewiß ſehr gut, wenn 
Sie ihm einſtweilen ſein Klavier wiedergeben,“ 
verſetzte ſie, und das Lachduett wiederholte ſich. 
Plötzlich aber brach die ſilberne Tonreihe ab. 
Irene Scherer deutete auf den Boden und 
bückte ſich. Dort lag ein winziger grauer 
Vogel mit ſchwarzem Käppchen, tot und ſteif, 
die kleinen Beinchen krampfhaft angezogen. 

„Ein Schwarzköpfchen,“ ſagte der Profeſſor. 
„Armes Tierchen! der Hagel hat es erſchlagen.“ 

„Ja,“ fagte fie leife. „Und es tit jeßt eben 
die Zeit, wo ihre Jungen ausfchlüpfen.” Sie 
fapte die Fleine Leiche und legte fie behutfam, 
als wär's ein Lebendes, Wehrlofes, feitab ins 
Gras. AS fie fich wieder aufrichtete, gewahrte 
der PBrofejfor die Thränen in ihren Augen. És 
dDurchichütterte feine Seele. „Ser Nuttertrieb,“ 
empfand er. „O wie heilig iff das Weib!“ 

Nach einer Weile hatte fie fich gefaßt. Sie 


— 112 — 


erzählte von ihrem Bater, der fie früh auf 
manche Studtenwanderungen in Wald und 
Moor mitgenommen, fie mit Tieren und Blu- 
men angefreundet habe, und taufchte dafür 
verwandte Erinnerungen ein von Dem großen 
elterlichen Gute, auf dem er feine Knaben- 
ferien verbracht hatte. Unter folchem Geplau- 
der fchritten fie aus dem Walde, thalab, in 
Die erite Straße der Vorftadt hinein. An der 
Ecke hielt abfahrtbereit ein Pferdebahnwagen. 
Srene reichte ihrem Geleitsherrn die Rechte: 
„sh darf Sie nicht weiter bemühen, Herr 
Brofeffor ,“ fagte fie, „vielen Dank für Ihre 
freundliche Begleitung!” Sie neigte lächelnd 
ihr Haupt und fprang leichtfüßig auf. Der 
Rutfcher flingelte, der Wagen fuhr ab, und 
der Profejjor blickte ihm mit einer ganz un: 
profefforifchen Mifchung von Berblüfftheit und 
Wobhlgefallen nad). 

Nach einiger Zeit fah er auf die Uhr und 
überlegte. Schaudernd wich er vor dem Ge- 
Danfen zurüc, jest fein „ödes Heim“ aufzu- 
juchen, womöglich auf dem Flur dem Zimmer: 
jtudenten von der Hintertreppe oder der fagen- 
haften Nichte zu begegnen. Flüchtig lodte es 
ihn, zurück in den Wald zu fteigen, dort ihre 
ganze Wanderung in umgefehrter Folge noch- 
mals zu Durdleben. Aber was war ihm ein 
Wald mit toten Singvögeln ohne Srene Scherer? 


— 113 — 


Und fo befann er fich [chließlich auf das Zigarren- 
etui in feiner Tafche und auf eine in afade- 
mifchen Kreifen von alters her mwohlberufene 
halb ländliche Weinfchenfe, ganz in der Nähe. 
In dtefer faben ihn glaubenswerte Männer 
bis tief in den Abend hinein einfam fißen, 
zechend, rauchend und erfichtlich über die tief- 
ften Fragen nachdenfend. 


VII. 


Allzu angeftrengtes Nachdenfen führt be- 
fanntlich nicht weit, felbjt wenn einer dazu 
zwei Flafchen Itheinwein trinft, eine qropere 
Portion ländlichen Sauerbraten mit Salat ver: 
fpeijt und einige Zigarren raucht. Als der 
Brofeffor Ludwig Strömer an diefem Abend 
zur Rube ging, war er zur Erkenntnis gelangt, 
daß er fich eritens in feiner Unterhaltung mit 
Fräulein Frene Scherer verschiedene Male fehr 
dumm angejtellt habe, zweitens noch immer 
nichts von ihrer Wohnung und ihrem fonjtigen 
Verfehr wiffe und drittens nie zuvor einem 
„\olchen Mädchen“ begegnet fei, — wobei er das 
liebe Wort Mädchen mit zahlreichen ſchmücken— 
ven Beiwörtern ausitattete. Das waren drei 
Shatfachen auf einmal, aber als Ergebnis 
eines fo langen Nachdenfens boten fie doch 
eigentlich wenig Neues. Immerhin verhalfen 

Mufenalmanach für 1900. 8 


— 114 — 


jie Dem Profeffor zu zahlreichen Traumbildern 
in der Nacht und zu einer wunderlichen, aus 
Wonne und Wehmut gemifdten Stimmung 
beim Erwachen. 

Uebrigens hatte er fih verjchlafen und 
brauchte alle Eile, um noch rechtzeitig mit 
feiner wohlgepadten Touriftentafche zum Zuge 
um elf Uhr dreizehn Minuten zu fommen. Er 
hatte fich feit Wochen und Monaten auf die 
heurige Pfingftwanderung durchs Mofel- und 
Eifelland rechtfchaffen gefreut. Nun fam’s ihm, 
ob e8 Doch nicht beffer fei, zu edleren Sweden 
daheim zu bleiben und zum Beifpiel gleich heut 
vormittag Durch gefchictt-unaquffallige Paraden 
vor den verjchiedenen Privatjchulen der Stadt 
fejtzujtellen, welche diefer Anftalten das unver: 
diente Glück habe, Fräulein Frene Scherer tåg- 
lich zu bejigen? Wher er widerftand der Ber- 
ſuchung. „So ein Sefundanereinfall,“ brummte 
er, — „und Dann haben fie ja dort jegt auch 
Ferien. — Wer weiß, am Ende begegnen wir 
uns auf dem Bahnhof oder auf der Reife!” 
Diefer neue Einfall liep ihm den ſchon halb 
bereuten Neifeplan fogleich wieder glänzend 
einleuchten. 

Beim Abjchiedsrundblic auf feine Möbel 
fiel ihm fein Verfprechen an Frau Wornuvedel 
ein. Lachend ftectte er den Schlüjfel auf das 
jtumme Klavier. Er fonnte fich nicht enthalten, 


— 115 — 


den Deckel zurüdzuflappen und einige Accorde 
zu greifen, febr laut und ziemlich falfch. Auf 
grau Wormivedel fchienen die Töne ähnlich 
wie auf Delphine zu wirken, — als der Pro- 
feffor hinaustrat, ftand fie an der Flurecfe und 
lächelte ihn verföhnt, fast Schalfhaft an. Munter 
verabjchiedete er fich von ihr, taufchte im Vor: 
beigehen mit der Gtiftsdame die fehöniten 
Wünfche für ein recht gefegnetes Pfingftfeft 
aus und eilte zur Bahn. 

Dort war großes Gedränge. Unzählige Be- 
mwohner der Mufenjtadt hatten denfelben fchlauen 
Einfall gehabt wie der Profeffor Strömer, 
ihren Pfingftausflug ſchon heute anzutreten, 
um dem morgigen „Trubel“ zu entgehen; in- 
folgedeffen fing der Trubel fchon heute an. 
Der Profeffor jeufzte erleichtert, als er fich end- 
lich auf dem legten freien Blak feines Coupés 
zurechtrückte. Da begrüßte ihn vom gegenüber: 
liegenden Plage mit erfreutem Lächeln ein be- 
fanntes Geficht. 

rene Scherer war e3 nicht, aber auch eine 
feiner Hörerinnen, und fogar die älteite, Fräu— 
lein Lili Bär, die er wie die ganze Stadt fehon 
feit Jahren fannte; denn als vielfeitig gebil- 
detes unabhängiges Fraulein von großem Wohl- 
jtand und Thatendrang war fie fozufagen Ko- 
miteedame von Beruf, eine unermüdliche Wer: 
berin für alle möglichen Vereine mit niedrigem 


— 116 «œ 


Jahresbeitrag und hohen Sweden. Leider 
paßte ihre Erjcheinung weniger zum Vornamen 
als zum Zunamen, eine ungejchlachte Geftalt 
mit einem nicht Dummen, aber plumpen und 
unfeinen Gejicht. Sie fprach febr raſch und 
laut, ja polterig, mit einer auffallend tiefen, 
rauhen Stimme, auch trug fie furze Haare und 
ausgefucht unzierliche, nur unter dem foge- 
nannten praftifchen Gefichtspunft zu würdigende 
Kleidung. Dies entfprach ihrer Auffajlung der 
„grauenbewegung“, aber den Reiz ihrer Ge- 
fellfchaft erhöhte es nicht. Von einer gewiffen 
(Sitelfeit war fie gleichwohl nicht frei; es that 
ihr fichtlich wohl, vor den Mitreifenden fich 
mit dem Profeffor unter häufiger Betonung 
feines Wintstitels recht gelehrt zu unterhalten 
und dabei auch ihre Verdtenjte nicht zu ver- 
geffen. „Sa, Sie haben es gut,” fagte fie „mich 
läßt die Arbeit im ganzen Jabr feine Woche 
lang frei. Bin jeht unterwegs nach Zürich 
zum erjten Sabresfongrep der ‚Internationalen 
Kulturliga‘. Soll da einen Vortrag in fran- 
zöfifcher Sprache halten, über die Frau der Bu- 
funft als Gattin, Mutter und Hausherrin. Hier 
das Manuffript.” Sie deutete auf ein dides 
Schreibheft, das übel zerfnittert und abgegriffen 
auf ihrem Shoke lag. Die Mlitreifenden, zu- 
meist ältere Herren, verbargen ihre Heiterkeit 
nur zur Mot. Ver Profeſſor ärgerte fih Herz- 


— 117 œ 


lich, er begniigte fich, hier und da fein Ya und 
Nein in den Sturzbach der Gefchwäßigfeit zu 
werfen. Aber diefe Gejchwäßigfeit felbjt brachte 
ihn auf einen glüdlichen Einfall. „Die fennt 
alles,” dachte er, „Die muß auch Irene fennen.” 
Und da Die anderen Neifenden auf der näch- 
ften Station bis auf einen ausjtiegen, fchob er 
beim erften Anlaß feine Frage ein: „Sagen 
Sie mal, wer ift denn eigentlich die eine Hö— 
rerin in meinem Kolleg, — wijfen Sie, eine 
junge Dame, blond, immer in hellen Farben 
gekleidet... .“ 

Fräulein Lili Bar fah ihn erjtaunt an. 
„Meinen doch nicht Fräulein Scherer?“ fragte fie. 

„Den Namen weiß ich ja eben nicht,“ 
fagte der Profeffor. „Sie fit gewöhnlich 
auf der Bankecfe, neben dem eriten Stiih- 
pfeiler .. .“ 

„Ra ja, ja, alfo Fräulein Scherer... Aber 
die fennen Sie doch, Herr Profeſſor?“ Lilt 
Bär fah ihn groß an und enthüllte freundlich 
grinfend ihre riefigen Schneidezähne. 

Der Profeffor errötete Heftig. „Das foll 
eine Anjpielung fein,” dachte er, „gewiß hat 
dieſes Untier uns geitern zufammen gejehen 
und denkt fich nun wer weiß was.” — „Wo— 
ber foll ich jie denn fennen?” fragte er mög- 
lichft harmlos. 

„Kennen fie wirklich nicht? wirklich Frau 


— 118 — 


lein Scherer nicht? Fräulein Irene Scherer!!?“ 
Qili Bär brach in ein follerndes Gelächter aus. 
„Aber befter Herr Profeffor, — wohnen ja feit 
drei Wochen bei ihr!“ 

Der Profefjor ftarrte fie verjtändnislos an. 
„er?“ jtotterte er, — „ich? bei Irene — bei 
Fräulein Srene Scherer?“ 

„Ra, ja ja, — oder bei ihrer Tante, Frau 
— Frau Bürgermeijter Worpswede — ganz 
recht Worpsmede, was? Wohnen da feit drei — 
drei Wochen und fennen die Nichte Ghrer 
Wirtin nicht? Märchenhaft, mein lieber Pro- 
feſſor.“ 

Ludwig Strömer nahm ſich mit rühmlicher 
Willenskraft zuſammen. „Ich habe leider nicht 
den Vorzug, mit der Familie meiner Wirtin 
näher bekannt zu ſein,“ ſagte er. „Wiſſen Sie 
es denn auch ſicher?“ 

Lili Bär kollerte noch herzlicher und wiſchte 
ſich mit dem Taſchentuch über die erhitzten 
Wangen. „Sind köſtlich, mein lieber Profeſſor. 
War ja erſt vorige Woche mit ihr zuſammen 
zum Kaffee bei ihrer Prinzipalin, meiner lieben 
Freundin Frau Direktor Hamſterhahn. Unter 
uns geſagt, — war da Zeuge, wie das junge 
Mädchen von verſchiedenen Damen ſehr um 
den Vorzug einer ſolchen Hausgenoſſenſchaft 
beneidet wurde. Sehr!! Hat ja wohl ſelbſt 
keinen Begriff für ſo was. Ganz oberflächliches 


— 119 — 


Ding, — nichtsfagend. Als Unterrichtsfraft 
vielleicht mitzuverwerten, — aber modernes 
geiltiges Streben? Sinn für wahre weibliche 
ydeale?! feine Spur. Kei—ne Spuur!! Paf- 
fabel hübſch, gebe ich zu, — fo was die Männer 
hübjch finden. Wiſſen Sie, mein lieber Herr 
Profeſſor ...“ Lili Bär hob mahnend ihren 
diden Zeigefinger auf — „mir Tönnte da bei- 
nah ein Gedanfe fommen...! Kennen fie 
wirflich nicht?“ 

Der Profeſſor runzelte die Stirn. „Aber, 
mein Fräulein,” fagte er, „ich muß in der That 
dringend bitten...” 

„Na ja,” plädderte Lili Bär weiter, „— re: 
voziere, Depreziere! Sie find ein gereifter Mann, 
bejter Brofeffor. Aber fonft — man weiß, wie 
leicht die Herren der Schöpfung zu unterjochen 
find... wenn ich mir Dächte, dap fo ein junger 
Herr da wohnte, wie fie in der Regel find... 
Daß Sie mit diefen Damen nicht näher ver: 
fehren, begreife ich ja am Ende...“ 

Den Profeffor überfam plößlich eine eifer: 
fichtige Neugier. „Wohnt denn eigentlich außer 
mir noch jemand bei Frau Wormwedel?“ fragte 
er vorfichtig heuchelnd. 

Qili Bär fab ihn verwundert an. „Ne,“ 
verfekte fie, — „wo follte Der denn auch wol: 
nen? Habe mich ja erft vor vierzehn Tagen 
perjönlich orientiert, alS wir bei den Damen 


— 120 — 


für den Beitritt zu unferem Reformflub agi- 
tierten, — natürlich) vergeblich. Rechts Ihre 
Wohnung, in der Mitte Wohnzimmer, Schlaf: 
zunmer, Küche und fo weiter von Frau Worms- 
peter, — hinten an der anderen Ccfe Arbeits- 
zimmer von Fräulein Scherer, — Korridor ex! 
— Möchte wijjen, was fo was zu Haufe groß 
arbeitet!” 

„Jawohl,“ fagte der Profeffor zeritreut, 
mit einem ganzen Wetterleuchten von Gefühlen 
in feinen Zügen. Lili Bär achtete nicht darauf. 
„sa,“ zählte fie weiter auf, „dann wohnt 
nod) auf dem anderen Flur diefe Stifts- 
Dame, — werden Sie erft recht nicht fennen. 
Gute PBerfon, aber rein antiquarifch, ohne 


jedes Snterejfe, — Schon mehr imbecille. 
Und fo was hielt man früher für weibliche 
Bildung!” 


„Jawohl,“ eriwiderte der Profeſſor wieder. 
Lili Bär verlangte nichts mehr, fie war jetzt 
in das Fahrwaſſer ihres Vortrags geraten und 
fehaufelte mit Vollfraft voraus. Nach einigen 
Minuten fuhr der Zug langjfamer. Der Pro- 
feffor erhob fich und griff ins Gepddne nad) 
feiner Tafche. 

„Nanu,“ rief Lili Bär, „ich dächte, Ste 
fahren bis Koblenz mit?” 

„Berzeihen Sie, mein Fraulein,” erwiderte 
der Profeſſor, aus dem Fenſter winkend, „ich 


— 121 — 


fehe da eben einen alten Freund, der jeßt Hier 
als guatemalifcher Oberft außer Dienft lebt 
und e3 mir nie verzeihen würde, wenn ich ihm 
vorüberführe. Da muß ich jchon einen Zug 
überschlagen und darauf verzichten, Sie nod) 
länger dem Studium Ihres Vortrags zu ent- 
ziehen.“ 


VIII. 


Ungefähr drei Stunden fpäter fritt der 
Profeffor Ludwig Strömer wieder die breite 
Treppe in dem alten Barodpalazzo hinauf. 
Ausgerechnet hundertunddreißig Minuten hatte 
er zur Strafe feiner Notlüge auf der kleinen 
Zwifchenjtation jtillfigen miijjen. Gr hatte 
während Diefer Beit feine Gelaſſenheit Hin- 
länglich wieder gefunden, um fogar ein ans 
gebliches Beefiteaf des Bahnhofswirtes ohne 
nachhaltigen Widerſpruch zur Hälfte aufzu— 
fnabbern und mit einer Flafche Mofelwein 
nachzufpülen. Wher die legte Treppenftrecte 
legte er doch fait im Sturmlauf zurücd, immer 
zwei Stufen auf einmal. 

Der große Vorplaß lag im freundlichiten 
Nachmittagsfonnenfchein. An den Myrten— 
bäumchen der Stiftsdame flimmerten zwiſchen 
den Knofpen und Blättchen einzelne halber: 
Ichlojjene weiße Blüten. Und durch die offenen 


a 122 o- 


Flurfenſter der Frau Bürgermeijter flang ges 
dämpft, Doch deutlich eine Liebliche Mufil. Das 
ftumme Klavier war lebendig geworden und 
ließ eben das Adagio aus einer Schubertfchen 
Klavierfonate hören, — nicht meijterlich, noch 
gar virtuos gefpielt, Doch mit feinftem Ge- 
fühl. 

Ludwig Strömer blieb aufatmend vor der 
geſchloſſenen Flurthür ftehen und laufchte eine 
Weile diefer Muſik, die in ihrer „himmlifchen 
Länge” fo wunderlid) zu dem fonnigen Still- 
leben Diefer hohen, luftigen, altfränfifchen 
Räume ftimmte. Faft zögernd rührte er die 
Klingel. Das Spiel brach ab, die Zimmerthür 
des Profeffors öffnete fih und gleich darauf 
die Flurthür. 

„Ach, da find Sie endlich,” fagte die Frau 
Bürgermeifterin, — „aber, mein Gott, find Sie 
das, Herr Profejjor? Gch dachte, e3 waren die 
Arbeiter, Die uns das Klavier herübertragen 
follen, — Ste waren ja fo freundlich zu er- 
lauben.... Aber find Sie denn noch nicht 
abgeretjt?“ 

„Im Gegenteil, — ich bin fchon wieder da,” 
jagte der Profeſſor, fehiittelte der Frau Bürger: 
meifteri Die Hand und fchritt an ihr vorüber, 
auf Srene zu. Sie ftand unter der Thür feines 
Zimmers wie in einem Rahmen, fehr verwirrt 
und errötend, doch mit einem leifen Iuftigen 


— 123 — 


Buden um die Lippen. Hinter ihr lächelte 
das Klavier mit feinen blanfen Taftenzähnen 
freundlich vor. 

„Berzeihen Sie vielmals, Herr Profeffor,” 
begann die Frau Biirgermeifterin wieder, — 
„die Leute laffen fo lange auf fih warten, 
fie follten fchon um zwei Uhr da fein, — da 
haben wir e8 fchon felber verfucht, aber es 
ging Doch nicht, und da fonnte meine Nichte 
nicht widerſtehen, — ach Gott, ich glaube, ich 
habe die Bekanntſchaft noch gar nicht ver- 
mittelt —“ 

Sie fapte vorftellend renes Linke. „Sch 
habe bereits den Borzug gehabt, verehrte 
Frau,” fagte der Profeffor, „wenn ich auch 
leider nicht wußte, wie nahe wir einander 
itanden.“ Irene lachte ein wenig und reichte 
ihm nidend ihre freie Hand. „Sch freue 
mid), dann auch zugleich den Herrn vom 
anderen Flurende endlich fennen zu lernen,” 
fügte er hinzu und fab ihr glücklich Lächelnd 
ins Geſicht. | 

„Abers woher willen Sie auf einmal —“ 
jtammelte fie verwundert. 

„sa, fiehft du, das Haft du nun davon,” 
bemerfte die Tante. „Site ift nämlich eigent— 
lich allein daran fchuld, Herr Profeffor. Erft, 
wie der Herr ‘Bedell hier angefragt hatte und 
ich ihr davon erzählte, da war fie gleich Feuer 


= GO" ee 


und Flamme, wie man fo fagt, und bat ordent- 
lich, ich folte Yhnen doch ihr Klavier geben, 
Ste fprächen fo wunderschön über Mufif und 
fonnten gewiß ganz anders fptelen, — ja, was 
willft du denn, Kind? es ift ja doch wahr, 
was ich fage, — und hernach, wie Gie ung, 
ich darf wohl fagen, darin etwas enttäufchten, 
da hatte jie auch wieder ihren eigenen Kopf 
und verbot mir’3 ordentlich, daß ich Ihnen 
Ihren Yrrtum megen odes Herrn vom ans 
deren Flurende benähme, — es wäre nod 
ein Glück, fagte fie, fo brauchte fie fih zu 
dem Merger wenigitens nicht aud) noch zu 
ſchämen —“ 

„Tante!“ ſagte Irene flehend. 

„ch was,” erwiderte Die Tante etwas un- 
wirfdh, „es gefchieht dir ganz recht, wenn Der 
Herr Profeffor die Gefchichte gleich ordentlich 
erfährt... Wie lang ift e3 Denn Her, — erft 
vorigen Montag, da fagteft du nod: ‚Sn acht 
Wochen ijt das Semejter herum, da fannft du 
ihm ja weismachen, Der Herr wäre ausgezogen 
und ich wohnte jet auf dem Zimmer, — und 
dann fehaff ich mir aber auch ein anderes Kla- 
vier an, dann fann der Herr Profeffor fein 
ſtummes Klavier beherbergen und über Mufit 
reden fo lang er will, mir fann e8 gleich 
peur. 

„Zante!” wiederholte Srene mit einem Blid, 


—> 125 — 


der ausreichte, einen Kannibalen zum Bege- 
tarier zu befehren. 

Der ‘PBrofeffor Ludwig Strömer fonnte fie 
nicht länger leiden fehen. Tröſtend ergriff er 
ihre Hand. „Beruhigen Sie fih, mein Fräu— 
lein,” fagte er. „Ihre verehrte Frau Tante 
fann ja nicht völlig überblicken, wie fehr wir 
unfere Handlungsweife in diefer vertrackten 
Geschichte nach unferem gejtrigen Meinungs: 
austaufch zu würdigen wiffen. Cie waren fehr 
gütig gegen mich; — Sie würden diefe Güte 
fronen, wenn Ste mir gejtatten wollten, daß 
ich das ftummme Klavier dem Herrn vom anz 
deren Flurende zurückgebe und dafür bisweilen 
zuhören darf, wenn er hrer verehrten Frau 
Tante darauf etwas vorfpielt.” 


IX. 


Am 4. Auguft, elf Tage vor dem amtlich 
vorgejchriebenen Semefterfchluß, ſchloß fich das 
Semefter wie üblich von felber in der eine 
fachjten Weife, — e3 fam fein Student mehr, 
um zu hören, und folglich auch fein Profeſſor 
mehr, um zu lefen. Dagegen fam der Pro- 
fefjor Ludwig Strömer an diefem Tage mit 
einer befonderen Bitte auf die Amtsſtube des 
Oberpedellen: „Hören Sie mal, Trautebier,” 
fagte er, „rauchen Sie nur ruhig weiter, — 
Sie müffen mir mal wieder cine Wohnung 


— 126 œ 


Ihaffen. So auf drei Monat etwa, und mög- 
lichft. nah bei meiner jebigen.” 

„Kanu,“ fagte der Oberpedell, „gefällt es 
Ihnen in dem Quartier auch jhon nicht mehr, 
Herr Profefjor 2” 

„sm Gegenteil,“ erwiderte der Profeffor 
lächelnd, „e8 gibt dort etwas, was mir zu gut 
gefällt. Die Nichte meiner Hauswirtin, Fräu— 
lein Grene Scherer, hatte gejtern Geburtstag, 
und da hab’ ich fie gebeten, ihr in Ermange- 
lung von etwas Schlechterem mich felber als 
Bräutigam anbieten zu dürfen. Sehen Gie, 
deshalb.“ 

„ha,“ fagte der Oberpedell. ,,Geftatten 
mir der Herr Profeſſor meinen innigjten Glüd- 
wunfh. Das wird ja wieder etwas für das 
Stiftsfräulein. Drum fab ich es vorige Woche 
mit Ihrem nunmehrigen Fräulein Braut jo 
zärtlich vor dem Blumentifch ftehen. — Das 
heißt, — verzeihen der Herr Profeffor, — für 
das Stiftsfräulein ift es natürlich doch nichts. 
Denn die ift ja wohl nur für arme Bräute.“ 

„Hm, wijfen Sie,” verfegte der Brofeffor 
Strömer mit großer Ueberzeugung, „wenn das 
Fräulein von Gudenau meiner Braut den 
Myrtenkranz ftiften will, fo habe ich gar nichts 
Dagegen, lieber Trautebier, und e3 ift auch in 
der Ordnung. Denn wenn ich fo bedenfe, wie 
wir Männer find und wie wenig wir mand)- 


— 127 — 


mal wiffen, was wir alles an unferer Liebjten 
haben, fo muß ich fagen: es gibt eigentlich 
nur arme Bräute.” 

Der Oberpedell that einen langen Zug aus 
der Pfeife und ftrich fich nachdenklich den 
Bart. „Xa, wenn Sie’3 fo meinen, Herr Pro- 
feffor,” fagte er, „das ftimmt. ch merfe e3 oft 
genug, feit meine im Himmel ijt, und Ihnen 
macht’s alle Ehre, daß Sie's jegt fchon merten, 
wo Sie Doch noch fo jung und man bloß erft 
Bräutigam find, — nichts für ungut, Herr 
Profeſſor. — Aber wiffen Sie, das hat unfer 
Herrgott nu mal fo eingerichtet, und es ift 
eine furiofe Sache, — wir Männer gehören 
doch auch dazu. Die Frauenzimmer find ja im 
ganzen wirklich beffer al3 unfereins, aber bei 
den meiften merft man’s doch erft, wenn eine 
einen lieb hat und er fie, egal wie lang fie 
der Herrgott beifammen läßt. Das ift beinah 
wie mit einem Klavier, — da ftedt ja auch 
die ſchönſte Muſik drin, ordentlich etn Dr- 
chejter von Tönen, womit fih eine ganze Ge- 
jellfehaft erbauen fann, — aber eS muß fie 
erjt einer herausholen, und bts dabhin ift es 
einjtweilen eine jchöne Bierde für den Salon, 
aber doch man bloß ein ftummes Klavier, was 
fich zulegt denn manchmal gänzlich verjtimmit 
und obftinat wird.” 

Der Profeffor machte große Augen. „Wie 


— 128 — 


in aller Welt fommen Gie gerade auf den 
Vergleich, Trautebier?“ 

„se, Herr Brofefjor,” antwortete der Bete- 
ran friedlich, „wie fommt der Menjch an feine 
Einfälle? Wenn man fo alt ijt wie ich und 
Thon an Die fechsundziwanzig Yahre zur Uni- 
verfität gehört, wundert man fich Darüber fchon 
längſt nicht mehr... .“ 





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Dichkungen in mekriſcher Form. 


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Muſenalmanach für 1900. 9 





I. Poetische Erzählungen, Balladen und 
Romanzen. 





Kans habenichts. 
I. 


Mein Bergfchloß droht ing Schwabenland, 
Der Blig traf feine Zinne, 
Und Krämerfpott hat nich benannt 
Hans Habenichts, Hans Fahrinsland, 
Den Ritter der traurigen Minne. 


och einmal, verleuchtender Sunitag, 
Gebiete jtillzujtehen 
Der Sonne, die jungen Herzensfchlag 
Süßheimlicher Liebe gefehen. 


Zwei Edelfinder in dürftigem Kleid, 
Dran zerrte des Sommerwinds Zofen, 
Sie trugen tieffeliges Herzeleid, 

Am Wegrand glänzten die Rofen. 


—o 132 — 


Fern über den Ejchen der Wind verjtob, 
Die Waldfee Magellone 
Aus flimmerndem Bachgeriejel hob 
Des Glückes Märchenfrone. 


Ein Kirhdorfglödlein facht entbot 
Den Heimruf allen Müden, 
Und über die Wälder zog düfterrot 
Gin fallender Stern nad) Süden. 


Ach, wer fo fterben, ja fterben fönnt’ 
Gh über die feligiten Wochen, 
Die Gott dem fchauernden Herzen vergönnt, 
Der Lindwurm des Lebeng gefrodjen! 


Mein Königskind bleib auf der Hut, 
Es fteigt mir ſchwül zu Sinne: 
Der Kaufherr freit gern Coelblut, 
Und id) bin der Ritter ohn Hab noch Gut, 
Der Ritter der traurigen Minne. 


II. 


Nun wag' ich ſelig ohne Maßen 
Ins weite Land den jungen Schritt, 
Das Leben lacht, Staub deckt die Straßen, 
Drei Weggenoffen wandern mit. 


Der eine zieht mir fchief die Tafche, 
Doch ift nicht immer Gold, was ſprüht; 
Mir ward der Freund an Herdesaſche 
Im kargen Vaterhaus geglüht. 


— 133 — 


Ihm wird bei Hoffeft und Turneien 
Ein Kränzlein zart faum je befchert; 
Den Unterdrüdern Feuer fpeien 
Und Armut Schügen foll mein Schwert. 


Wollt ich beim Habezählen weilen, 
Sch fände leicht das zweite Gut, 
Vieltaufend find, die froh es teilen, 
Dem Deutjchen Reiche Leib und Blut. 


Dod) fragt ihr, wo die legte bliebe, 
Die befte Habe von den dren? 
Ein ftarfer Fels ift meine Liebe, 
Und über ihr ſteht Gott allein. 


IM. 


Die Kaufitadt bläht fich blant und frech, 
Der Kramer Augenmweide, 
Sie handeln drinnen mit Thran und Pech, 
Mit Weizen und Gefchineide. 


Sie frachten auf den geduldigen Hals 
Und Waren aus weljchen Bolte, 
Indeſſen vom Neckar bis zur Pfalz 
Brach liegt die deutsche Scholle. 


Sie pfänden der Witwe lebte Kuh 
Und lajjen vom Fifch die Graten, 
Sie wuchern und borgen aus voller Truh 
Den kaiſerlich römischen Räten. 


— 134 — 


Sie fammeln das Geld aus Sud, aus Nord 
Sn Diebesjichre Kemmnaten, 
Sie preifen Krieg und Völkermord 
ALS göttliches Necht der Staaten. 


Ein edles Zornwort deutfchen Stamms, 
Man prüft es mit peinlicher Schere, 
Schon gilt ein buntes Höflingswams 
Viel höher denn Mannesehre. 


Sie fchlugen das Volkslied tot und ftill, 
Es ift verſtummt, verjtoßen, 
Und wehe der Kunst, die nicht zerren will 
Am Wagenfeil der Großen. 


Sie fällen den Forſt, fie ſtückeln das Land, 
Sie machen den Bauern zum Kinechte, 
Schon freit ein Vater aus Freiherrnitand 
Die Tochter dem Geldjacdgeichlechte. 


t 
Sie haben auf Gold und irdifh Teil 
Ein adelig Wappen gewogen, 
Sie haben um fein ewiges Heil 
Ein junges Herz betrogen — 


Ter rote Mittwoch kommt und tagt, 
Da fallen euch ab die Seiden, 
Tap thr in Aſche ſitzt und Flagt. 
Ich will euch die Krallen ſchneiden. 


— 135 — 


IV. 


Nun geh’ ich den lieben Pfad allein, 
Den wir einft träumend gefchritten; 
Sold) Gliic und fo viel Sonnenfchein, 
Die Welt hat’s nicht gelitten. 


Mir brauft ein altes Lied im Ohr, 
Ein Klang aus Lebensiwinden, 
Wer fann ein Glück, das fich verlor, 
Einst wiederfinden? 


Gibt es denn Frauen auf Erdenplan, 
Und fein fie noch fo bolde, 
Die nicht ein Ninglein im Herzen han 
Bon früh gerfprungenem Golde? 


Ach flochte der Liebe Totenjtrauß 
An eine Wtartenfapelle, 
Sch möchte mein Herzblut weinen aus 
Vor jeder Armutsjchwelle, 


Gern wollt’ ich, ein Ritter von Gralsgeitalt, 
Die Heiden ins Weltmeer jtoßen, 
Gern grollt’ ich, ein Spielmann von Gottes Gewalt, 
Aus fattem Schlaf die Großen. 


Und wär’ ich ein König, ja größer noch, 
Und wüchjen mir Adlerfchiwingen, 
Sch würde mit jterbendem Munde dod) 
Dies Frageliedlein fingen: 


— 136 — 


Was miffen Frauen auf Erdenplan, 
Und feien fie noch fo Holde, 
Ym Herzen ein heimlich Ringlein han, 
Ein Ringlein von faljchem Golde? 


V. 


Sie feiern heute Johannisſfeſt 
Bei Schmaus und Gaftereten, 
Es liegt geſchmückt das Kramerneft 
Bis an die Hörner mit Maien. 


Sie fürten mein Lieb zur Königin, 
Sie wollten die Schönjte haben, 
Die Sonnwendfeuer fladern weithin 
Bon allen Bergen in Schwaben. 


Heut wird durd) Trug und Schelmerein 
Mein Lieb unehrlich beraten. 
Der Münfterbrunnen gurgelt Wein, 
Am Marftplak ſchmort der Braten. 


Heut gibt’3 der guten Biffen viel, 
Der Rat zeigt Geberlaune, 
Schon lumpt am morfdhen Krüdenitiel 
Das Bettelweib vom Zaune. 


Schon will ein Bruder Weißnichtwer 
Das befte Stück erpaden, 
Schon fchmettert ihm ein andrer quer 
Zu Kopf des Vierfrugs Zaden. 


— 137 — 


Raſch drängt die Raufenden abfeit 
Ein Trop von Stecenfnechten, 
Verächtlich ſchaun zum Pobelftreit 
Die Ratsherrn und Gerechten. 


Schon läßt fich wild und fonder Not 
Manh Mägdlein derb umfaffen, 
Der Martinsdom ragt qualmumloht 
Buntdüfter aus den Gajfen. 


Und in der Flammen Wirbelfreis 
Bei Sprung und Fadelfchnellen 
Feinsliebchen flog vom Tanze heiß, 
Im Arm der Ratsgefellen. 


Sie hob den Zunftpofal zum Mund, 

Fahr wohl, mein Vielgetreuer — 

Ich aber jchlich, ein verjagter Hund, 

Zurüd ins Burggemäuer. 

* * 
* 

Schieffal, daran mein Glück verbrauft, 
Leg mir ein Schwert in die Bettlerfauit. 


Gib mir, ftatt Weib und Kind, zum Lehn 
Alle, die herdlos und einfam ftehn. 


Wirf mir das hungernde Herz in den Sand, 
Nette mein jtürzendes Vaterland, 


— 138 — 


Rette vom Krämer, der höhnend lacht: 
Gold lenkt die Welt, mein ift die Macht. 


Heilige Jungfrau, durch Schmach und Spott, 
Hilf uns zur Rache, hilf mir zu Gott. 


VI. 


Es ſchwillt der Strom, es brauft der Tann, 
Singſchwäne füdwärt3 wandern, 
Nun zieh, mein blondes Lieb, hindann 
Am Herzen eines andern. 


Der Hochzeitszug fährt hell ing Land, 
Groß Glück ift Dort gediehen, 
Sch aber brach im Sonnenbrand 
Kein Sträußlein NRosmarien. 


Biel Ehren ftehn in Welfchland feil, 
Ein Krieg ijt hoch erglommen; 
Sch aber hab’ mein Beuteteil, 
Den Tod, daheim befommen. 


Biel Pfade gehn zu Herd und Haus, 
Bon ftillem Glück unnvunden, 
Nur einer führt zur Welt hinaus, 
Den hab’ ich früh gefunden. 


$3 ftehn viel Mädchen braun und blond, 
Wie Blumenfaat un Regen, 
Ich Habe von einer nicht laffen gefonnt, 
Bei der fein Glück noch Segen. 


— 139 — 


Ich wollte, bald Fame Schlafenszeit 
Und über mir unernteffen 
Möcht' raufchen die tiefe Waldeinſamkeit 
Und ich wär’ verjtoben, vergejjen. 


VII. 


Wir fehliefen gern nach fchweren Mühn, 
Nach jah verfuntnem Liebestag, 
Doch ijt der Lenz zu heiß, zu grün, 
Zu Hell der Droſſel Subelfchlag. 


Ein Frauenfup treibt tiefe Spur, 
Ein Lachen, das im Lenz verfcholl, 
Streut auf des Lebens Edelflur 
Den fitpen Nachhall ſchwermutvoll. 


Ein Herz, dem roter Frauenmund 
Den erjten Traum himveggerafft, 
Geht rajtlos bis zur Sterbeftund 
Auf Wanderfchaft, ja Wanderfchaft. 


Es fchwellen im Entdederzorn 
Vie Ströme Hin und raften nie, 
(ss braujt Durch Rolands Silberhorn 
Manch unerivectte Melodie. 


Auf Thule ragt gedankenſchwer 
Manch Becher, drin Vergeffen rollt, 
Doch trinkt fein Herz ihn fröhlich leer, 
Tas um verlorne Liebe grollt. 


— 140 — 


Es wandert feinem Lenze nad) 
Ein Herz, dem Liebesleid gefchehn, 
So weit der Tauwind Schollen brach, 
So weit in Deutfchland Veilchen ftehn. 


Und ob eS ftillen Weg gethan, 
Ob e ein Königreich errang, 
Stets liegt auf feiner Lebensbahn 
Ein großer Sonnenuntergang. 


VIII. 


Sn Deutfchland fteht ein Lindenbaum, 
Darunter find viele gefeffen, 
Die haben den großen Herzenstraum 
Von Lenz und Liebe vergejjen. 


Sie konnten es tragen mit ftillem Sinn 
Und fangen facht an der Krüde 
Am Feierabend vor fih Hin, 
Das Lied vom verlorenen Glücke. 


Vielleicht hat Gott ihr Lieb gemaht, 
Gleich Blumen im Lebensiwinde, 
Dann träumt fich’ gut des Abends fpat 
Sm Schatten der Kirchhofslinde — 


Doch Schmerzen gibt’3 von hellem Klang 
Und Pfeile von Galkengefieder, 
Der Schlag, der mich zum Sprühen zwang, 
Sch gebe der Welt ihn wieder. 


— 141 œ 


Mir nahmen die Reichen das legte Gedeihn, 
Das einzige Schäflein vom Vache, 
Nun leg’ ich das gleipende Schlachtfchwert ein 
Für der Enterbten Sache. 


Bald reit ich, ein Rächer, ins Land hinaus, 
Bor Heeresfäulen jagend, 
Geftorbener Liebe ſchwarzen Strauß 
Am raubenden Schilde tragend. 


IX. 


Wir trieben jüngit, [hnel rinnt ein Jahr, 
Zur Faftnadht Spiel und Poffen, 
Es trugen die Mädchen im lofen Haar 
Schneeglöcdchen früh entjprofjen. 


So tief die Becher, fo froh der Tanz, 
Der Sugendhimmel offen, 
Da hat mich bei fröhlichem Mummenjchanz 
Des Argwohns Pfeil getroffen. 


Gr nahm mir gut und wohlgewiß 
Die Neigenluft für immer; 
Jetzt Hebt den Pferden der Schaum am Gebiß, 
Heiß fticht der Wüſte Schimmer. 


Wir feiern blutige Fajinadht heut, 
Wir mußten die Türken fchlagen, 
Und Märzenbier, vielliebe Leut’, 
Gibt's nur vom Hörenjagen. 


—> 142 — 


Wir reiten in Staub und Eifenglanz 
Sahin gleich tief Bermummten, 
Auch it der Faftnachtsfinn nicht ganz 
(Srjtorben den Durjtverjtunmten. 


Mein Schlachtpferd fchaute tücifch drein, 
Ihm taten im Panzergeflechte 
Viel Pfeile mit beißenden Züngelein. 
Seht an das große Stachelfchwein, 
Sp riefen vergnügt die Knedhte. 


X. 


D Sonne, die heut in Deutjchland fhien, 
Du wandernde, wiffende, fage, 
Ob meines Liebdhens Glück gediehn 
Seit unfrem Scheidetage? 


Du fchweigit. Gin leifer Winterhauch 
Deckt tief Das gute Schwaben, 
Dort liegen im friedlichen Giebelrauch 
So jill die Herzen begraben. 


Die Matsherrn prunfen bet Schlittengeläut’ 
In weichen Ottermüßen, 
Die Stadt wär’ leicht zu nehmen heut, 
Sefroren find Strom und Pfützen. 


O Sonne, daß deine große Bahn 
Nur einmal gerajtet hatte 
Und jtilles Segenswerk gethan 
An meiner Yebensjtätte! 


— 143 — 


Du fabheft ein fehlichtes Freiherrnhaus 
In magerem Fohrenbeftande, 
Doch blikte Hell aus den Scheiben heraus 
(Sin großes Glück in die Lande. 


Ein treues Weib — ob jehlimm die Zeit, 
Wir wollten das Leben Schon zwingen; 
Im Schranfe das Brot, im Ofen das Scheit, 
Wir teilten gern den Geringen. 


Ein fehirmendes Dach, ein Krug voll Met, 
Ein Feuer in gajtlicher Halle, 
Die Arbeit Heilig und ſtark das Gebet. 
Herr Gott, wir loben dich alle. 


Sch fab das Schloß im Traume nur, 
Die Frau gehört einem andern, 
Du Selber mußt auf heiliger Spur 
Sur großen Fremde wandern. 


Und wo die Bahn du jcheidend fentit, 
Berflammend am füdlichen Meere, 
Reit' ich auf lauerndem Edelhengit 
Getroſt Durch Fetndes/peere. 


XI. 


Mein Kaifer, nun hab’ ich manche Nacht 
Gelegen vor deinen Gezelten, 
Hab Mannen und Roffe dir zugebracht, 
Du Fannjt es reich vergelten. 


— 144 — 


Mein Kaifer, fchlag mich zum Ritter bald 
Und laß mich heimwärts reiten, 
Mir raunt der deutfche, raufchende Wald 
Ein Lied aus verfunfenen Zeiten. 


Sch zöge noch einmal zum Sonnwendfeit 
Gefolgt von Vielgetreuen, 
Die jubelnde Bruſt in Stahl gepreßt, 
Den Schild voll roter Leuen — 


Mein Kaifer, fchlag mir die Sporen an, 
Die goldnen Ritterfporen, 
Dann reit’ ich zurück in den ſchwäbiſchen Tann, 
Und die Neichsjtadt wär’ verloren. 


XII. 


Nicht einfam ift mein Schmerz gereift, 
Ein Sturm, hereingebrochen, 
Bries flammend an den Bölfergeijt 
Zu roten Pfingitfeitiwochen. 


Mein Leid trägt jeder treue Mann. 
Der Dörfler ward leibeigen, 
Doch in den Städten toft hHimmelan 
Der fiebernde LebenSretgen. 


Gleich Riefenfpinnen, denen fchwoll 
Der Leib vom Wderfaugen, 
So hängen die Städte fatt und voll 
sus Land mit lähmenden Augen. 


— 145 — 


Den Krämern ftieg das Geld zu Kamm, 
Dem Giertrunf folgt Gereuen; 
Schort ihr zu tief das deutfche Lamm, 
Wird’s über Nacht zum Leuen. 


Johannisnacht! Da treibt durchs Land 
Das wilde Heer fein Wefen, 
Da reiten durch Sturm und Dacherbrand 
Die Heren auf feurigem Vefen. 


Sohannisnaht! An Furt und Steg 
Auflodern fühnende Flammen, 
Und Wiedertäufer beginnen den Weg. 
Der Golodthron ftürzt zufammen. 


Dann über die Wahljtatt mög reiten, gefaßt, 
Ein Kaifer, den ftill wir loben, 
Kein Kriegsherr, von rotem Standartendamaft 
Und Eigenruhm umftoben; 


Ein Codelfaifer, fonnengroß 
Wn Demut und Erbarmen, 
Der mit Sankt Martins Manteljchoß 
Bededte die Not der Armen. 


Der fegne den friedlichen Meilerbrand, 
Das Kornfeld, die wogenden Eichen, 
Der ſchreibe weit über fein herrliches Land 
Aufjubelnd des Kreuzes Zeichen — 


Mufenalmanad) für 1900. 10 


— 146 — 


Dann ift erfüllt der große Traum, 
Komm, heilige Gonnenwende; 
Sch hänge mein Schwert an den Ejchenbaum, 
Mein Lied’ nähm fröhliches Ende. 


XIII. 


Die Sonne jinft. Dumpf fällt von allen Türmen 
Der Abendmette feierlicher Schlag, 

Und drunten toft verbubltes Fejtgelag. 

Wir wollen jtürmen. 


Es zecht der Rat. Die Jungfernkränzlein flattern 
Lapt feck manch Bürgerfind. 

Der Lebensraufch macht blind, 

Sie fehen nicht, wie nah den Gattern 

Der Tod Verderben fpinnt. 

Der Bein ift füh und ſchwarz die Nacht. Wallauf 
Wälzt Schrecknis fih, das Süderthor fracht auf; 
Fahr hin bei Weib und Bechern, 

Schon jchrillt das Sünderglöclein blechern. 
Rennt an, rennt an, Sturmlauf zu Hauf, 
Hie Krämer, hie Nittersmann, 

Wir heben zu tanzen an. 

Shr Reiter greift die Trenfe, 

Der rote Godel kräht, 

Shr Schnitter fchleift die Senfe, 

Biel Weizen wird gemäht. 

Die TIhoriwacht liegt erjtochen, 

Die Mauern find gebrochen, 


— 147 — 


Heut wird manh Mutterfohn 

Auf grünem Feld begraben, 

Sie wollten’s nicht beffer haben, 

Gebt feinen Pardon. 

Den Krämern lohnt, der Frauen font, 
Die Gaffe ftarrt, glutbebend; 

Das Rathaus lobt, fchlagt tot, fehlagt tot, 
Den Ratsherrn bringt mir lebend. 
Durd) Rauh und Qualm, 

Stadt, die du jtolz vor allen, 

Sprich deinen Sterbepfalm. 

Sankt Hans, Sanft Hans! 

Im Schwerterglanz 

Lobe dich, Gott, meine Seele ganz, 

Die Kaufjtadt ift gefallen. 


XIV. 


Durd) Würgewerf und Gafjenbrand 
Zieht zum Rathaus Hans Fahrinsland, 
Das breite Schlachtfchiwert in der Fauft, 
Bleich, Daß es den Gefährten grauft. 
Tort nien, das Feftgewand am Leib, 
Der Ratsherr und fein weinend Weib. 
Bei Frachender Balfen Licht 
Der Macher fpricht: 


Ich Hab’ das Meine nicht gefucht, 
Ich fam, vom Zwang des Böſen, 


— 148 o 


Von Goldesmacht, der Gott geflucht, 
Die Niedrigen zu löfen. 


Die Kaufftadt ftürzt und jagt ins Land 
Hellfnijternde Flammenfchwaden, 
‘ch aber reiße did) aus dem Brand 
Um deiner Fraue Gnaden. 


Wenn einen Schelm am Blutgerüjt 
Bor allem Bolt zum Munde 
Gin adlig Mägpdelein gefüßt, 
Man gab ihn frei zur Stunde. 


G3 hieß der Brauch: Das legte Recht. 
Rein Fürſt hat ihn getadelt — 
So juble denn, fchwertentronnener Knecht, 
Dein Weib hat dich geadelt. 


Wohl hat ihr erfter Herzensjchlag 
Gegolten mir hienieden, 
Doch Liebe, die nicht fterben mag, 
Rehrt der Vergeltung großen Tag 
Für Dich und fie zum Frieden. 


Zieht hin im Strahl des ew’gen Lichts, 
Teilt Herz und Gut den Armen, 
Und kommt der Tag des legten Gerichts, 
Dann betet für Hans Habenichts, 
Des Gott fich mög’ erbarmen. 


— 149 — 


XV. 
Der Tag erwacht in jtarfem Schein, 
Das Schwert fprach zur Genüge, 
Tief Durch die Fluren treibt der Rhein 
Die fchwellenden Atemzüge. 


Der frohe Werktag brauft und lärmt, 
Der Pflug zieht glänzend, eilig, 
Und Ddeutfches Seqensqut erwärmt 
Den Herd, dem Arbeit heilig. 


Ein Lichtblick küßt nach fchiverer Nacht 
Das Land, das thränendurchfonnte; 
Mein Leben gleich Jchwüler Gewitterpracht 
Vergeht am Horizonte. 


Ich ftreife das ſchwarze Lorbeerlaub 
Vom Helm nach gewonnenem Kriege 
Und prejje mein jubelndes Herz in den Staub 
Bald tagen ewige Siege. 


Sch felbjt war eine furze Kraft 
Aus Gottes Hand gefallen, 
Sch habe von Gold und Krämerfchaft 
Geſäubert die Tempelhallen, 


Ich habe Hoffart und Verrat 
Gejtraft mit Feuerruten; 
Nun hilf mir, Herr, zur legten That, 
Lap mich als Büker, als Soldat, 
Fürs Deutjche Reich verbluten. 


* * 
* 


— 150 — 


Sungfrau Maria, mein müdes Herz 
Subelt nach dir im Panzererz. 


Lap mein Glüd, das ich verlor, 
Wuferftehn im Rofenflor, 


Lebensfcherben heilft du ganz, 
Fügſt darüber Liebesglanz. 


Kurz war mein Weg; nach Gottes Rat 
Eine raſche Schnitterthat. 


Ueber die ſchwäbiſchen Hügel fern 
Zieht ein müder fallender Stern; 


Nimm ihn facht in deine Hand, 
Führe zur Heimat Hans Fabhrinsland. 
Prinz Emil v. Sdhonatdh-Carolath. 


— 151 «e 


Der Gast der Einsamkeit. 
Ein Cyflus. 


1. Auf Wanderung. 


Gewandert war ich fehon tagelang 
Durd) mance Felfengaffe; 

Da fam ich bei Sonnenuntergang 
Zu einem luftigen Paffe. 


Da ftand noch ein Haus, ein diifterer Bau, 
Umitarrt von Felfenfpalten; 

Turmgleich und moofig und altersgrau, 
Wie ein Heim verwunfchner Gejtalten. 


Weit fah ich von da hinaus ins Land, 

Sn Berge wie wogende Meere; 

Die Wirtin nahm mir den Stab aus der Hand, 
Und frug nicht, wer ich wäre, 


Sm legten Whendfonnenglaft 
War Tag und Licht vergangen; 
So hat mich wandermüden Gajt 
Die Wildnis dort empfangen. 


2. Die Wirtin. 
Das Antlig voller Falten 
Sab ich an ihren Herd 


Die alte Wirtin ſchalten 
Still und in fih gekehrt. 


— 152 — 


„Bon Gäjten habt Jhr feine?” 
Frug ich die Greifin dann. 
„Sm Oberſtock wohnt eine, 
Die ſchaut Euch einmal an! 


„Lieblich und doch voll Graufen 
Iſt fie, ein feltfam Ding; 

Ich laff’ fie bet mir haufen, 
Schon feit der Herbit verging. 


„Habt Shr noch. nie vernommen, 
Daß manchmal aus andrer Welt 
Seltfame Gafte fommen? 
Schaut, ob fie Euch gefällt! 


„Scheint fie auch faft verfchroben, 
Und weltfremd, Herr — ich mein’, 
Es könnte das Fräulein droben 
Frau Perchta felber fein!” 


„Und gebt Jhr” — frug ich wieder — 
„Auch einen Führer her? 

Die Steige auf und nieder 

Sind für den Fremden ſchwer!“ 


„Die droben wird fich freuen” — 
Sprach fie — „Euch Führer zu fein! 
(3 foll Euch nicht gereuen! 

Nun geht — und fehlaft nur ein!“ 


@ 


— 153 —- 


3. Die Führerin. 


Die Nacht ift Dunkel; es fchläft die Welt; 
Da hor’ ich durch Feljenklaufen, | 
Dap Wald und Wildnis heult und gellt, 
Den Bergfturm niederbraufen. 


Um Mitternacht bei Bollmondichein 
Verftumimen die Sturmestöne; 

Die Thür geht auf: da tritt’s herein 
In zauberifcher Schöne. 


Ein Licht in feiner weißen Hand 
Kommt durch die Stube mitten, 
Den Geifterblic auf mich gewandt, 
Gin feltfam Weib gefchritten. 


Sie fprach: „Du bift in meinen Bann 
Aus freiem Willen gegangen; 

Nun follft du nimmer, du fremder Mann, 
Aus diefem Banne gelangen! 


„Sch weibe den Mann, der mich verfteht, 
Und der fich mir ergeben! 

Wenn alles um ihn in Trümmer gebt: 
Sch geb’ thm inneres Leben!” 


4, Einſame Hänge. 


Beim Hahnenſchrei, da nahin fie mich mit, 
Und ging mir voran mit leichtem Schritt; 


— 154 — 


Die Dammrung umjchleierte Berg und Thal; 
Sm Often erglomm der Morgen fahl. 


„Pfadfinderin will ich dir heute fein 

Vom Frührot bis in die Nacht hinein” — 
So fprach fie lächelnd. — „Wenn du mir trauft, 
Set ficher, dap Du Verborgenes fchauft! 


„Es zittert dur Wald und Schlucht und Geitein 
Uraltes Erlebnis aus und ein; 

Wir wollen all’ diefen luftigen Seelen 

Ein Stückchen ihrer Erinnerung jtehlen! 


„Wir wollen die Dämmrungsgefchichten verftehn, 
Die flüchtig um unjere Wege wehn; 

Aus Schutt und Rafen wollen wir Leben 

Und Tod an das Licht des Tages heben! 


„Bald ift fein Stein mehr im Runde der Welt, 
Der nicht verborgene Schrift enthält; 

Und feine, auch nicht die entlegenjte Stätte, 
Die nicht ihr geheimes Schickfal hätte. 


„Dur Trümmer fehen wir Schattengedanfen, 
Gejtorbnes und ewig Erneuertes ſchwanken; 
Unendliches Schieffal an Luft und Leid 
Erfüllt uns den raufchenden Strom der Zeit!“ 


5. Am Kreuzweg. 


Am Kreuzweg war's, da blieb fie lachelnd ftehn 
Und fagte: „Freund, wohin foll es nun gehn?“ 


— 155 o- 


Sch fab fie an und wußt' es nicht zu fagen. 
„So wollen wir den Unfichtbaren fragen!“ 


„Den Unfichtbaren?” — „Spürſt du ihn noch nicht? 
Und hörſt nicht, was er leife raunend Spricht? 


„An jedem Kreuzweg lauert er und paßt, 
Bis er den ahnungslofen Wandrer fapt. 


„Wenn's ibm gelingt, dann lockt er ihn gerad 
Vom rechten feitwärts auf den falfchen Pfad. 


„Und wenn der Weg im Wald zu Ende gebt, 
Und einfam, ratlos der Verirrte jteht, 


„Dann raunt der Sput ihm fchadenfroh ins Ohr: 
Nun fiehe, wie du heimkommſt, armer Thor!” 


6. Der aelpallene Stein. 


Zweitaufend Schritte vom Forſthaus liegt, 
Wo der Wildbach jah um den Berghang biegt, 
Ein Felsblod, gefpalten und bäufergroß, 
Bon Ranken umwuchert und von Moos. 


„Bon Aveläuten bis Hahnenfchrei 

Seht niemand mehr an dem Stein vorbei; 
Sie fagen, daß unter den Stein gejchmiegt 
Unjagbares Graufen verborgen liegt. 


— 156 — 


„Und hältſt du an des Steines Spalt 

Dein Ohr, dann überläuft’s dich talt; 
Dann meinjt du, aus unterirdifchen Meeren 
Einen fchneidenden TodeSruf zu hören.” 


Sp ſprach fie zu mir. Da mußt’ ich fragen: 
„Was hat an dem Steine fich zugetragen ?” 
Dann fagte fie dumpf: „Drei Söhne haben 
Hier einft ihren Vater lebendig begraben!” 


7. Der klingende STeig. 


Die Heerjtraße Freuzt ein uralter Steig, 

Der ijt überwuchert von Moos und Gezweig; 
Wo er den Abgrund zur Seite läßt, 

Stüßt ihn ein Mauerwerk felfenfeft. 


Aus Steinen, gewaltig und unbehau’n, 

Ließ ihn einjt Dietrich von Bern erbau’n; 
Und über den Pfad und den Berghang jtieg 
Das Heer der Djtgoten von Sieg zu Sieg. 


Und wo fich der Steig um das Felsjoch ſchwingt, 
Liegt in ihm ein breiter Stein, der erklingt 
Noch heute unter des Wandrers Schritt, 

Wie Erzgetön, weil ein Fup ihn betritt. 


Dort ftampfte im Zorn des Königs Fuß 

Auf den Steig; das Klingt nun als Geiftergrup 
Aus dem Steine feit uralten Tagen zurüd 
Und jagt von verfunfenem Königsglüd! 


— 157 — 


8. Hm Gibenbaunt. 


Bei einem Gletfcherblod am Hiigelfaum 
Wächſt ganz zerzauft ein alter Cibenbaum. 


Sbn hat vor Jahren fchon der Blig zerfpellt; 
Und dennoch grünt er heut noch in die Welt. 


Denn Eibenholz ift ftarf und zauberhaft, 
Saugt aus dem Fels jtet3 neue Felfentraft. 


An diefent Baume ftanden wir zu zwei'n; 
Ein Wiefel fprang ins Wurzeliwerf hinein. 


Dann fam es wieder vorgefchlüpft; ihm hing 
Am Hals von grünem Erz ein fehmaler Ring, 


Mit diefem froh es meiner Führerin 
Furchtſam auffchauend vor die Füße hin. 


Die bückte fich und nahm den feltnen Schmud 
Und bog ihn an die Hand mit leichtem Drud. 


Dann lachte fie: „Für Schmud hab’ ich fein Geld; 
Mein Kleinodfchrein, das ift Die Unterwelt! 


„Ich halte hier und dort noch was verjtectt, 
Das gütig mir der Zufall dann entdedt. 


„Und dies — vor fünfzehnhundert Jahren gab 
Ich's einem lieben Freund ins Heidengrab!“ 


— 158 — 


9. Das Elfenbad. 


Von marmorner Felfeuwand rings umbegt 
Liegt mit azurnem Glanze 

Ein See, der feine Welle fchlagt, 

Hod) droben im Bergeskranze. 


Die Alpenrofen, fie nien hinein; 
Gefeit ift diefe Stelle; 

Die elfen triefen von Sonnenschein, 
Und es raufchen die Wafferfalle. 


Da warf meine Führerin ihr Gewand 
Vom Leibe, dem Eöniglich feinen, 

Und fchlangengleich glitt fie vom Uferrand 
Swifden den moofigen Steinen. 


Und fie fuhr hinab, zwischen elfen tief; 
sch konnte fie nimmer fchauen; 

Doch war mir, als ob fie von drunten rief, 
Aus dem Fühlen, dämmernden Grauen. 


Und fchneemweiß, ſchimmernd tauchte fie dann 
Aus der grünen Tiefe wieder; 

Bon ihren goldenen Haaren rann 

Es flutend ins Moos Hernieder. 


Wie fehin fie war, wie fein und rein! 
Von lichtem Glanz umflojjen 

Hat fie mir ihren Sonnenschein 

Für immer ins Herz gegoffen! 


— 159 — 


10. An der Zwergenhöhle. 


Steinfarbig, ernfthaft wie der graue Berg, 
An feiner Höhle fag Rotbrand, der Zwerg. 


Mit meiner fchönen ſchlanken Führerin 
Trat ich verwundert vor den Alten hin. 


Der fnurrte in den weißen Bart und fab 
Empor und fragte fie: „Wen bringjt du da?” 


„Mein jüngfter Shag!” — Ein greulich Lachen ſchien 
Dem Erdzwerg übers Angeficht zu ziehn. 

Er wiegte feinen Kopf und dachte nach; 

Dann droht’ er mit dem Finger uns und fprad): 


„Das alte Lied! Sch hört’ es taufendmal! 
Heut tändelt ihr zu zweit im Sonnenftrahl. 


„Und morgen freit fein Herz nach feiner Welt, 
Die ihn an Feſſeln unentrinnbar hält! 


„Seht auseinander, ihr! Denn euer Bund, 
Dünkt er auch felig euch, ift ungefund!“ 


Sc wandte mich in Trauer und Berdruß; 
Da fühlt’ ich auf der Wange ihren Kup. 

Und ihre Silberjtimme fprach: „Getroſt, 
Mein Freund! Wer einen Tag mit mir gefojt, 


„Wie heute du gethan, vergibt mein Glück 
Nicht mehr und findet jtets zu mir zurück!“ 


— 160 — 


11. Die fille Alm. 


Wo droben der Weg um den Steilhang biegt, 
Hart unter der höchiten Schneide, 

Zwifchen zwei Felfenfdpfen, liegt 

Ein Hüttlein auf grüner Weide. 


Ganz eingedrüdt ward ihm das Dah 
Vom Schnee in Winterwochen; 

Die Mauern zerbrödeln nah und nad; 
Die Thür ift zufammengebrochen. 


Seit lang will feine Sennin mehr 

Dort haufen; denn alle fagen, 

Man träume dort oben fo traurig und ſchwer; 
Und höre Raunen und Klagen. 


Nun heißt man’s dort: die ftille Alm. 
Berlajjen bleibt fie für immer; 
Die Falter nur, von Halm zu Halm, 
Umfliegen die grauen Trümmer. 


12, Cofengraben. 


Zwijchen zerbrödelnden Schiefermauern 
Dehnt fich ein Oder Graben entlang; 
Graue veriwitterte Stämme trauern 
Laublos noch am jteinigen Hang. 


„Siehſt du — hier nennt man’3 im Totengraben !“ 
Sprach meine Führerin. „Er ift verfludht! 


> 161 — 


Langit verfunfne Gefchlechter haben 
Hier einft im Bauch des Gebirges gefucht! 


„Siehit du das Dunkle im Fels dort gähnen? 
Menfchenhand grub den verfallenden Schlund; 
Bäche von Blut und Bäche von Thränen 
roffen von dort einjt herab in den Grund. 


„Denn um die Adern, die filbernen, reichen 
War ein graufiges Schlachten entbrannt; 
Zwifchen den Trümmern der Halde dort bleichen 
Schädel, zerfpellt an der Felſenwand. 


„Und aus den eingefunfenen Stollen 

Schallt e um Mitternacht manchmal herauf, 
Bwifden den Blöcen, die niederrollen, 
Stöhnt ein erjterbender Ruf: Glück auf!“ 


13. Drachenſchlucht. 
In einen Felfenfpalt hieß fie mich fchau’n; 
Da fab ich wunderliche Schründe blau'n. 
Und in der Tiefe zwischen dem Geklipp 
Lag ausgejtrect ein mächtiges Geripp. 
Ein Knochenwerf war's, baumjtarf, häufergroß, 
Vom Bergbach überfpült und grün von Moos. 


Wie ein gejtürztes Turmdach lag auch breit 
Sein Schädel dort, mit Löchern, ls 


Mufenalmanad für 1900. 


— 162 — 


Aus diefer Augen finftrer Höhlung {chop 
Ein Leuchten, das den Abgrund übergoß. 


Ein Bliken war's, voll unterdrüdter Wut, 
As fpieen dort zwei Krater Feuersglut. 


Mit Schauder fah ich nach dem Riefentier 
Und ernit fprach meine Führerin zu mir: 


„So liegt im Dämmerfchoß der Schöpfung breit 
Der graufe Schrecden längftvergangner Beit. 


„Doch wiffe, dies entfegliche Gebein: 
Einftweilen ſchläft's in feinem Grab von Stein. 


„Einmal gewinnt es aber neues Marf, 
Und redt die Glieder, wuchtig, faulenjtart. 


„Und fchrwingt fic) raufchend auf zum Bergesrand 
Und blikt mit Teufelgaugen übers Land; 


„Und heult, daß eure Welt erzittern mag: 
Set bin ich wach! Fest kommt der jüngfte Tag!“ 


14, Verwunſchen. 


Ein Rafenflec in Waldeinfamfeit, 

Vom Wildbach umraufcht, von der Welt wie weit! 
Und ringsum Glaſt und harziger Duft 

Und der ftarfe Odem der Vergesluft! 


— 163 — 


Turmhoch ragt drüben ein Felszahn auf; 
Ter Bach umſpült ihn im Wirbellauf; 
Nur mühfam vermag in feinen Spalten 
Krummholz und Gejtrüpp fich feitzubalten. 


Dort ruhten wir und fie erzählte Dabei: 
„Hier fapen auch vor Jahren Zwei, 

Vie hatten fich lieb und follten fich meiden 
Und fonnten doch nicht voneinander fcheiden. 


„Da Iprangen die Armen Hand in Hand 
Nach dem legten Kup von der Felfenwand; 
Und wo wir fiken, Freund, da haben 
Mitleidvige Hände fie begraben. 


„Berwunfchen hab’ ich den Thalgrund dann, 
Daß nimmer ein Vtenfch ihn betreten fann; 
(Sr foll für immer und ganz allein 
Ein Friedhof für jene beiden fein!“ 


15. Auf der Schartke. 


Wir faßen zu höchſt auf der Felfenwand 
Und fchauten hinunter finnend; 

Da fieht man meit hinaus ins Land; 
Vas dehnt fich im Nebel zerrinnend. 


Sm Süden das Hochgebirg im Schnee 

Und Die jteinernen Burgen der Stürme! 
Und im Norden da blinfen Strom und See, 
Und Städte, Törfer und Türme! 


—> 164 œ 


Die Freundin umfing mich mit fanftem Arm; 
Ihre Stimme war weich, wie zum Weinen; 
„Run mußt du,” Sprach fie leis und warm, 
„Hinunter zu den Deinen! 


„Mußt wieder denfen und reden wie fie, 
Und mußt’3 mit ihnen treiben; 

Denn wer noch leben muß, fann nie 

Bei mir für immer verbleiben! 


„Run küſſe mich noch ein einzig Mal! 
So gern mag ich dich leiden! 
Hier fieht uns nur der Sonnenftrahl; 
Der hält e mit uns beiden!“ 


Dann bot fie mir den roten Mund 
Und hielt mich lieb umfangen; 
Hernach find wir durch Waldesgrund ‘ 
Hinunter ins Thal gegangen. 


Die Gloden Elangen vom Dorfe ber, 
Und Schnitter ließen fich fehen; 
Auf einmal fah ich niemand mehr 
An meiner Seite gehen! 
Mar Haushofer. 


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— 165 œ> 


Gottes Tochter. 


Ginjt in der Königgjtadt der Ptolemäer 
Ein Dichter lebte, Judas Stamm entfproffen, 
Doch unterthan den Genien Griechenlands. 
Der galt al3 ein Verlorner feines Voltes 
Und Feind Jehovas. Denn er feierte 
Auf eigne Art den Sabbath im Mufeum 
Der Heiden, in den Stillen Marmorfälen, 

Wo föniglicher Sinn des Geijtes Schäße, 
Die ungeheuern einer Welt, gehäuft. 

Entlang den Wänden lief von Saal zu Saal 
Das Fächerwerk, gefüllt mit Bücherrollen. 
Dort fak er zwifchen hohen Götterbildern 

In feiner Nifche jeden Sabbath da 

Und las und las, verfunfen und entriicft. 
Denn feine Seele hatte Plato weit 

Hinauf ins Empyreum fortgeführt. 


Dies war der Gottesdienit, der thin behagte 
Und füglich einem Dichter frommen mag. 
Auch war’ ihm niemals Unbill widerfahren 
In diefer Stadt, der völfermifchenden, 

Die allen Göttern freie Wohnung gab, 
Wenn hier gehaujt nur Hatten blinder Heiden 
Verlorne Seelen. Aber weil auch Juden 
Und Chriften durch Aegyptens Finjternis 


— 166 — 


Hell leuchteten mit ihrem Glaubenslicdt, 

Auf daß die Blinden endlich fehend würden, 
So fam des Dichters Freiheit zwifchen Kirche 
Und Synagoge übel ins Gedrange. 


Ru Philbellenos tamen eines Tages 
Vie Neltejten und Lehrer der Gemeinde, á 
Und Rabbi Simon Hub zu reden an: 
„Zu warft einmal die Hoffnung deines Volkes, 
Newt bijt du ihm ein Aergernis und Greul, | 
Mißratner Sohn, abtrünniger Hellenizon! 
Ten Sabbath ſchändeſt du, verhöhnit der Vater 
Geſetz und Sitte, bublyt mit fremden Göttern. 
Zum legtenmal ruft dich dein Volk zurück, 
Anflebend dich Durch meinen Mund: Kehr um! 
Den Weg der Wüſte wandeljt du, Dich hat 
Der Heiden Afterweisheit irrgeführt; 
Vie Weisheit Gottes, die den Durft uns ftillt, 
Duillt ewig aus der Thora heiligen Tiefen, 
Ein Brummen, den fein Eimer je erjchöpft.” 
So fprach der Rabbi. PHilhellenos drauf: 
„Bepriefen fei Die Thora, und gepriefen 
Sei jeder, Der nach ihrer Lehre lebt! 
Tod Etliche bedürfen nicht der Thora, 
Weil ihre Seele Gottes Tochter liebt.” 
„Thöricht Geſchwätz!“ fällt ihm der Rabbi vafch 
Ans Wort. „Berzeib dir Gott die Läſterung!“ 
— „Mein lieber Rabbi, alfo Iprächit du nicht, 
Wärſt du vertraut den göttlichen Gdeen.” 


LE) Dei 3 


— 167 — 


„Ich brauche Feine göttlichen ideen. 

Wir haben Mofes und Propheten,” ruft 

Der Rabbi zürnend, „und das ift genug.“ 

— „Mein lieber Rabbi, alfo jprächit du nicht, 

Wenn du die heilige Sophia Fenntejt, 

Die Tochter Gottes, die die Welt regiert, 

Und die herabiteigt aus der Götterhöhe, 

Nicht daß fie fich ein Volf vor andern wähle, — 

Um einzufehren überall auf Erden, 

Wo eines Menſchen Geiſt nach Freiheit ringt; 

Und felig macht fie jeden, Der fie liebt.” — 

Der Rabbi meijtert fich und fpricht gelaffen 

Mit feinem Spott: „Du dichteft Schöne Sachen. 

Du bijt Poet. Man rühmt dich, Pbilbellenos; 

Und das mit Recht. Denn eben hörten wir 

Bon deiner großen Kunjt ein ftarfes Stück. — 

Gib mir die Hand,” — und feine Stimme zittert — 

„Berirrter von den Söhnen Israels! 

Du ſchwärmſt phantaitifch. Deine Sinne fpielen 

Mit Gott dem Herrn ein frevles Gaufelfpiel.“ 

„Dier meine Hand: Sch fptele wahrlich nicht!“ 

„Richt? Nicht? — Tu fpielteft nicht? — Das von 
der Tochter, 

Mas du da fabeltejt — was ift denn das?" — 

„Bahr ift es, ewige Wahrheit, was ich dichte! 

Und wirklich ift es, wirklicher als du 

Und ich und Sonne, Mond und Sterne find. 

Die Welt und was darinnen ift, vergeht, 

Doch nimmermehr vergehn wird Gottes Tochter, 


— 168 — 


Denn fie wird ewig wie Jehova fein.” — 
Der Rabbi weicht zurüd, und wütend ruft er: 
„Du folljt verflucht fein, du mit deiner Tochter! 
Geſegnet fet Der Stein, der dich erfchlägt!“ 
Mit folchen Worten, wenig Gutes wiinfchend, 
Entfernten fich der Rabbi und die Alten. — 
Nachblickte, Lächelnd, ihnen Philhellenos, 

Und als er von den Juden nichts mehr fab, 
Da war dem Dichter wieder wohl zu Mut. 


Dod) ſchon nach wenigen Tagen ward er nochmals 
Schlimm heimgefucht, und diesmal von den Chriften. 
Zwei Mönche waren’s; einer ihm befannt 
Bon früher ber, ein neubefehrter Eifrer, 

Der, werbend nun für Chriftus, viel umherzog 
Sn Stadt und Land, zudringlich-liebevoll 

An Juden fich und Heiden machte. „Theurer Freund!“ 
Sprach dtefer lebhaft den Verdroßnen an, 
„sa, ftaune nur: ein Wunder ift gefchehn! 
Vie Gnade Gefu Chrifti hat fich meiner 
Erbarmt — der Spotter ward ein Gläubiger. 
Nun treibt die Liebe des Gefreuzigten 

Wich ber zum Gugendfreunde, her zu Dir. 
Als ich noch fred) des Galilders lachte, 

Dat dich fehon angeweht der Geijt des Herrn 
Und dich befreit vom Starıfinn unfrer Vater 
Und dir des Herzens Rinde fanft gelöft. 
Schon damals bijt du halb ein Chrift gemefen, 
Und ich erleb’ es noch, Du wirft es ganz. 


— 169 — 


Du folgjt mir nach und wirft gleich mir befennen: 
Niemand wird felig, der nicht glaubt, daß Chriftus 
Sit Gottes Sohn, geboren von der Jungfrau.” — 


Fremd blicend auf die unwillkommnen Gäjte, 
Voll Mtipbehagen hatte Philhellenos, 
Unmillig fajt, den Worten zugebört, 
Doch ruhig und gemejjen fprach er fo: 
„Bepriejen fet, Der auf dem Berg gepredigt, 
Der Mann, den ihr verehrt als Gottes Sohn! 
Gepriefen, wer nach feiner Lehre lebt! 
Doch Etliche bedürfen nicht des Sohnes 
Und fönnen felig werden ungetauft, 
Weil ihre Seele Gottes Tochter liebt.” — 
„sch bitt’ dich, nicht zu fcherzen, guter Freund!“ 
„sch Scherze wahrlich nicht. Gs thut mir leid, 
Daß du nicht fennft die heilige Sophia, 
Die Tochter Gottes, die die Welt regiert.“ 
„Das ift ein Märchen, das du dir erdichteft. 
Ein Unſinn it’s. Ter Herrgott eine Tochter!“ 
„Barum denn nicht? Wo ftect denn da der Unſinn? 
Wenn euer Gott doch Sohn und Mutter hat, 
Warum foll mein Gott feine Tochter haben?“ 
wo Menfch! Du wagft es, frech zu wißeln, wagit 
Des fchwarmenden Roetenhirns Phantasma 
Dem göttlichen Myjterium zu vergleichen?“ 
— „Sag, Saulus:Raulus, weißt du was vom Logos?“ 
„Der Logos, das ift Chriftus, Gottes Sohn.” — 
„Barum denn nicht Sophia, Gottes Tochter? 


— 170 — 


Gleichviel, ob's Logos, ob Sophia heißt. 

Sbr baltet’s mit dem Sohn, ich mit der Tochter. 
Euch ift der Sohn, mir ijt die Tochter heilig. 

Such macht der Sohn, mich macht die Tochter felig. 
Mir Diinft, der Unterfchied ijt nicht fo groß.” 

„Halt ein, du Rafender! Ach feh’s, mit Unrecht 
Nannt' ich dich Freund. Tu bijt nicht mein und bijft 
Nicht Chrifti Freund. Des Aberwitzes voll, 
Vergötterſt du dein albern Hirngefpinit, 

Verhihnft mit giftigen Worten Gottes Sohn. 

Weit ſchlimmer bijt du als ein blinder Heide, 

Du aufgeblafner eitler Roetajter! 

Wenn du nicht abthujt deinen teuflijchen 

Hochmut und, da’s noch Zeit ijt, Buke thuft, 

In Demut dich befehrft und taufen läßt, 

Dann wehe dir am Tage des Gerichts!" — 

„And wehe dir!” verfegt der zweite Mönch, 

„Wenn du nicht Hiiteft deine Zunge, wenn 
Satanifch du betrügſt ums ewige Heil 

Rur eine Seele! Beſſer wär’ es dir, 

Du bändejt einen Mühlftein um den Hals 

Und jtiirgteft Dich noch heut ins tiefite Meer. 
Schweig, rat’ ich dix, fonjt wird's dir [chlimm ergehn!“ — 
— „br guten Chriften, herzlich Dank’ ich euch, 

Tap ihr gekommen feid mit Rat und Liebe, 

Auch ungerufen, in mein jtilles Haus. 

Yun aber [apt es gut fein! Gott mit euch!“ 

lind wintte freundlich ihnen, daß fie gehen. 

Tie Hände faltend, fprachen fie zum Wbfchied: 


— 171 o 


„Vielmehr mit dir! Wir wollen für dich beten, 
Verblendeter! Der Herr erleuchte dich, 

Tap du nicht endigit in der Finiternis!" — 
Nachblictte, lächelnd, ihnen Philbellenos; 
Und als er von den Chrijten nichts mehr fab, 
Da war dem Dichter wieder wohl zu Mut. 


Er lebte ftill und ftolz fein Leben weiter 
Mit edeln Heiden, die ihm Freunde waren. 
Und jeden Sabbath fah er im Muſeum 
Bei Plato, Dem geliebten, fejtgebannt, 

(Sin Seliger, vom Srdifchen befreit, 
Entrückt ins Reih der göttlichen Ideen. — 
So hat er feinen legten Sabbath auch 
Gefetert. Schön verdämmerte der Tag; 
Die eriten Sterne bligten durch das Blau; 
Som Meere Hauchte fühl der Abendwind; 
Da Schritt er durch den Rortifus gedanfenmüde; 
Die Marmorjtufen ftieg er langſam nieder, 
Ginatmend tief den frifchen Strom Der Luft. 
Er fieht nicht, daß ein Menfchenhaufe ſteht 
Unfern des Wegs und feindlich ihn erlauert, 
Chriſtlicher Pöbel, der mit Kmütteln droht, 
Und Gudenhefe, die thm Steine zeigt. 
Nun Schlägt Befchrei und Larmen thin ins Chr — 
Er blidt umber und Sieht fich ſchon umringt 
Und hört wire Durcheinander Stimmen fchreten: 
„Das ift er!” — „Tiefer fchrieb es!” — „echlagt 
ibn tot!“ 


— 172 — 


„Für Gottes Tochter das, du Sabbath: 
ſchänder!“ — 

Und Steine treffen, wohlgezielt, fein Haupt. 

„Gelobt fei Jefus Chriftus, Gottes Sohn!” — 

Und Keulenfchläge dröhnen ihm aufs Haupt. 

Befinnungslos zu Boden jtürzt er, ruft 

Noch „heilige Sophia!” aus und — ftirbt. 


Da lag er nun, die Arme übers Haupt 
Erhoben wie ein fehirmend Dach; die Rechte 
Hielt feft umflammert eine Bücherrolle, 
Darinnen dies Gedicht gefchrieben jtand: 


Bon Gottes Tochter jtimm’ ich an den Hymnus, 
Sch, Philhellenos, der ich Jude bin. 
Es Schafft in mir die tiefe Sabbathjitille ; 
Der Andacht Flügel tragen mich empor; 
Die Sterne fchwinden unter meinem Fluge; 
Der legte Himmel thut fih vor mir auf. 
Ich fep’ die Urgeftalten aller Dinge, 
Die göttlichen Ideen als Engel ziehn. 
Sm ewigen Glanje führen fie den Reigen 
Um Gottes Thron, auf dem der Vater fist; 
Und neben ihm zur Rechten fteht die Tochter, 
Die heilige Sophia, herrlich da. 


Vor Gottes Tochter neigen fich die Engel, 
Weil es dem Vater alfo Freude macht, 
Weil fie fein Liebling und fein Ebenbildnis, 
Der reinfte Spiegel feiner Herrlichkeit. 


— 173 — 


Eh’ noch die Welt, eh’ noch die Engel waren, 
Aus feines Geijtes Tiefen fchuf er fie; 

Vom Mund des Höchiten ift fie ausgegangen, 
Ein leichtes Hauchen feiner Schöpferfraft. 
Sie war dabei, als er den Himmel jternte, 
Sie hat mit ihm der Erde Grund gelegt; 
Sie ward gefeßt zur ewigen Regentin 

Der Welt und allem, was Darinnen ift. 


Nach Gottes Tochter fchmachtet meine Seele, 
Wenn mich des Fleifches Sklavenfeſſel drückt. 
Sch bete: Vater, fende, die mich frei macht, 
Aus deiner Klarheit fende fie herab, 

Die Retterin, ins Dunkel meiner Tage, 

Daß ich erfenne, was dir wohlgefällt! 
Gefangen lieg’ ich hinter Rerfermauern, 
Und Finjternis deckt mir die Augen zu, 

Bis daß fie kommt, zu löfen meine Bande, 
Bis dap ihr Antlig leuchtet Durch die Nacht. 
Sie muß mich führen, daß ich ficher wandle 
Und rein genieße jedes Erdenglück. 


Von Gottes Tochter ijt mein Herz entzündet. 
Sch habe fie geliebt von Jugend auf; 
Sch war bedacht, fie mir zur Braut zu nehmen; 
Die große Sehnfucht hat mich frank gemacht. 
Sch bin ihr nachgefchlichen Tag’ und Nächte, 
Und eifrig forjcht’ ich ihre Wohnung aus. 
Als wie ein Bettler jtand ich vor der Thiire, 
Und wich des Nachts von ihrer Schwelle nicht. 


— 174 — 


Da trat fie her, fehön wie die Morgenröte, 
Geſchmückt als eine Braut empfing fie mid. 
Den Hochzeitbecher haben wir getrunfen, 
Ter Freuden und der Leiden Kelch geteilt. 


Bei Gottes Tochter darf ich herrlich wohnen 
Sm Haus des Reichtums, unter Fürjtenpracht. 
Von Gold und Marmor ſchimmern die Gemächer, 
Und alle Kammern find von Schäßgen voll. 
Sie rüjtet felbit im Spetfefaal die Tifche, 
Und ihre Tirnen fchieft fie durch die Stadt, 
Die Freunde herzuladen, daß fie fommen 
Sum Mahl und effen von der Weisheit Brot 
Und trinfen ihren Wein, den Trant des Geiftes. 
Sie werden ftarf davon wie Riefen fein, 
Mit Himmelskraft das Leid der Erde tragen, 
Und ihr Gemüt wird göttlich-heiter fein. 


Durch Gottes Tochter bin ich felig worden; 
Zum Tichter und Propheten macht fie mich. 
Was Schönes ift im Himmel und auf Erden, 
Vergangenheit und Zukunft lehrt fie mich. 
Denn alles weiß fie und verftehet alles, 

Sit aller Künjte Hohe Metiterin. 
oruhmorgens treibt fie mich zur heiligen Arbeit 
Und hilft mir jchaffen, bis der Abend kommt. 
Unendlich wird der Wert der flüchtigen Stunden 
Und jeder Tag ein Stücd der Givigfeit. 

Solch Tagewerf vergeht nicht mit dem Wienfchen, 
Sahrtaufende Durchglänzt es wie ein Stern. 


— 175 oe 


Für Gottes Tochter ftreit’ ich in dem Heere, 
Tem auserwählten, das unsterblich ift. 
Denn fort und fort aus allen Völkern wirbt fie 
Die Tapferiten und rüstet fie zum Kampf. 
Gedanken gibt fie, das find Blige Gottes, 
Und Worte, flammend wie der Engel Schwert. 
Unwiderſtehlich machen ihre Waffen, 
Und unaufhaltfam geht ihr Siegeszug. 
Ein Lichtgedanfe fchlägt zehntaufend Feinde, 
Ins Dunkel fliehen Hunderttaufend fort. ` 
Es kommt der Tag der heiligen Sophia, 
Da fie auf Erden wie im Himmel herrjcht. 

Albert Matthat. 


Sylvesternacht. 


Aylvefternadht — ein Zimmer, hochgemölbt, 
Ein traulich Neft, und vornehm ausgefhmüdt. 
Aus roter Ampel ftrablt ein mattes Licht 
Auf Wandgetäfel und auf reich Gerät, 

Und überzieht mit geifterhaftem Schein 
Manch prächtig Meiſterwerk erhabner Kunit. 
Ein helles Feuer flammt in dem Kamin, 
Den Schwarzer Marmor, ohne Schnörfel, ſchlicht 
In reinen Linien wiürdevoll umrahmt. 

Und drüber in der Farben zartem Schmelz 
Blidt der „Veſtalin“ Liebliches Geficht 

Mit tiefem, feelenvollem Aug’ herab. 


Auf wen? — Auf niedrem Lederlehnftuhl fist 
Den Blid dem Feuer zugewandt, ein Mann — 
Kein Giingling mehr, noch weniger ein Greis, 
Wenn auch die Jahre graue Floden jchon 
Ihm in das Dichte, Dunfle Haar geftreut. 
Ein fehlanfer Körper trägt das ftolze Haupt 
Mit feiner hohen, breitgewölbten Stirn, 
Drauf Schon das Leben manche Furche zog. 
Gin dunkler Bart umrahmt ein bleich Geficht — 
Nur bleicher noch im lichten Feuerjchein — 
Von edlen Zügen, weich, Doch ausdrudsvoll, 
Und aus dem Antliß blidt in warmem Glanz 
Ein Dunfles, träum’risch finnend Wugenpaar. — 


— 177 — 


Ein ernftes Werk befchäftigt Hand und Sinn. 
Bon Eichenholz ein Kaften, jtahlumfpannt, 
Steht neben ihm, bis an den Rand gefüllt 
Mit Briefen, Zetteln, SchriftiverE aller Art — 
Hier ein vergilbtes veröbefchriebnes Blatt, 
Dort eine Zeichnung — wie der Augenblict 
Der Stimmung Kinder rafchen Wurfs erzeugt — 
Bon Schreib: und Zeichenwerf ein bunt Gemiſch. 
Und Stitc für Stü erfaßt die fehlanfe Hand; 
Der Blid fährt finnend, fichtend drüber hin — 
Ein Lächeln bald, bald leifer Seufzerlaut, 
Doch meift von jeder Negung unberührt, 

So fchleudert Stick für Stüc er in die Glut, 
Und freut fich, wenn’s in feur’gen Garben fpriiht. 
Nur ein’ges Wen’ge, das ihm würdig ſcheint, 
Bewahrt zu werden, legt er jtill beifeit”, 

Zu retten e3 von jichrem Untergang. 

Beim Sahresabichluß pflegt er fo zu thun. 
Das Factt zieht er der vergangnen Beit, 
Nicht bloß des eben abgelaufuen Sabhrs, 

Das Facit feines ganzen Lebensgangs. — 


aft ift die Truhe bis zum Grund geleert, 

Da fabt ein Bündel Briefe feine Hand, 

Bon feidnem Band umfchlungen und verfchnürt. 

Wie Fieberfrojt ergreift’ den ftarfen Wann, 

Und tiefes Weh zueft über fein Geficht. 

Soll löjen er Das Band? Ach! nur zu oft 

Las er Die Briefe ſchon — ein jeder Sab, 
Muſenalmanach für 1900. 12 


— 178 — 


(Sin jedes Wort hat tief fih eingeprägt! 

Er lehnt fich in die Poljter weit guriicf, 

Und traumverloren in das Leere ftarrt 

Sein Bli — Vergangnes fteigt empor 

Wie Geifterfpuf im Dienjt der Mitternacht. — 


Wie hat er fie geliebt, als hold und fchön, 
So jugendfrifch und froh, fo unfchuldsrein, 
Mit jedem Liebreiz wunderreich gefchmüdt, 
Ein Götterbild, fie in fein Leben trat! 

Wie fchlug fein Herz mit frohgemutem Schlag 
Entgegen ihr! Nicht jtürmifch heiße Glut, 
Die wild verheerend um fich greift — nein! nein! 
Ein heilig Feuer war’3, das ihn durchglüht, 
Sein ganzes Sein erfüllt mit Geligfeit. 

Und weld) ein neues Leben ging ihm auf, 
Als ihre Hand in feine fie gelegt, 

Als er im Liebeskuſſe fie umfing, 

Und jie, das Haupt an feine Brujt gefchmiegt, 
Ihm Treue fchwur für Zeit und Emigfeit! 
Wie Friihlingsfonnenfchein die Knoſpe wedt, 
Daf fie zur duft’gen Blüte fich erjchließt, 

So ſchwoll fein Geijt in froher Schaffensluft, 
Und was an Kräften, ftill und ungeahnt, 

Sn thm noch lag gebunden und gebannt, 

Es brach hervor in frifchem Werdedrang, 
Und rang fich auf zu wirfungsvoller That. 
D Liebesfrühling, fang- und blütenreich 

Und reich an Wonnen allerhöchiten Glücks! — 


— 179 — 


Und dann! — Und dann! — Er preft vors Angeficht 
Die Hände feft, und wehrt der Thräne nicht, 

Die heiß an bleicher Wange niederrinnt. 

Und dann — Wie fie, von Eitelfeit bethirt, 

Bon tüdifher Verfiihrungsfunft umgarnt, 

Die Treue brach! wie jah das Band zerriß! 

Wie endlich fie, in böfe Schuld veritrict, 

Die böfe Schuld durch graufen Tod gebiipt! — 
Hier ihre Briefe — Ach! fo manches Jabr 
Verging, feit feines Lebens grüne Saat 

Von jenem Hagelfchlag fo arg zeritört, 

Daß Frucht nicht trieb, was einft fo reich geblübt, 
Dap zweck- und ziellos er umbergeirrt 

Sm Labyrinth des Lebens — hoffnungsarm! 

Wie oft fchon hat in der Sylveiternacht, 

Bog feiner Lebenswerte Rechnung er, 

Dies bandumfchlungne Bündel er erfaßt! 

Doch wollt’ vernichtend er’3 den Flammen weih’n, 
Hat immer wieder feine Hand gejuctt, 

Und immer wieder legt’ er’s leis zurüd. — 


Und heut? — Soll’3 wieder fein, wie's immer war? 
Soll nie vernarben dieſer Herzensrip ? 

@ibt’s fein Vergeſſen für fo Herbes Leid? — 
Mit jahem Rucfe rafft er fich empor, 

Durchmißt, die Hände Hinterriicfs gefreust, 
Gefenften Haupts mit langjam ernjtem Schritt 
Des Zimmers Raum in fechiverem, innerm Kampf. 
Dann bleibt er jtehn, und ruft in lautem Web: 


— 180 — 


Wie lange noch willjt du, Vergangenheit, 

Den Blick, den Weg, die Zufunft mir verfperr’n! 
Soll ich verfümmern fchlaff und thatenlos, 

Weil mir ein Traum nicht hielt, was er verſprach? 


Ermanne dich! Wirf ab die Zentnerlaft, 

Die dir die Vruft beengt, die Kraft dir lähmt! 
Kampf ift das Leben — kämpf' ihn mutig Durch! 
Nicht rüchvärts mehr, fhau vorwärts freien Blids, 
Und in der Arbeit, in des Ringens Glüd 

Such’ div Erfaß für das, was du verlorjt! — 


Und jtolz erhobnen Hauptes fteht er da; 

Die Briefe fapt er — ungelöjt ihr Band — 

Und gibt fie des Kamines Flamme preis, 

Dap läuternd fie ihr heilig Amt vollzieh’. — 

Und während er in ernjtem Sinnen faut 

Aufs Afchenhäufchen feines einjt’gen Glücks, 

Srtönt von draußen Glocken-Feftgelaut’, 

Pofaunenflang und lauter Jubelruf 

AS Weihegruß: Glick auf zum neuen Jabr! 
Martin Beerel. 


— 181 — 


Lady Cecil Richmond. 


I. 
Am 13. Juni 1815. 
In dem PRruntpalaft zu Brüffel 
Tönen flipe Geigenkldange, 
Taufend Lichter fpenden Helfe, 
Und es wirrt fic) bunt der Reigen. 


Yn dem Prunfpalaft zu Briiffel 
Leuchten weiße Frauenfchultern, 
Oren Schimmer dämpft das Dunfel 
Schwarzer Kriegeruniformen. 


Braunſchweigs Kriegerfchar, die Schwarze, 
Mit dem Totenkopf am Tſchako 

Hat die beiten ihrer Tänzer 

Hergefandt zur Luft des Reigens. 


Mit den muntern Tänzern allen 
Sn dem Schnürrod der Hufaren 
reift im Vallfaal Braunfchweigs feur’ger 
Heldenherzog Friedrich Wilhelm. 


Mit ihm walzt die wunderſchöne 
Lady Nichmond durch die Reihen, 
Und mit lachendem Gefichte 

Bu der Holden fpricht er alfo: 


—o 182 — 


„Elbas ödes FelSgeftade 

Qie verruchten Sinns der Korfe, 
Und mit frecher Stirn entbeut er 
Neu zum Kampf Europas Völker. 


„Doh Europa ift gerüjtet; 
Und ibn würdig zu empfangen, 
Sn Brabants Gefilden harren 
Krieger zweimalhunderttaufend. 


„Solchen Heerbann zu vernichten, 
Wirbt er zahllos KRämpferfcharen, 
Nah Fehon ift fein Heer dem unfern, 
Pod) ihn felbjt halt noch Paris. 


„Komm’ er, wann er mag! Vernichtung 
Wird und ew’ge Acht ihn treffen, 

Boch bis dahin fet die Lofung: 
Schönheit, Freude, Frauenhulp. 


„Heldentum galt alle Zeiten 

Mir als Krone ird’fchen Lebens, 
Höchiter Lohn für Heldenthaten 
Sit das Lächeln holder Frauen. 


„Euer Lächeln zu verdienen, 

Sit zu fehvecthaft mir fein Wagnis; 
Und im Tanz mit Euch zu freifen, 
Dünkt mich ſtolze Götterluft.” 


Alſo ſpricht der Welfenherzog, 
Da: durchs Tanzgewühl ſich drängend 


— 183 — 


Reicht ein Bote ihm ein Schreiben, 
Und der Herzog lieft es rajch. 


Und er fündet laut im Saale: 
„Ein im Lager traf der Korfe, 
Afo meldet Marfchall Vorwärts, 
Und des Kampfes Stund’ ift da!“ 


Flot? und Geigen, fie verjtummen, 
AL der Frohfinn geht zu Ende, 
Raſch erlofchen find die Lichter, 

Und die Tänzer wandern heimwärts. 


Doch der Herzog fteigt zu Pferde, 
Und in faufendem Galoppe 

Mit der fchwarzen Schar der Seinen 
Yn die Nacht fprengt er hinaus. 


Il. 
Am 14. Juni 1815. 
Langfam durch die Straßen Brüſſels 
Zieht ein Trauerzug, ein diijtrer, 
(ine Krone trägt der Sarg, 
Und im Sarg ruht Braunfchweigs Herzog. 


Wild in faufendem Galoppe 

Sagt’ er hin durch Belgiens Fluren, 
Früh am Tag bet Quatrebras 
Gripe’ ihn Donner der Kanonen. 


— 184 — 


Der von je als Held geftritten, 

Wie ein Held jtritt er auch heute; 
Doh — entjandt aus Feindesreihen — 
Eine Kugel ftrecft’ ihn nieder. 


In ein Bauernhaus, ein enges, 

Trug ihn rafch der Seinen Liebe, 
Dort auf dürft’ger Strohſchicht lag er, 
Bis der Geift dem Leib entiwich. 


Trauernd nun durch Brüſſels Gaſſen 
Führen fie die edle Leiche, 

Führen fie vorbei dem Palaft, 

Wo er geftern froh getanzt. 


Lady Richmond fteht am Fenfter, 
lind in Thränen ſchwimmt ihr Auge; 
Ber fie gejtern froh umfangen, 

Kalt und leblos liegt er heute. 


Heldentum, Das er gepriefen, 
Mit dem Tod hat er’s befiegelt; 
Dod) des Lohns ging er verluftig, 
Nie mehr tabt ihn Frauenhuld. 


Langfam aus dem Weichbild Brüfjels 
Fährt der Zug, dem Blick entfchwindend; . 
In der AHnengruft zu Braunfchweig 
Wird Der Welfenbeld beftattet. 


— 155 — 


HI. 

1895. 
Langſam durch die Straßen Briiffels 
Zieht ein Trauerzug, ein düjtrer; 
Cine Krone trägt der Sarg, 
Und im Sarg liegt Lady Richmond. 


Achtzig lange Lebensjahre 

Noch am Licht der Sonne ging fie, 
Seit der Held ins Grab gefunten, 
Der der Jungfrau einjt gehuldigt. 


Schsundneunzig Sahreskreife 
War zu füllen ihr befchieden; 
Doch das Ballfejt nie vergaß fie, 
Nie den Tag von Duatrebras. 


Endlich hingerafft vom Tode 

Geht fie ein ins ew’ge Duntel, 

In der Gruft bei ihren Ahnen 

Wird beftattet Lady Richmond. 
Albert Mofer. 


—)I 46 — 


— 186 — 


Ein Schwabenritt. 


(26. Juli 1870.) 


Binjagt die Heine, verwegene Schar, 
Reine Kugel fie fchrecft, fie troßt der Gefahr: 


Sie foll die Stellung des Feindes erfchaun 
Und Telegraphendrahte zerhaun. 


Vom Badnerland Tragoner es find, 
Doch ihr Führer, das ift ein Schwabenfind: 


Das ift der madere Graf Zeppelin, 
Nicht viele Reiter gibt’3 wie ihn! 


Es faujt der Galopp, e3 rajjelt der Trab, 
Nur felten figt Das Gefchwader ab. 


Zwei Tage fchter hat der Mitt gewährt, 
Erfchöpft find Reitersmann und Pferd. 


Heiß brennt hernieder die Qultfonn’, 
Drum rajten die Männer bei Niederbronn. 


Sm Schirlenhofe fehren fie etn, 
Vie Nofje zu füttern, zu foften den Wein. 


Da blikt’s — und Schuß auf Schuß erfracht 
Bon feindlicher Jäger Uebermacht. 


— 187 — 


Die deutfchen Reiter find hart bedrängt, 
Uebermältigt und auseinandergefprengt. 


Zeppelin mit fcharfgezieltem Vlei 
Macht einen franzöfifchen Sattel frei; 


Schwingt fich auf, haut fich Durch und fegt hindann, 
Auf welſchem Rob der deutfche Mann! 


Wie Sturmwind brauft es querfeldein, 
Die Verfolger wettern hinterdrein. 


O Mageftiice, o Reiterjtüc! 
Die Feinde bleiben weit guriicf! 


Ym Wind verhallt ihr fluchend Drohn — 
Der Graf erreicht die Waldung fchon; 


Grflimmt ein laubig Baumverjtec; 
Im Dicicht friedlich graft fein Shed. 


So harrt und horcht er atemlos 
Auf dumpfer Roffeshufe Stoß; 


So harrt und hört er todesbang 
Der Suchenden Stimmen jtundenlang. 


Sie forfchen die Waldung ein und aus, 
Dann reiten fie rauchend und langfam nah Haus. 


Der Graf verläßt fein luftig Neft, 
Sein Rop behutfam traben läßt. 


—> 188 o- 


Nod) wenig Meilen und er jteht 
Am vorgeſchobenen Pitkett. 


Die Meldung bringt der Offizier 
Dem Feldherrn in das Hauptquartier: 
„Herr General, ich teil' euch mit: 

Ich kehr' allein vom Patrouillenritt. 
Hab' zwiſchen Lauterburg und Wörth 
Vom Feind geſehn nichts, noch gehört. 
Bei Niederbronn heut morgen nur 
Kam mir zu gut etwas Bravour; 


Auf Tod und Leben war's ein Ritt — 
Herr General, dies teil' ich mit!“ — — 


Ein Hoch dem Schwabenland geſchwind, 
Wo ſolche Reiter zu Hauſe ſind! 


— J- — 


Der treue Gumbiller. 


Gumbiller war ein ſchlichter Knecht, 
Dem König dient er treu und recht. — 
Seinen König und Herrn konnt' er nimmer vergeſſen! 


Dem zweiten Ludwig, Bayerns Herrn, 
Lie er fein Leben herzlich gern. 
Und als der König ftarb im Gee, 
Geſchah dem Knecht ein arges Web. 


— 189 — 


Er zog ihn aus des Schilfes Rohr, 

Aus trübem Waſſerſchlamm empor. 

Als er den Herrn ſah naß und bleich, 
Möcht' er am liebſten ſterben gleich. 

Ach, ſeit den Herrn er tot geſehn, 

War's um ſein Lebensglück geſchehn! 

Ihn freut nicht mehr im Wald das Laub, 
Kein ſpielend goldner Sonnenſtaub; 

Ihm mundet nimmer ſüß und wohl 

Der rote Wein vom Land Tirol. — 
Seinen König und Herrn konnt' er nimmer vergeſſen! 


So oft er ging am Waſſer hin, 
Meint' er, der König winke drin. 
Schwamm auf der Flut des Mondes Licht, 
Hielt er's für ſeines Herrn Geſicht; 
Und blitzte drin die Sonne grell, 
Hielt er's für ſeine Krone hell. 
Sprach wenig mehr und irrte ſtumm, 
Zwei Jahr trug er den Schmerz herum: 
Auch ihn zum feuchten Wellengrab 
Unwiderſtehlich zog's hinab. 
Vom Brückenbogen er ſich ſchwang, 
Die Flut den treuen Knecht verſchlang. 
Tief unten auf dem Bett von Stein 
Bei ſeinem Herren wollt' er ſein. — 
Seinen König und Herrn konnt' er nimmer vergeſſen! 

Heinrich Vierordt. 


— — 


— 190 e-- 


Die Macht der Musik. 


Dom Antilibanon ritt unfer Zug zu Thal, 
Wallfahrer nah El-Kuds!), ein Dugend an der 


Zahl. 

Hernieder ftiegen wir von Baalbeks Pracht: 
ruinen, 

Geführt vom Dragoman, begleitet von Be- 
duinen. 


Gin breites Thal trennt ung vom gropen 
Libanon, 

Den Schnee des Hermon deckt des Abends 
Purpur jchon. 


Hod) auf dem Felfenfanım verweilen noc 
Gazellen, 

Am Wege murmeln dumpf des rafchen Fluffes 
Wellen. 


Heiß war der Frühlingstag, es flimmerte die 
Luft, 

Die Pferde — ſich in ſchwüler Felſen— 
kluft. 


1) El-Kuds, „die Heilige” (Jeruſalem). 


-> 191 — 


Auf einem Vorfprung macht der Führer plößlich 
Halt — 


Damaskus grüßt herauf aus feinem Blüten- 
wald 


Von Palmen, Binien, Granaten, Rofen 


Feigen ..., 
Draus ſchlanke Minarets empor zum Himmel 
ſteigen. 


O kuppelreiche Stadt, „des Morgenlandes 
Sonne“, 

Still ruht auf deinem Reiz mein trunknes 
Aug’ in Wonne. — 


Da tönt ein ſchriller Ruf: es kommt auf ſteilen 
Wegen 
Die Karawane uns, die ftattliche, entgegen, 


Die durch den Libanon hinträgt ein koſtbar Gut, 
Den Weizen vom Hauran, zur Hafenſtadt 
Beirut. 


Zwölf Tromedare ſind's; fie ſteigen weit im 
Bogen, 

Kurz angeſeilt, herauf, teils ziehend, teils ge— 
zogen. 


Und ſchwer ſind ſie bepackt, bis zum Erliegen 


faſt; 
Die armen ſchleppen nur noch ſtöhnend ihre Laſt. 


— 1929 — 


Doch immer weiter zieht die Straße facht bergan; 
Saft eine Stunde noch ijt’s bis zum nächiten 
Chan '). 


Ein junger Araber trabt eilig, troß der Hive, 
Auf feinem Efel vor bis ar des Zuges Spige. 


Er jauchzt den Tieren zu den langgezognen 
Schrei, 

Dann zieht er aus dem Sad die gelende 
Schalmei. 


Und wie der Süngling bell anhebt auf feinem 
Robr, 
Da recen fie das Haupt, da fpigen fie das Ohr. 


(Sr blajt den ſchönen Sang vom Beduinen- 
mädchen 2) 

Und lenft den ganzen Zug leicht an des Liedes 
ad cher. 


Die Tiere greifen aus und jedes ſenkt und hebt 
Die Beine nach dem Taft des Liedes neu belebt. - 


Sn frifcher Kraft, verjüngt, erjteigen raſch und 
munter 
Den Hügel fie, Dann geht’s ins weite Thal 
hinunter. — 
1) Rarawanferat, Herberge. 
2) Gin in ganz Syrien betanntes und beliebtes Volfs- 
lied mit dem Refrain: ilbadawiji. 





—e 193 — 


Der Beduinenfcheich begrüßt’ uns ſtumm und 
lachte; 

Wir zogen unfres Wegs und mancher Pilger 
l dachte: 


„O göttliche Muſik! Nicht bloß an Menſchen— 
feelen, 

Du übſt auch deine Macht an ſyriſchen Ka- 
melen.” 


Dann ritten wir hinab flugs über Stein und 
Kies 
Der Stadt Damaskus zu, dem „irdischen Para- 
dies”, 
Damasfus, 1. April 96. 
Georg Scherer. 


-- 3 6 — 


Mufenalmanach fiir 1900. 13 


— 194 — 


Die beiden Selbstmorder. 


Gs flingen die Gloden 
Berfchleiert vom Turme; 

Sie laden und loden 

Zur gähnenden Gruft. 

Die Lamplein, fie ſchimmern, 
Und Schludhzen und Wimmern 
Durchzittert die Dumpfe, 

Die fchauernde Luft. 


Wen tragen fie heute 

Mit ſchwankenden Schritten 
Beim Trauergeläute 

Zur ewigen Nacht? 

Zwei blühende Wefen, 

Zur Wonne erlefen, 

Zwei leuchtende Rofen 

Sn Fülle und Pracht. 


Das Schickſal vermehrte 
Den beiden das Bündnis, 
Und Sehnen verzehrte 
Shr banges Gemüt. 

So find fie gejtorben, 
Verfehrt und verdorben, 
Noch brechenden Mitges 
Von Liebe durchglüht. 


— 195 — 


Sm Rampfe ermattet, 
Hier mögen fie raften, 
Mitfühlend beftattet, 

In Treuen beweint. 

Und ewiger Frieden 

Sei trodjtend bejchieden 
Den Graufant- Getrennten, 
Die endlich vereint. 


— — 


Der Frühlingsmorgen. 


Bin ich jüngſt hinausgeſchlichen 

Nach der Pforte meiner Liebſten, 
Früh am Morgen, als die Sonne 
Kaum im Oſten aufgeleuchtet. . . . 


Duftig blüht der traute Garten, 
Wo ſo oft ſie hold gewandelt, 
Unter Blumen eine Blume. 
Rötlich ſtrahlt der hohe Giebel 
Ihres vielgeliebten Hauſes, 

Wie das ſtille, fromme Lodern 
Einer gottgeweihten Flamme. 
Tauſend Wipfel wehn im Winde, 
Alles trieft von Luſt und Leben, 
Und in Wonne ſchwelgt die Seele. 


— 196 — 


Ach, wer diefer Morgenjtunde 
Unbejchreiblich füßen Zauber 
Dauernd mir im Bild bewahrte: 
Für den erjten aller Meijter 
Wollt’ ich dankbar ihn erfennen 
Und des Lorbeers reichjte Füle 
Subelnd ihm zu Füßen legen! 


Diefen Himmel, blau und leuchtend, 
Und die neugeborne Sonne, 

Diefes Gartens frifche Rofen, 

Und des Stromes goldne Welle, 
Und das Ganze rings vom Rahmen 
Wandellofer Felsgebirge 

Eng und liebevoll umfriedigt.... 


Eitle Hoffnung, fent die Schwinge! 
Keine Kunſt vermag hienieden, 

Gei fie noch fo gottbegnadet, 

Noch fo reich an Glut und Fülle, 
Solchen Frühling nachzufchaffer! 


Sinnend ftand ich am Gehege, 
Und in ftillgehetmer Sehnfucht 


Schwoll das Herz dem Traumverlornen. 


Da berührt mit einemmale 

Amor lächelnd mir die Schulter. 
Sieh dich um, fo raunt er leife, 
Und entfleucht zum lichten Wether. 


— 197 — 


Sah mich um. Da trat mein Liebchen 
Lächelnd vor den dunklen Laubgang. 


Nun begriff ich voll Entzücen, 

Was der lofe Gott gefonnen, 

ALS ich diefe Morgenjtunde 

Mir im Bild gefeffelt wünſchte. 
Denn in Liebchens blauen Augen | 
Lebt und webt der Frithlingshiminel, 
Denn in Liebchens blauen Augen 
Blüht und fprüht die Frühlingssonne. 
Ihre wonnetruntnen Lippen 
Schimmern rot wie Frühlingsrofen, 
Und als Strom in goldner Woge 
Wallt herab ihr fühes Blondhaar. 


Lange ftand ich ohne Sprache, 
Zange jtand fie [eis errötend. 
Dann, um diefes Bild des Morgens 
Frisch und fröhlich zu vollenden, 
Schloß ich all die Holde Schönheit 
Sn den ungejtümen Rahmen 
Meiner jugendjtarken Arme. 

Ernſt Editein. 


— 198 — 


Gesang der Kirke. 


„Dorh, Gefang im Innern! Er fommt von einer, 
Die den Webjtuhl emfig umfchreitet. Wär’ es 
Eine Göttin? Sit es ein Weib? Melodijch 

Füllt er die Halle.” 


Fragt ihr noch, Kundfchafter des vielgereijten 

Dulders? Traun, fein irdifches Weib entfendet 

Solchen Wohllaut, fondern die Göttin ift’s, die 
| Zauberin Kirke. 


„Eile,“ fingt fie, „tanzendes Weberfchifflein, 

Dap das Feitkleid heute fich mir vollende 

Für den Gaft, noch fenn’ ich ihn nicht, den Hermes 
Längft mir geweisfagt. 


Landen werd’ am Gnfelgeftad ein Held einft, 

Der allein Stand hielte vor meinem Zauber; 

Dem ich, nicht mehr Göttin, ein liebend Weib nur, 
Sänke zu Füßen. 


Sei es denn; ihm lüget allein der Rauch nicht, 

Ten er fieht aufiwirbeln im Wald von fernher; 

Ihm allein winkt gajtlich des Herdes Flamme 
Hier im Palajte. 


— 199 — 


Aber weh euch Anderen, Unberufnen! 

Eure Gangfpur endet an diefer Schelle. 

Kommt und laßt euch nieder und fojtet; lieblich 
Duftet das Weinmus. 


Nun, wie wird euh? Männern von außen gleicht ihr 

Ungefähr noch; aber es rührt mein Goldjtab 

(Such der Reih’ nach: fiehe, da ftreift ihr ab die 
Gleißende Hülle. 


gort und niemals wieder bethört ein ſchwaches 
(Srdenweib! Nur reikende Tiere feid ihr. 
Sns Geheg als Wolfe hinaus, als Eber, 

Alle gebändigt. 


Still, mir war's, als hört’ ich Geräufch im Vorſaal. 

Rafte, Schifflein, eben ja fertig find wir. 

Kommt er noch nicht? Hab’ ich auch Heut umſonſt mein 
Lager bereitet?“ 


In Venedig. 


In Venedig an der Riva 

Sap ich fpat bet Eyperwein; 
Vollmond mwar’, und im Gewunmel 
Vieler Menfchen ich allein. 


— 200 — 


Was ich untertags bewundert, 
Bog an meinem Sinn vorbei: 
Dogengräber, Heil’genbilder, 
Auch Gefchichten mancherlet. 


Aber jest, mir gegenüber, 

Welch ein Anblid, welch ein Weib! 
Keufcher Ernit um ihre Brauen, 
Eitel Wohlgeitalt ihr Leib. 


Trat fie aus den goldnen Rahmen 
Lizians in unfre Reihn? 

Sit fie Heil’ge, Dogareffa ? 

Alles beide fann fie fein. 


Heilige, der bei der Auffahrt 
Sich der Chor der Engel neigt; 
Dogareffa, die zur Gondel 
Bom Palaft herniederfteigt. 


Leife platfchert die Lagune, 

Ganz wie heut, im Mondenſchein, 
Und der Schiffer, liebefchaudernd, 
Hilft ihr in den Kahn hinein. 


Bernhard Hofmann. 


sah ah ah ah of Oh Sh ae OS 


Il. Eyrische und vermischte Gedichte. 


— — — 


Carmen saeculare 
zu 1900. 


Durg ftets höhere Siegesbogen 
Zu des neuen Jahrhunderts Bahn, 
Kommen die vergangnen gezogen; 
Mit Gefchenfen ziehn fie heran; 
Rühmend, was durch fie gefchehen, 
Was fie dauernd Großes gethan 
Für der Menfchheit Wohlergehen. 


Eritlich fteigen mit Feuerbranden 
Urmweltmänner aus Schluchten empor, 
Licht und Wärme den Brüdern zu Spenden, 
Steine fügend zu Wölbung und Thor; 
Kühnſtes fuchen fie zu vollenden, 
Reigen führend und Fejtliedchor — 
Lömwenfelle um die Lenden. 


Diefe, Die das Schwerjte bezwungen, 
Schwangen zuerjt die Art und den Kran, 
Sagten und pflügten und woben und drangen 


— 202 — 


Ueber die Ströme den Berg hinan, 
Mit der ftiirmenden Woge ftritten 
Segler und Steurer, bewahrend den Kahn, 
Gruben nach Erz und begründeten Sitten. 


Alles beraten fie, Ordnung und Rechte, 
Schub dem Schwachen und Heilung fodann, 
Auch für die Zukunft dem jungen, Gejchlechte, 
Ruhm für jeden, der Großes erfann; 

So wird zur Sprache die Schrift erfunden, 
Die für ewig bewahren fann 
Was gedacht ward und empfunden. 


Schaffend des Geiftes höchſte Gebilde, 
Reiner Schönheit zugewandt, 
Gleich erhaben in voller Milde, 
Strahlt aus Hellas ein Diamant. 
Erbfchaft bleibt für alle Zeiten, 
Was fein Volk vollbracht und erfannt, 
Preisgefang tön’ ihm in goldenen Saiten! 


Aber um weitere Horizonte 
War der forfchende Geift bemüht, 
Land, das milderer Himmel befonnte, 
Fand er in Unfchuld aufgeblüht, 
War für Paradiefesauen 
Des Entdeders Bewundrung erglüht, 
Klärten Berechnende finnendes Schauen. 


Während fie Wandel und Größe der Sphären, 
Während fie Keimen und erjte Spur 


— 203 — 


Alles Werdens fich erklären, 

Hebt ihren Schleier die jtrenge Natur. 

Sich in allen Wefen erfennend, 

Sehn fie gu mildrer Gefittung, nur 

Reiner die Flamme der Tugend entbrennend. 


Eine Welt voll Schönheit und Größe 
Schien begraben, vergeffen zu fein; 
Dod) als ob von ihr fih ergöſſe 
Aus dem Grabe noch Gugendfchein, 
Drang durch fie, der Feijeln entbunden, 
Neues Leben in alles ein, 

Eine Welt, die fich wiedergefunden. 


Endlich fteigen aus Thaten des Krieges 
Völkerrecht und Völferbund, 
Und es verpflanzen fich Früchte des Sieges 
Sn der Gefittung empfänglichen Grund. 
Altes und Morjches jtürzt zuſammen, 
Wien wird Errungenes fund, 
Einficht dringt aus Schutt und Flammen. 


So zu Bergen erhöhen fich Stufen, 
Und vom erjten Hammerfchlag, 
Den die Not hervorgerufen, 
Wirkt unendlicher Weiterertrag. 
Zwanzigites mehre mit Segensjahren 
Die vergangnen an jedem Tag, 
Wachfend an Siegen des Guten und Wahren! 


_—- - 


— 204 — 


Die elektrische Kraft. 


Beit warn, Sdicfal, fennen dich 
Die Menfchen? Geit Friede 
Und Unfchuld aus den Herzen wich, 
Und nur noch lebt im Liede? 
Seit fie ſelbſt fich trennten 
Qn arm und reid) und bös und gut, 
Seit fie fpornte der Mut 
Zum Kampfe mit den Elementen? 


Doch aus dem Kampfe mit der Natur 
Ward ein Bündnis, fie weift 
Schon willig den Menfchengeijt 
Zu der Erfindungen Spur 
Und führt ihn bis hart 
An die Schwelle des Lichts, zur größten 
Grrungenfchaft der Gegenwart, — 
Wo Fragen an Fragen fich löften: 
Bis zur eleftrifhen Kraft, 
Die ihm leuchtet und für ihn Schafft. 
Nur zu Henferdienjten nicht 
Läßt fich brauchen die Hebhre, 
Sie wendet ab ihr Geficht 
Und erfcheint lieber dem Meere; 
Sie erhellt der nordifchen Nacht 
Xn weithin leuchtendem Bogen 
Der Riefenftddte Pracht, 
Die Brücken und raufchenden Wogen, 


— 205 — 


Sie wirft wie Mondenfchein 

Vie Ichöniten ihrer Strahlen 

In Dachfenjter ein, 

Um Feenzauber zu malen 

Ueber ein fchlafendes Kind, 

Und bringt ihm Silberne Schalen, 
Die voll von Blumen jind. 

Sie fommt herabgeitiegen 

Wie ein Märchentraum, 

Und durch den armfeligen Raum 
Flüſtert fie Dem Kinde zu: 

Laffe mich bei dir liegen! 

Sch fam ja auch wie du 

Grft vor furzem zur Welt, 

Und babe fie doch Jchon erhellt, 
Wie dein Lächeln der alten 
Beforgten Eltern ernite Falten! 


Mir auch fcheint fie herein 
Sn mein einfames Zimmer, 
Aber vor ihrem Schein 
Erblaßt mir der Mondenfchimmer! 
Mit der Schönen Schwarmerei 
Sit es nun aus und vorbei, 
Nimmer fehrt, ach nimmer 
Die ſüße Schwermut bei mir ein, 
Das Holde Sehnen nach Piebespein. 
Bu ſcharf umrißne Schatten 
Zeichnet Das neue Licht 


— 206 — 


So deutlich, wie auf Platten 

Der Stift ein Bildnis fticht, 

Mie Mittagsglut auf Matten 

Durch Blütenzweige bricht, 

Und mir zeigt es, ach, Wände 

In oder Fabrif, den Raum, 

Drin arme, fleine Hände 

Um einen Lohn, der faum 

Shr Leben friftet, Tag für Tag 

Den Draht umfpinnen vom frühen Morgen 
Bis zu der Stunde fpdtem Schlag, 
Den Draht, in dem verborgen 

Der Funke fchlaft, der fo entzückend 
Ym Haus des Reichen glänzt, im Saal 
Beim Fefttagsmahl 

Das Silberzeug der Tafel ſchmückend. 


—3ee— 


Verschüttet. 


lAeberall enthalten 
Sind im Erdenfhoß 
Feindliche Gewalten, 
Tückiſch brechen ſie los, 
Und ein Augenblick vernichtet 
Was in langer Zeit 
Menſchenmüh errichtet. — 


—2 207 o 


Himmelhohe Bauten, 

Die von Frömmigkeit 

Ewigem geweiht 

Ueber Wolfen fchauten, , 

Die dem ftolgen Gedanfen 
Irdiſcher Pracht 

Ueber allen Schranfen 

Groß und herrlich vollbracht. 
Ach ihr Sturz zermalmt 
Taufende von Leben, 

Flammen preisgegeben, 

Die von Schutt umqualmt 
Wütend fih erheben! 

Aber tiefer reicht 

Und höher ragt, erhabner 
Etwas, das höheren Wefen gleicht, 
Das im Menjchen fühlt, 

Und zur Hilfe Begrabener 
Rettend den Boden erwühlt. — 
Unablaffig hinab 

Schaufeln die Wackeren 

Sn das lebendige Grab, 

Ob vielleicht noch flacfern 
Lebensflammen, halberftictt, 

Ob in die entfebliche Nacht 
Stumme Verzweiflung blickt, 
Oder ein Hoffen noch wacht? 
Und hinab dringt ein Schimmer, 
Und heller wird, heller immer, 


— 208 — 


Und weiter die Kluft, 

Und hinab dringt wehende Luft. — 
Indes ftehn Kinder und Frauen 
Dben bei Fackellicht 

Und falten die Hände und fchauen, 
Wie die Steine durchdringt 

Ihr Beten und Gottvertrauen, 

Und mehr noch die heilige Pflicht, 
Die Nächitenliebe, die das Thun 
Der Retter fegnet, 

Für die, die todgleich ruhn, 
Lebendig begraben, bis nun 
Endlich Stimme der Stimme begegnet, 
Bis die Halberftarrten 

Aufſteigen noch wie taub, 

Aus dem Grdgrund, dem harten 
Leichengewande, voll Staub. 


— 


Festhymne 


zur Eröffnung der II. Kraft: und Arbeitsmaschinenausstellung 
dem Prinz-Regenten von Bayern gewidmet. 


Dor der nahen Schwelle des neuen, 
Ueber dem Sonnenuntergang 
Unfres Jahrhunderts, tone der treuen 
Freundin der Menfchen der Feſtgeſang: 
Arbeit dir und deinem Walten, 
Deinem Schaffen und Umgeftalten! 


— 209 — 


Du haft früh uns eingehändigt 
Zügel, womit der forfchende Geijt 
Flammen hemmt und Ströme bandigt 
Und dem Erdenfchoß entreipt 
Schäße, die verborgen jchliefen 
Sn den dunklen, gefährlichen Tiefen! 


Unerfchroden dringen die Deinen, 
Deine, der Arbeit Helden hinab 
Bu der Urwelt Schwarzen Gejteinen, 
Troßend dem Tod und dem gähnenden Grab, 
Und fie durchbrechen die Felfenlagen 
Länder verbindend dem rollenden Wagen. 


Wie die Amme lehrt Kindern gehen, 
Lehrit du den Kräften der Natur 
glug der Räder wie Windesiwehen, 
Machtig auf Wogen und über der Flur, 
Zwingjt fie mit der Blige Schwingen 
Botjchaft über die Erde zu bringen! 


Rad und Nöhren mit Stöhnen und Dampfen 
Steigen und finfen, der Funke fpriiht, 
Ketten rajjeln, e8 hauen und ftampfen 
Jiefenglieder, die Effe glüht, 
Aber ein Wink gebietet Stille, 
Alles beherrfcht ein ordnender Wille. 


Donnernd läßt zerftieben in Stücde 
Felſenmaſſen ein Drud der Hand, 


Muſenalmanach für 1900. 14 


— 210 o— 


Fluten weichen, es wölbt fic) die Brice, 
Aus der Flut erhebt fih das Land, 

Aus der alten Stätte gehoben 

Wandeln Paläfte auf Walzen gejchoben. 


Heil der Arbeit! Ihrem Segen, 
Yhrem erlöfenden großen Gebot, 
Kommt Befreiung felbft entgegen 
Bon den Banden der zwingenden Not, 
Und mit Freude begrüßt und bewundert, 
Tritt fie in das neue Jahrhundert. 


Heil dem hohen Herrn, der weife 
Mut und Arbeit fchüst und front, 
Dem aus jedem Lebensfreije 
Dank des Volfes entgegentont, 
Pflichterfillung und Willensjtärke 
Grüßen dich, Herr, aus jedem Werke! 

Hermann Lingg. | 


— 21l — 


Epigon und Dekadent. 


Wie die Herren Stichwortritter, 

unvermögend, felbjt zu denken, 
Stumpfe Lanzen mit ’ner Infchrift 

auf dem Fähnchen drohend ſchwenken! 
Diefe [efend als ihr Urteil 

ſollſt du fo zerknirſcht erjchrecten, 
Daß fie faum zu jtoßen brauchen, 

auf den Sand dich hinzujtreden. 


Wer denn waltet nicht mit Erbgut? 
Wer ift nicht ein Nachgeborner? 
Doch auf feinen Irrtum ſchwören 
jolche Sfribler unverfrorner 
YS auf den: Du feift gerichtet, 
wenn fie mittels der Schablone 
Deinem Namen beigepinjelt 
ihre Schagung „Epigone“. 


Bin ein Epigon; befenne, 
ohne daß ich drum errüte, 
Daß ich fier unmöglich wäre 
ohne Schiller, ohne Goethe. 
Waren beid’ als Urgenies denn 
durch den Aether hergeſchwommen? 
Mein! auch fie auf Andrer Schultern 
Stuf um Stuf empor geflommen. 


— 912 — 


Sa, ich bin ein Epigone. 

Meine Herkunft unbemängelt 
Lapt es, daß mein Urahn weiland 

fich als Wurm emporgefchlängelt 
Auf das flache Sandgeftade 

noch von Erdglut warmer Meere, 
Vorfahr wurde ungezählter 

kampferſtarkter Weſenheere. 


Weiter wuchs mein Stammbaum langſam 

während hunderttauſend Altern 
Durch der Baumdurchklettrer Sippe 

zu den Feuerſteinzerſpaltern. 
Durch die Jäger, durch die Mütter, 

die in horngeſchnitzte Nadel 
Sehnen fädelnd, Felle nähten, 

ſtieg er auf zum hohen Adel. 


Unermeßlich iſt das Erbgut 

des ſeitdem gehäuften Hortes; 
Jeder Fund ward unverlierbar 

durch die Dauerkunſt des Wortes. 
Alle großen genialen 

Träger echter Strahlenfronen 
Leben heute noch unsterblich 

fort im treuen Epigonen. 


Unfer Krümchen felbfterworbner 
Eigenschaften ift fo nichtig, 
Gegen unfer Erbvermögen 
gleichermaßen ungewidtig, 


— — — 


— 913 — 


Wie Dem ungeheuern Erdball 
gegenüber eine Bohne. 

Was man ijt und fann, man ift es, 
fann es nur als Epigone. 


Was herausfommt, wenn vermejfen 

viele jebt nur Eigenlicht fein 

Möchten, ganz was Unerhirtes, 
Epigonen aber nicht fein, — 

Wer verfennt’s noch? Wie zeritrampeln 
fich grotest die armen Schächer, 

Um zu ernten für ein Weilchen 
Marktruhm als Zuroremächer. 


Nichts ijt diefen aus des Erbreichs 
Fruchtland in die fable Dede 
Ihres Eigenwahns Entlaufnen, 
zu verrucht, zu faul und fchnöde, 
Wenns nur Wuffeh’n wedt und Schauder. 
Xa, die frechen Burfche wagen 
Sich als Ruhm die Bannerinfchrift 
„Dekadenten“ vorzutragen. 


Defadenten! Sa, fo dummdreiſt 
ift Die frevelhafte Bande 
Diefer Progen geiſt'ger Armut, 
fich zu brüjten mit der Schande, 
Dak mit ihrem Rejt von Einficht 
felber gwar ihr Ziel fie ahnen, 
Und fich dennoch lüſtern rüchvärts 
züchten zu den Pavianen. 


— 214 — 


Bis zum Plagen find von Dünkel 

diefe Buben angefdwollen. 
Laßt fie noch die lebte Neige 

des Jahrhunderts wüjt durchtollen, 
Niederfchrei'n Homer und Dante, 

Goethes und der Dichtergranden 
Treue Jünger. Auch der Unfug 

ijt in kurzem überjtanden. 


Lächle denn zum Aberglauben, 

Daf dich Die Benennung Höhne, 
Die vor Theben einjt erfampften 

tapfrer Helden tapfre Söhne. 
Lob in Wahrheit ift der Tadel 

diefer Schüler ohne Schule; 
Nur ein Epigon von Meiftern 

jteigt empor zum Meijterjtuhle. 


Wilhelm Jordan. 


— 215 — 


Das neue Jahrhundert. 


Entgegen harrt ihr des Jahrhunderts Ende, 
Ihr nennt es fiech und altersfchivach und müde 
Und fehnt herbei die große Beitenwende. 


Dem neuen weiht ihr eures Lobes Pfalter, 
ALS könnt' e3 alg der Erdenzeiten Krone 
Befcheren uns das goldne Lebensalter. 


Yn euren Jubel ftimn’ ich ein mit nichten, 
Nicht vorwärts wend’ ich ſchauend meine Blicle 
Und fchwelge nicht in Fünftigen Gefichten. 


Der Hoffnung, die euch jchwellt, will ich nicht wehren, 
Doh dem Jahrhundert, das uns all’ erzeugte, 
Rann ich wie ihr nicht falt den Rüden kehren. 


Und mehr als Juber ob der Zukunft Wonnen 
Will Abſchiedsweh die Seele mir bejchleichen, 
Den’ ich, daß bald fein legter Tag verronnen. 


Slanzvoll jteigt auf das Hebre all und Große, 
Das befter Inhalt war von unfern Tagen, 
Und das entiprang aus des Jahrhunderts Schofe. 


Und in mir Spricht der unbejtochne Richter: 
Reich war’s an Männern und an Nuhmesthaten 
Und Mutter edler Denter, edler Dichter. 


— 216 — 


Hoch hielt es des Gedanfens helle Leuchte, 
Des Schönen Shag mehr!’ es mit reicher Fülle, 
Und Helden fah’s, wie fie fein Alter zeugte. 


Shr, die ihr dem Jahrhundert jauchzt, dem neuen, 
Sprecht: wird es, wenn fein Lauf einjt geht zu Ende, 
Sn fernfter Zeit fich gleichen Ruhms erfreuen? 


Gern laff? auch ich von Hoffnung mich umjpinnen 
Und glaube gern: e8 wird in fünft’gen Tagen 
Ein Reich erhab’ner Geijtigfeit beginnen; 


Der ganzen Menfchheit Leitjtern wird das Wahre, 
Sn mafellofer Reinheit wird fie wandeln 
Und opfern an der Schönheit Hochaltare. 


Sch Hoffs wie ihr, doch Hoffnung fann uns narren, 
Ein andres Antlitz fann die Zufunft weijen 
ALS fehnend wir’s erhoffen und erharren. 


Wer weiß, ob fie noch ehrt des Geijtes Güter; 
Vielleicht erfapt Berrohung Sinn’ und Seelen, 
Und für das Schöne findet fih fein Hüter. 


Und einjt vielleicht in der Geſchichte Buche 
Gebrandınarkt fteht das fonunende Jahrhundert 
Für immer mit der Beijteswüjtheit Flue. 


An Auffchwung nur denkt ihr mit frohem Blide, 
Sch aber weiß: hinauf, hinunter gehen 
Wie Ebb’ und Flut die menjchlichen Gefchide. 


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—+ 217 — 


Ob Nacht einbricht, ob Hell’res Licht wird tagen, 
Wenn des Jahrhunderts Kreislauf fich vollendet, 
Kein Menjchengeijt vermag’s vorauszufagen. 


Drum gern zurücd mag ich die Blicfe wenden 
Und — ftatt auf dunfler Zukunft Heil zu Harren -- 
Errungnem Großen Ruhmeskränze fpenden. 


Erglüht mit Worten, mit begeijtrungsfrohen, 
Preiſ' ich, Die dem Jahrhundert Glanz verliehen, 
Des Geijtes und der TIhatenlujt Heroen. 


Einjt ragten fie als unſres Lebens Leiter, 
Nun fehlingt fie ein Die graue Zeitenferne, 
Im Nebel ſchwinden weiter fie und weiter. 


Wohl wird Erinnrung nie von ihnen laffen, 
Doch wenn uns trennt erft des Jahrhunderts Schrante, 
Wird täglich mehr ihr hehres Bild erblajjen. 


Das iſt's, was Wehmut weckt im Seelengrunde, 

Und drum mit Jauchzen nicht, mit jtiller Trauer 

Erharr’ ich des Jahrhunderts Scheidejtunde. 
Albert Mofer. 


946 — 


—e 218 — 


Rückblick. 


In meine Jugend bli’ ich weit zurüd, 

Als ich ein ftiller, träumerifcher Knabe, 

Auf breitem Heerweg manh ein gutes Stüd 
Gewandert bin am leichten Pilgerftabe, 

Von Stadt zu Stadt, und dort mein erftes Glück, 
Den Hang zur Schönen Kunst gefunden Habe, 
Es ragten noch die deutſchen Riefendome 

AS Halbruinen aus dem YZeitenjtrome. 


Schwer hoben fich die Schwarzen Sanditeinglieder, 
Aus allen Rigen fpropte Kraut und Gras, 

Ein Flor von wilden Nelken flop hernieder, 
Und funfelte, wie Perlen und Topas, 

Der Cibenbaum, der Ephen und der Flieder 
Mit zähen Wurzeln tief im Steinmwerf fap, 
Man ftaunte, wie die hoch gefprengten Bögen 
Aus eigner Kraft zu halten fic) vermögen. 


Und trauernd hat der Pilgersmann gefprocden: 
An Staub liegt meines Volfes Nuhmeszinne, 
Das Reich der Hohenjtaufen ift gebrochen, 
Verflungen ift der Lenzgefang der Minne, 
Der Winter wühlt an den Gemwölbejochen, 
Daß Grus und Moder auf den Ejtrich rinne, 
Drin flacherhobensjteinerne Gejtalten 

Auf ftarver Bruft die frommen Hände falten. 


— 919 — 


Und in der blauen Ferne fah ich Flimmern, 

Ym Sonnendunjt dort tiberm goldnen Rhein, 

Das Straßburg Münfter, — zornerfülltes Wimmern 
Um unfer Volt flang mir aus jedem Stein: 

Wann fommt der Held, die Brücke neu zu zimmern, 
Zu bergen das zerjchlagene Gebein 

Der Kaiferqraber? Yn gepreften Thränen 

Erloſch des Knaben hoffnungslofes Sehnen. 


Nun jteht der Greis vor den gewalt’gen Türmen, 
Die Meifter Erwins Schöpfergeijt erdacht, 
Fortflammend in des Schieffals Wetterjtiirmen, 
Hat deutfche Kraft fie wieder deutfch gemacht! 
Welch ein Gewirr von Drachen, Lindgewitrmen, 
Bon zarter Blumen fteingewordner Pracht, 

Von Laubgewinden, Masten, Neiterbildern, 

Ein Wunderwerk, mit Worten nicht zu jehildern. 


Und immer wieder an der Fenjterrofe 

Des Münfters hängt mein Auge tief gerührt, 
D diefe Schönheit, diefe reine, große, 

Vom legten Gold des Abendlichts berührt, 
Mein Geift entjteigt dem trüben Erdenlofe, 
Vom Tode bald zu Gott zurückgeführt, 

Hell tönt mir aus des Tomgeläutes Munde 
Das Morgenlied der ew’ gen Feierſtunde. 


—3o¢ * 


— 220 — 


Die Braut. 


Leife, wie daS Laub vom Baume, 
Das fih loft im Sonnenfchein, 
Gingjt du aus dem ird’fchen Traume 
In das Land des Friedens ein. 


ALS dein reines Herz ergliihte 
Bon der Liebe hichjtem Glück, 
Bon der Jugend fchinfter Blüte, 
Rief das Schieffal dich zurück. 


Mit dem Schmuck des Myrtenfranzes 
Neigte fich dein Angeficht 

Sn das Meer des ewigen Glanzes, 
Der aus Gottes Herzen bricht. 


ie 


Herbstlied. 


Mit den weißen Wolfen wieder 
‚liegt die Seele in das Land, 
Hat die weißen Schwingen wieder 
Still und jtrahlend ausgefpannt. ` 


grühlingsahnung lenkt die Flügel 
Ueber Thal und Höhen fort, 
Aber ach, die grünen Hügel 
Sind im Frofte längft verdorrt. 


— 21 — 


Woldigrote Blätter häufen 
Sich empor am Buchenhain, 
Und in graue Nebelitreifen 
Sinft der legte Sonmenfchein. 


—_jo——. 


An die Sonne. 


Licht, allmächtiges du, ſchon wedjt du mich 
wieder, im fchiveren, 
Aemverfegenden Traum wallte das Dunfel 
dahin, 
Graundämonen umringten die Bruft, der Sterb- 
lichen Elend 
Drang, zähflüffig wie Blei, tief in das 
itocfende Blut; 
Dod nun verflart mich dein Strahl holdfelig, 
du göftlich-verwandtes, 
Wie du die finjtere Echlucht, Wälder und 
Wolfen verklärft, 
Und meine Seele, durchtränft vom Abglanz 
himmliſcher Gnade, 
Ahnt die erlöfende Kraft künftiger Wieder: 
geburt. 


Eduard Paulus. 


— 229 — 


Im dunfelblauen Meer der Ewigkeit 
Ein Giland ift des Einzelmenfchen Leben, 
Raum hat’s für Liebe, Raum für Hap und Streit, 
Ob's hod) und fteil ift oder breit und eben. 
Sandig im Nebel dehnt fih das eine; 
Reich gefeqnet mit Rofen und Neben 
Leuchtet das andre im Sonnenfcheine. 


Auf der Höhe des Lebens. | 
| 


Von blauen Wogen an den Strand gefpült, 
Erwacht der Menfch als Kind im weihen Sande; 
Und wenn er feine Kraft erftarfen fühlt, 
Durchquert das Eiland er vom Strand zum Strande, 

Wandert, von kreiſchenden Möwen umflogen, 

Bis er drüben am anderen Rande 

Wieder verfinft in die blauen Wogen. 


Mein Lebenseiland ift der höchiten feins; 
Doch führen über Höhn auch feine Wege. 
Sch fpielt’ als Kind im Glanz des Sonnenfcheins 
Am Meeresitrand in blübendem Gehege; 

Aber als hoch ich den Berg fah ragen, 
Wurden mir plöblich die Kräfte rege, 
Die mich zwangen, mich durchzufchlagen. 


Da Half fein Zaudern, half fein Stilleftehn. 
sch mußte vorwärts, vorwärts ohne Gnade; 


— 293 — 


Und flettern mußt’ ich hoch im Sturmesiwehn, 

Weil oben Felfen trennten die Geftade. 
Anfangs fchritt ich durch blühende Streden 
Leicht empor auf fich ſchlängelndem Pfade —, 
Aber plöglich begannen die Schreden. 


An jpigen Steinen flettert’ ich mich wind, 
Verfank in Sumpf und Moor bis an die Hüften, 
Glitt aus, wie oft, auf glatten Felfengrund 
Und rang nach Luft in fdyneidend falten Lüften. 

Tiere und Menfchen, ein Naubgefindel, 
Stellten mir nach; und an jähen Klüften 
Schwanft’ ich vorüber, erfaßt vom Schwindel. 


Doch Liebe Half mir. Liebe war mein Glück. 
Sie hob empor mich wie mit Adlerfchwingen. 
Nun fteh’ ich oben, fhau bewegt zurück, 
Bewegt voraus! Wie weit die Blicke dringen! 

Hüben und drüben die Dunklen Fluten, 
Die mich geboren, die mich verfchlingen: 
Morgengluten und Whendgluten! 


Ach! Köftlich ift auf freier Höh' die Raft, 
Wo weit der Blick und alte Wunden Heilen. 
Doh furze Frijt vergönnt fie nur dem Gait. 
Bergab geht’s rafder. Lang nicht darf ich weilen. 

Unaufhaltfam weitergezogen, 
Mup ich den Abhang hinuntercilen. 
Branden jchon Hör’ ich die ewigen Wogen. 
Karl Moermann. 
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— 224 — 


Prolog 


zur Goethe-Seier der Leipziger Studenten 
am 20. Juni 1899. 


Einem Uniterblichen 

Sterbliche Ehren! 

So arm fie find, 

Steigt Doch der jugendlich-feurigen Herzen 
Slammender Opferdanf mit ihnen 

Lodernd empor. 

Noch Hat der Tag fich nicht wieder gejährt, 
Da fein funfelnder Stern 

Der Welt erfchien. 

Am Erntemond war’3 — die Felder befchiwert 
Bon der goldenen Laft, 

An den Zweigen drängte 

Sih Frucht an Frucht, 

Die Trauben jchwollen 

Der Kelter entgegen — 

Da ward er unfer, 

Das Kind. des Auguft, 

Ein Auguftus felbit, 

Sr felbjt die Erfüllung jeglicher Hoffnung, 
Der Ernten befte, 

Er felber der Herbit, 

Der gefeqnete, den nach Winterfroft 

Und Not, aus Zrühlingsjturm und Drang, 
Aus jugendlich - gärendem Ueberfchwang, 


— 295 — 


Zum König über fein Volf erforen, 
Der Himmel uns, uns Deutfchen geboren. 


Wie alles Herrlichite löſt auch er, 
Der Genius, 

Sih aus dem Ring der Natur, 

Shn bindet nicht der Stunden Gefet 
Und der Monde Gang. 

Ein Fertiger, ein 

Bollendeter fteht 

Der Olympifche da vor den Augen der Welt. 
Vom felben Zweige bietet er ihr, | 
Der lechzenden, mit der goldenen Frucht 
Auch die Enofpende Blüte, 

Den Liebeslengz - 

Und den heißen Sommer der Leidenfchaften. 
Und fällt der Schnee 

Auf das jterbliche Haupt, 

Erheiſcht das Alter 

Boll um Zoll — 

Er blüht und prangt, 

Der Ermählte, fort, 

In unvermwelflicher Herrlichkeit. 

Und der in geweihter Wiffensnacht 

Das lebte, fiebente Siegel bricht 

Bom Buch der Erfenntnig, 

Sm Wage fon 

Den Widerglanz 

Vom himmlifchen Licht — 


Mufenalmanad) für 1900. 15 


— 226 — 


Gr reicht euch noch mit der weißen Hand, 
Der die Pforte jich öffnet 

Zur Emigfeit, 

Violen für einen Mädchenkranz, 

Lorbeern für eines Helden Stirn, 

Und rote Rofen zum Hochzeitstanz. 


So ift er unfer 

Sn Jugend und Alter, 

Yn jeglicher Freude, 

Seglicher Not, 

In Sommerglühen und Wintertod. 
Ob die herbftlichen Schatten jehreiten, 
Geijternde Nebel uns umbreiten, 

Db die Knofpen fpringen am Hag, 
Aller Weg ift, aller Zeiten, 
Goethefeier, Goethetag. 


Drum ehren wir thn, 

Den Unfterblichen heute 

Mit fterblichen Ehren. 

So arm fie find, 

Steigt doch der jugendlich-feurigen Herzen 
Flammender Opferdant mit ihnen 

Lodernd empor. 


In diefen Mauern 

Hat der Herrliche einjt zum erjten 
Freien Flug die Schwingen geprobt, 
Schüler wie wir. 

Doch wagen die Lippen auch 


— 27 — 


Schitchtern faum ihn den Unfern zu nennen: 
Deutfche Jugend wäre fein, 

Wäre des Segens der Heimat nicht wert, 
Der die Herzen an diefer Stätte nicht 
Heller entbrennen. 

Sit er Der Unjre, 

Die Seinen find wir 

Mit jedem Tropfen deutjehen Bluts, 

Mit jedem Puls, 

Der nur berührt 

Bom Hauche des Schönen 

Raſcher ſchlägt, 

Mit jedem Gedanken, 

Der über die Grenzen 

Des Irdiſchen in das ewige Reich 

Der Gottheit flüchtet, 

Dorthin, 

Wo das Unbeſchreibliche gethan, 

Das Unzulängliche Wahrheit wird. 


So iſt er unſer, 
So ſind wir die Seinen, 
In jeglicher Freude, 
In jeglicher Not. 
Ob die herbſtlichen Schatten ſchreiten. 
Ob die Knoſpen ſpringen am Hag, 
Für Deutſchlands Jugend iſt aller Zeiten 
Goethefeier, Goethetag! 
Heinrich Bulthaupt. 


—4 0- 


—> 228 — 


Erinnerung. 


Erinnrung, fanftes Mondenlicht, 
Umfchwebend dämmernde Gejtalten! 
Das Leben ift ein Traumgeficht, 

Du weißt es freundlich feitzuhalten. 
Und Bild auf Bild taucht aus der Ferne 
Empor, zu neuem Licht erwacht, 

Und finfen erft Des Lebens Sterne, 
Wird größer deine Zaubermadht. 

Da hegt das Herz ein ftill Geniigen, 
Das nichts erfehnt und nichts erhartt, 
Und läßt fich gern von dir betrügen 
Um Reiz und Naufch der Gegenwart. 


Doch ſollſt du führen Schlummertrant 
Uns nicht fo felbitgewiß Tredenzen; 
Vergangnes macht die Seele frank, 
Sie fiebert von verjunfnen Lenzen. 
Solang noch unfre Pulfe Schlagen 
Gehört uns jeder Augenblic. 

Da lacht uns auch in fpäten Tagen 
Oft noch ein freundliches Gefchict. 
Das Alter traure, das verfchollen 
In Abendfchatten fich verftet! 

Den Lebenden, Die leben wollen, 
Sit jtets der Tifch Der Welt gedectt! 


msn 


— 229 — 


Gestandnis. 


Atill bin ich meinen Weg gegangen, 

Mich lockte nicht der Lärm der Welt; 

Mir hat fein ftürmifches Verlangen 

Nach Ruhm und Glanz die Bruft gefchivellt. 
Sch fah von einer Stirn zur andern 

Den Schmud des Lurbeers neidlos wandern; 
Doch fühlt’ ich in der Dichtung Reich 

Mich kranzlos den Befränzten gleich. 


Und was ich bin und was ich habe, 
Verdan? ich ihrer Hud allein; 

Nie hob ich mit dem Bauberjtabe 

Den Shag von Gold und Edelftein. 
Und meine Leier baute nimmer 
Paläjte mir von Prunf und Schimmer, 
Wie einft Amphions Saitenflang 

Bu foldem Bau die Steine zwang. 


Und die da lehren oder lernen 

Die großen Namen unfrer Zeit, 

Und fie erheben zu den Sternen, 
Herolde der Unjterblichfeit — 

Ob fie auch mich vergejfen mochten 
Bei all den Krangen, die fie flochten, 
Ich trag's geduldig und gefaßt, 

Der Nachwelt fall’ ich nicht zur Laft. 


— 230 o— 


Doh ſchaff' ich froh aus innrem Drange, 

Hoch trägt mich der Begeiftrung Flug; 

Sie jtimmt die Saiten zum Gejfange, 

Sit Das des Segens nicht genug? 

Sch wahr im innerjten Gemiite 

Mir Menfchenliebe, Herzensgüte, 

Zufriednen Sinn, der niemals flagt 

Und andern gönnt, was ihm verfagt. 
Rudolf v. Gottſchall 


+06 


— — 


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Alfred Enke phot. 


Waldeinsamkeit. 


Digitized by Google 


— 231 — 


Siinfzig vorüber. 


Mas die Welt mir verweigert, ich hab’ es niemals 
Gierig begehrt. C3 gar zu erfchleichen 
Mit den fehlechten Kniffen der Tagesinechte, 
Mar mir, als müßt’ ich muffige Dirnen 
Herzen und küſſen. 

Nun höret, Freunde: 
Wenn ihr mit frifhem Grün mich erfreu’n wollt, 
Laßt mir den Lorbeer vom Haupte! Er haftet 
Nicht auf der Stirne. Nächtige Stürme 
Zaufen ihn weg, und widriges Bifchen 
Neidifcher Wichte vernichtet Die wenigen 
Blätter, die blieben. 

Am ewigen Ambok 

Handiger Arbeit hämmr' ich noch immer, 
Breche mit Sorgen mein faures Brot, 
Darbe im ftillen und dulde ftolz. 
Und gelingt mir’s, ein Merk wuchtig und leuchtend 
Aus dem fpröden Erz durch die fprühende Eſſe 
Und den hellen Schwung ſchwerfallenden Hammers 
In heiliger Stille hinzujtellen: 
Mer will’3 in der Welt, wer achtet es ernjthaft? 
Sie haben ja Pfufcher wie Herden in Pferchen — 
Giner drängt den andern, die eifrigjten drehn fich 
Mie Hammel, den Dippel im dusligen Hirne, 


— 232 — 


Um die eigene Achfe und blähen fih blöfend — 
Und der neuefte Simpel nennt’3 Poefie! 
Wer will da ein Werk, gereift und gerundet, 
Wer weiß es zu werten und fauft e3 beim Künitler, 
Dem der Tag nicht den Ruhm gab oder der Tod? 
Kaum freut fich ein Freund und ftaunt eine Stunde 
Und geht und vergißt es. 

Lapt mir den Lorbeer! 
Soll er mir werden, fo finft er unmelflich, 
Langfam, von felbjt, ficher und leicht 
Auf den fchlechten Bloc, den Roſengerank 
Vergraſten Grabes blühend umſchlingt — 
Tort lieg’ ich dann längſt. 

Habt ihr fchon heut 
Die Luft nach Krangen, fo langt mir das fraufe 
Epheugeſchling von der alten, zerfchlißnen 
Eibe dort her auf dem ausgeholzten, 
Yangftverlapnen verfümmerten Kirchhof! 
Draus flechtet uns Kränze und Frönet flüchtig 
Hängende Haare und glänzende Glaßen 
Und fajfet die Becher und ballet die Faufte 
Und lachet und zürmet und zupfet die Lumpen 
Und ärmlichen Narren an Nafe und Ohr! 
Ta bin ich dabei. — Tann wieder ans Werf, 
Bis die Hand mir erftarrt und der Hammer ftill 
Verklingt am zerklafften Amboß. 


— 233 — 


Wiedersehen. 


Seh’ ich endlich, jtarfes Meer, 
Dih nad) Jahren wieder! 
Und dein rüftiges Wellenheer 
Singt die alten Lieder. 


Weit Da draußen, unbewegt 
Hängen Purpurfegel 

Und am Strand die Woge fchlägt 
Nach der alten Regel. 


Landwärts drängt und treibt der Glut 
Ungebrochner Wille — 
Und am Horizonte ruht 
Eine ftete Stille. 
Carl Weitbrecht. 


9.6 


— 234 — 


Lautlose Nacht. 


Lautlofe Nacht. Die Fluren trinfen 
Des vollen Mondes Labefchein. 

Stumm läßt Natur die Hände finten 
Und laufcht verträumt in fich hinein. 


Kein Vogelton, fein Ruf der Grille; 
Sm Schatten fehlaft der Waldeshang: 
Sanft tiberquillt mich diefe Stille 
Mit ihrem himmliſchen Gefang. 


Der Menſchen unerfättlich Sagen, 
Der Freud’ und Ehren flücht'ge Spur, 
Wahn, Müh’ und Not feit fernjten Tagen, 
Neid, Krieg und Mord, — was war es nur? 


Geiſt, heimatlofer, nicht vergebens 
Grfehneft du ein Friedensreich: 
Denn hinter all dem Lärm des Lebens 
Liegt eine Stille, — diefer gleich. 
Wilhelm Herg. 


— 


— 235 — 


Bedrangnis. 


Bagt mir, wer id) bin und wo mein Haus? 
Sagt, von welcher Küfte fuhr ich aus? 

Wie mit eins in meinem fchwachen Kahn 
Fand ich mich auf diefem Ocean? 


Mancher Segler freuzt um meinen Kiel, 
Seden kümmert nur das eigne Biel, 
Wild auf Beute jteuert der Korfar, 

Um mich droht und unter mir Gefahr. 


Schimmern Stolz die Segel auf der Flut, 
Denk ich wohl: die Fläche trägt mich gut. 
Doh im Dunkel, das den Blick verhängt, 
Was beginnen, wenn mich Jurcht bedrängt? 


Große See, die Du zum Spiel mich halt, 
Kleiner Nacen, der nur Eines fakt, 
Weiter Bogen, der fich drüber fpannt, 
Ewige Lichter, wo, wo find’ ich Land? 


— E 


Survival of the fittest. 


Ein wahres Hausfnechtsariom: 
„Wer fiel, verdient zu fallen, 

Den Starten trägt der Yebensjtrom, 
Und Recht gefchteht uns allen.“ 


— 236 o— 


Bleibt denn das Glück der Kraft vereint? 
Die Griechen wuften’s anders, 
ABS fie den Tapferjten beweint 
Am Strande des Sfamanders. 


grag die Gejchichte: wann gedieh 
Das Hohe vor dem Niedern? 
Die Sage frag, die Poefie 

Und hör, was fie erwidern. 


Wer gab Achill die kurze Frift? 
Stieß Balder zu den Toten? 

Was blieb von Hellas uns? Wo ift 
Das edle Volk der Goten? 


Natur ift blind, das Glück gemein, 
Dem Zufall front das Leben, 

Das Bepre wählen ift allein 

Der Menfchenbruft gegeben. 


Des Lebens den Narrenbrauch 
Kann nur der Geift vergüten. 

Dem Edlen ward ein zarter Hauch, 
So helft ihn, helft ihn hüten. 


— 
Erwachen. 


Wie Schläfer, die ein banger Traum geſchreckt, 
Wenn ſie die frohe Morgenſonne weckt, 


— 237 — 


So fehren von der Beitlichfeit getrennt 
Des Lichtes Bürger in ihr Element. 


Nur einer, Dem der Schlaf zu jah entiwich, 
Fahrt wild empor und nicht erfennt er fich, 
Zur That ift jede Nerve noch gefpannt, 

Roc führt Fein Weg zurücd ins Grdenland. 


So fremd it alles noch — er fucht umber, 

Stein Laut, fein Strahl vom Diesfeits trifft ihn mehr. 
— Wo bijft du, Lieb? — Ver grenzenlofe Raum 
Gibt Antwort nur: Es war ein Traum, ein Traum! 


Und um ihn wallt’s und flutet ohne Nuh’ 
In Strömen Lichts dem großen Lichtmeer zu: 
Komm zu Dir, Lieber, Hier wird nicht gefreit, 
Bergiß den Wahn, um dich ift Ewigkeit. 


— Lapt mich zu ihr, Die mein in Not bedarf, 
Sie fah’s, wie mich die Kugel niederwarf. — 
Die Brüder lächeln, fehlingen ihren Meih'n: 

Vergdnnt ihm Zeit, bald wird er unfer fein. 


— Ste frie um Hilfe, war noch eben nah! — 
Blick auf zum Lichte, fieh, Fein Feind ift da. 

— Zur Erde will ich! Nicht ins ewige Licht! — 
Sur Erde? Eine Erde gibt es nicht. 


Iſolde Kurz. 


— 238 — 


Rerbstes Zeichen. 


Des Herbjtes Nähe läßt fih fpüren 
Tagtäglich mehr und allerwarts, 
Boch die verhangnen Berge rühren 
Zumal mir das erjchrochne Herz. 


Sch weiß nicht, it’s gefehrte Trauer, 
Die mich an eh’ Verlornes mahnt? 
Grfüllen mich geheime Schauer 

Von dem, was trüb der Seele ahnt? 


—— 


Die Cypresse. 


Schweigſamer Schwermut Bild, o immergrüne 
Cypreſſe, 
Weder der Sommer berührt noch auch der 
Winter dein Haupt. 
Unverlierbar bewahrft du den Schmuck der ge- 
jelligen Blätter: 
Frevel beginge die Hand, die fich erfühnte 
des Naubs. 
Wohl wem gliictlich im Fall zu erhafchen nur 
eines gelänge, 
wig bliebe der jung, aber noch Feiner 
geipann’s. 


— xR- — 


— 239 — 


Gliick der Abnungslosigkeit. 


Wo nach des Ungewitters Zorn 
Die Aehren zitternd jtehn; 
Geringelt ums zerjchlagne Korn 
Taufrifhe Blumen mwehn. 


Kein Zug verrät in ihrem Blid, 
Wie fie an Hilfe arm; 

Sie fühlen nicht ihr Mtipgefchic 
Und drum auh feinen Harm. 


So lächelt ahnungslos ein Kind 
An feiner Mutter Grab, 
Und fieht nicht, die am Werke fino, 
Zu betten fie hinab. 
Martin Greif. 


9416 — 


— 240 — 


Am Rhein. 


(1871.) 


Ð, daß du bet mir wärſt zu diefer Stunde! 
Dort auf den Hügeln ruht der Dämmerfchein, 
Und märchenhaft dahin im breiten Grunde 
Dem Abendrot entgegen fließt der Rhein. 


Der Rhein! der Rhein! Was brauch’ ich mehr 
zu fagen? 

Fapt fih in diefem einen Worte nicht 

Die Poefie von unfren fchönjten Tagen — 

Ya, ift dies Wort allein nicht ein Gedicht? 


So fühlten oft voll Sehnfucht unfre Seelen, 
So flogen fie dem Reich der Träume zu — 
Warum, warum mußt du nun heute fehlen? 
Vielleicht wär’ es zu viel -— der Rhein und du! 


_—I — 


Nichts als eine Rose. 


(1898.) 


Lichts als eine Rofe heut 
Bring’ ich dir zum Fefte, 

Denn, was auch das Leben beut, 
Lieb’ ift Doch Das Beite; 


— 941 — 


Lieb’, Die bis ans Ende währt, 
Lieb’, die nicht erfaltet 

Und, wenn Leid uns widerfährt, 
Sich erft recht entfaltet. 


Lieb’ in Glick und Lieb’ in Not, 

Sie befiegt die Jahre, 

Schimmernd noc) wie Morgenrot 

Um die Silberhaare. 
Julius Rodenberg. 


—3oe— 


Mufenalinanacd für 1900. 16 


—o 242 — 


Lieder von unterwegs. 
I. Luzern. 


Luzern, du mein Stern an der reipenden Reup, 
Deine Buhlen, die Berge mit Hauptern fo weif, 
Es grüßen did) groß die Giganten in Schnee — 
Luzern, Du mein Stern am Vierwaldjtatterfee. 


Am See, eine Fee im fehimmernden Kleid — 
So liegit Du gebettet in Herrlichkeit. 

Es moget die Wiefe, es raufchet das Ried 
Wm See, o du Fee, wenn der Abend verglüht. 


Die Nacht ftiehlt facht fich ins dampfende Thal — 
Jun ſchwärmt es und fchwirrt es in Garten und Saal; 
Es umivandern die Fräulein, umwandern die Herrn 
Sn der Macht fein facht deinen Strand, o Luzern. 


Bu Thal wie fo fahl im legten Erglühn 

Schau’n Berge und Kuppen und funfeln und ſprühn — 
Sie fchauen aus rofiger Wolfenruh 

Bu Thal ach! fo fahl und lächeln dazu. 


Yuzern, Du mein Stern, meiner Augen Luft, 
Dich Lieb’ ich mit fehnender, Elopfender Bruft — 
Wie bijt du fo ftolz und doch wie fo traut, 
Luzern, du mein Stern, du Gigantenbraut. 





— 243 — 


Il. Auf dem Janri Gokkhardpaß. 


Diehjt du die einfame Wolfe, 

wie fie am Felſen hängt? 
Wie fie mit Hammernden Gliedern 

ihm an die Brujt fih drängt? 


Siehjt du die fallenden Wafer, 
wie fie aus Eis und Schnee, 
Mie fie vom Abhang voll Sehnfucht 
jtäuben zum winfenden See? 


— GStürmifhen Wolfen und Wajjern 
jieheft Du abnend zu — 
Ahnendes Herz, o fage, 
fage, was jtürmjt auch du? 


Ill. Am Sfranoe. 


Es dunfelt der Abend am Meer; 
Grau fommen die Nebel gezogen. 
Was lange fhon wandert nicht mehr, 
Kommt wandernd daher — 
Am Meere, am Meer 
Ermwacht mit den brandenden Wogen 
Was lange ſchon wandert nicht mehr. 


Der Freunde der Jugend am Meer 
Gedenk' ich in Wehmut tiefinnen. 
Sahin, die ich liebte fo febr, 


— 244 — 


Das Leben fo leer! 
Xin Meere, am Meer 

Verſink' ich in Träumen und Sinnen — 
Dahin, die ich liebte fo febr! 


Grog über den Dünen am Meer 
Entlodert wie leuchtende Kerzen 
Der Sterne unendliches Heer. 
Herz, Hage nicht mehr! 
Am Meere, am Meer 
Wie flein find die menfchlichen Schmerzen, 
Die lodernden Sterne wie hehr! 


IV. Isola bella. 


Adhwimmende Perle du, 
Perle im lago maggiore, 
Ruhvoll wink mir zu 
Tein giardino d’amore. 
Liebend haft du gefellt 
Pflanzen, welche fih haſſen — 
Alle Düfte der Welt 
Duften von deinen Terraffen; 
Duntel, in Dämmrung getaucht, 
Stehen die Föhren und träumen; 
Meclifd) in Wandelbäunten 
Landelt der Südwind und haucht: 
Tu mia stella, 
Isola bella! 


—> 245 — 


Aber dir würzte den Strand 
Baum nicht nur und Blume, 
Weihte doch bildende Hand 
Dich zum Heiligtume. 
Siehe! Tempeftas Kunſt 
Schmiicte des Schlojjes Wände, 
Vitalianos Gunst 
Marmorn dein Gelände. 
Bogen die heitere Bahn 
Heute noch Muſen, wie weiland, 
Wahrlich! fie riefen, mein Eiland, 
Stolz dir aus ſchaukelndem Kahn: 
Tu mia stella, 
Isola bella! 


Seh’ id) im AWhendftrahl 
Deine Wipfel fich neigen, 
Wandelt wie füße Qual 
Andacht mich an fo eigen. 
Ueber dich purpurnes Wel 
Hauchte die purpurne Späte; 
Alle Gloden am See 
Rufen zum Nachtgebete. 
Fülle des Wohlklangs fließt 
Ueber die Wajjerweiten, 
Während im Heimmärtsgleiten 
Fifcher und Serge Dich grüßt: 
Tu mia stella, 


Isola bella! 
Ernit Ziel. 
--3 @6-- 


— 246 — 


Barmlose Sonette. 


I. Per volkstümliche Dichker. 


Deut fprach der Herr Regierungsrat mich an, 
Zum Lächeln zwang er feine ftrengen Mienen. 
„Man lieft,” fo fprach er, „jet fo viel von Ihnen, 
Sie haben eine Zukunft, junger Mann!“ 


Und als ich weitergehend mich befann, 
Womit ich durfte folche Huld verdienen, 
Da trat ein Kerl in dDerben Holzpantinen 
Die Müge Lüftend ehrfurdhtspoll heran. 


Da fagt’ ich mir: Sieh, deines Fleißes Saat 
Ging endlich auf. Dich fennen alle Leute 
Vom Arbeitsmann bis zum Regierungsrat! 


Und wie ich mich des jungen Ruhmes freute, 
tel abnungslos mein Blid auf ein Plafat, 
Da Stand mit Riefenlettern: „Stichwahl heute!“ 


I. Der Gvpoekheforſcher. 


Ein Goetheforfcher war zu Gajt gebeten, 

Ein Wann, der feines Abgotts Jugendjahre 
In einem fiebenbäand’gen Kommentare 

Mit Fleiß und Scharffinn gründlich breitgetreten. 


— 247 — 


Man lebt nicht nur von Aujtern und Pafteten, 
Man fhaket auch das Schöne und das Wahre, 
Und nichts ijt nobler al3 beim Kaviare 

Ein Gratisfeuerwerf von Geijtrafeten. 


Und um zu ehren ihn bei diefem Schmaufe 
— Wie viele andre mußten ihn beneiden! — 
Gab man als Dame ihm die Frau vom Haufe. 


Das Wetterthema ließ fich nicht vermeiden, 
Dann aber fagte fie nach langer Paufe: 
„Herr Doktor, lafen Sie fchon Werthers Leiden?” 


Ill. Per Wären. 


Der jüngjt geadelte Kommerzienrat, 

Ein großer Feldherr in der Börje Kriegen, 
Bezog ein neues Heim. Reich und gediegen, 
Sa fürjtlich war die Villa in der That. 


Welch eine Pracht von Bronze und Brofat! 
Ein Smyrna dectte weich die Marmorjtiegen, 
Damit die freiherrlichen Steine fchwiegen, 
Wenn fie ein bürgerlicher Fup betrat. 


Und der Salon — ein wahres Prunfgemach! 
Beſtimmt zum Schauplaß erquifiter Feten, 
Voll von Gemälden His zum Kuppeldach! 


— 948 — 


BVewundernd war ich vor ein Bild getreten. 
„Ja,“ ſprach der Hausherr, ,,diefer Achenbach 
Paßt wirklich einzig ſchön zu den Tapeten.” 


— — 


IV. Runſt-Enkthuſiasmus. 


Es wogt und flutet nach der Alberthalle, 

Man ſchiebt und ſtößt und drängt ſich zu den Kaſſen. 
Kaum kann der Bau die Menſchen alle faſſen, 

Die Einlaß heiſchen in ſo ſtarkem Schwalle. 


Sagt nur, was gibt es denn? Wird ſich die dralle 
Soubrette unſrer Bühne hören laſſen? 

Singt gar Yvette, die Nachtigall der Gaſſen, 

Die Tanzchanfon vom lekten Faubourgballe ? 

Gibt Haafe nochmals eine Abfchiedsfeier? 

Will Adelina wieder fonzertieren, 

Die neulich trug den dritten Hochzeitsfchleier? 

Du fragit noch, Freund? Das nenn’ ich fich blamieren! 
Der Karrengaul des Möbelfuhrmanns Meyer 
Ward jüngit dreffiert und foll heut debütieren! 


Fulius R. Saarhaus. 


3 +6 — 


— 249 — 


Vorfrühling. 


Fege nun von Bufch und Baum, 
Keder Wind, die welfen Refte, 
Schaff dem jungen Frühling Raum 

Für die neuen Blütenfeite. 


Wohl gedenk ich alter Pracht; 
Doch Veriwelftes muß verwehen: 

Zege, Wind, bei Tag und Nacht, 
Laß mich neuen Frühling fehen! 


Siegender Lenz. 


„Willſt du wieder mich bethiren, 
Lenz, mit ſchmeichleriſchen Mienen, 

Neuen Herzensdrang bejchwören, 
Raum daß wieder du erfchienen? 


„Willſt du mit den weichen Lüften 
Mir aufs new die Sinne quälen, 

Mit den ſüßen Beilchendüften 
Wieder mir die Rube jtehlen? 


— 250 — 


„Deine Launen, deine Tücken 
Hab’ ich ach zu oft erfahren, 

Sollſt mich diesmal nicht berücden ! 
Weisheit fommt ja mit den Jahren.” 


Scheltend fo auf Bliitenwegen 
Wand!’ ich Heim nach meiner Klaufe, 
Bor dem falfchen Frühlingsjegen 
Bergend mich im fichern Haufe. 


Doh durchs offne Fenjter ſchweben 
Zarte weiße Blütenfloden; 

Durch der Lüfte warmes Weben 
Klingt der Vöglein zärtlich Locen. 


Wie im Traume hör’ ich wieder 
Alte Liebesftamme}lworte, 

Heimlich Lachen, leife Lieder — 
Horch, da Elopft es an die Pforte. 


Und in jugendlicher Schöne, 
leberjtrahlt von Lenzesjchimmer, 
Schmeichelnd, dap ich mich verjöhne, 

Steht die Falfche fchon im Zimmer. 


Will aufs neu’ ihr Spiel fie treiben, 
Diesmal foll es ihr nicht frommen; 
Kalt, unnahbar werd’ ich bleiben — 
Doch — faum weiß ich, wies gefommen — 


— 251 — 


Heiß fühl ich's zum Herzen wallen, 
Meine Arme fie umfchlingen. 
Draußen hör’ ich Nachtigallen 
Hell den Sieg des Lenzes fingen. 


—e—- 


Worte! 


Du fpridft die alten Worte noch, 

Nennjt „Liebite“ mich und „teures Kind“: 
Warum mahnt's mich fo traurig doch, 

Als Spielt’ im Herbſtlaub fühl der Wind? 


Es ift nicht mehr der alte Ton. 
Wohl Eingt er freundlich noch dem Ohr; 
Toch ach, mein Herz hört lange fon, 
Dap es das Ddeinige verlor. 
Adolf Berk. 


—9+6— 


—> 252 — 


Altersweisheit. 


Wie gibt’s in der Welt gar fo liebliche Dinge! 
Und ihrer feines acht’ ich geringe. 

Schön ift der gewaltige Sternenhimmel 

Und fhón im Moofe das luft’'ge Gewimmel, 
Dort jener gewaltige Gletfchergipfel, 

Und hier ein zierlicher Rofofozipfel, 

Schön ift die große Juno in Rom 

Und die Madonna im Kölner Dom, 
Michelangelo hat e3 mir angethan, 
Soddoma nicht minder und Tizian — 
Herrgott, was hat mich alles entzückt, 

Ein Jahrzehnt ums andre beglüct! 


Segt aber habe ich über Nacht 

Eine nagelneue Entdeckung gemacht: 
Endgültig habe ich’3 feitgejtellt: 

Das Allerfchönfte der ſchönen Welt, 

Das bleibt für jeden, der nicht blind, 

Doch ein lebendiges Menfchenfind, | 
Wenn’s nämlich weiblichen Gefchlechtes, 
An Wuehs und Antlit etwas Rechtes, 

Nud Hat fih bei gefunden Tagen 

Durch fiebzehn Sommer hbindurchgefchlagen, 
Nun eben mit leifem, füßem Reifen 
Fängt's an, die Kinderſchuh abzuftreifen — 


—>o 253 — 


Mit folcher Holdfeligfeit fann fih nicht 
Vergleichen im weiten Reiche des Lichts! 
Wie gefagt, das ift mein jüngjtes Erlebnis, 
Langjähriger Studien legtes Ergebnis. 
Doh wie ich's fage, fapt es mich 

Auf einmal mirr und wunderlid: 

So flug meine dummen Augen waren 
Wahrhaftig ſchon vor dreißig Jahren, 

Ein gut Teil Fliiger noch fogar: 

Die Süßigfeit tranf ich aus vollen Schalen! 
— Und da will man mit Wltersiveisheit prahlen! 


Hans Hoffmann. 


1.6 — 


--> 954 o- 


Heimweh. 


1. 


Bu Straßburg auf der Shang 

Da hub fein Trauern an... 

Nun fühl’ ich’S erft, wie bitter weh 
Das Heimweh ihm gethan. 


Seitdem Du fern, mein Heimatland, 
Licht meines Seins, mein Lebensduft! 
Seitdem ich fuh nach Lieber Hand 
Und tajte in die leere Luft... 


2. 


Seit Du gegangen, 

Sit e8 fo leer. 

Wolfenverhangen 

Alles umber. 

Von Lachen und Scherzen 

Weiß ich nichts mehr. = 

Tief, tief im Herzen ) 

Laftet die Sehnjucht Dumpf und jchmwer. 


Wolfen und Sterne 
Kommen und gehn. 

Du nur bleibjt ferne. 
Wann werd’ ich dich fehn? 


— 255 œ 


Es liſcht fo trübe 

Das Abendrot. 

Mir it: unfre Liebe 

Sei lange, lange fchon tot... 


3. 


Sh fabh ein lachend Paar im Sonnenfchein 
Am Waldrand figen felig und allein. 


Er fprach zu ihr. Aus blonder Loden Hauf 
Sah leuchtend jie zu dem Geliebten auf. 


Da dacht’ ich dein, die fern. Weh faft’ es mich. 
Mit najjen Augen feu vorbei ich ſchlich . .. 


4. 


Mit weichen Händen faßteft du mich an, 
So, wie mir niemals fonjt ein Weib gethan. 


Wie Blumenduft war deine Zärtlichkeit, 
Ver warm und ſüß umfpielt zur Sommerzeit, 


Wenn über Rofen leicht ein Falter fchwebt 
Und fuchend feine blauen Flügel hebt ... 


Dein Wort flang nedijch mir wie Tanzmufif, 
Und rätjeltief doch war dein feuchter Blick. 


Und war verdrojfen ich, müd, alt und falt, 
Kamſt du, der Jugend labendjte Gejtalt ... 


— 256 — 


Dies warft du... und noch mehr! Mit heißem Herzen 
Denk’ ich es durch in Nächten banger Schmerzen. 


Dann jtiehlt des Mondes Strahl fich facht herein... 


Ich fchrede auf... und dent’: Du mußt eS fein. 
Albert Geiger. 


—9oe-- 


— 257 — 


Deutsche Schiffe ! 


Wir find von Feinden jtet3 bedroht, 
Bu Lande und zu Wajjer; 

Wo fic) ein Feuerlein nur bot, 

Da fchiirten Deutfchlands Haffer. 


Da ſchlägt die Flamme wohl empor 
Und fengt die deutſche Eiche, 

Doch ob fie Wefte auch verlor, 

Sie wurzelt feft im Reiche. 


Sie breitet neue Zweige aus 
Und fchirmt in fernen Zonen 
Mit ihrem Dache Hof und Haus 
Der Brüder, die dort wohnen. 


Doch foll der junge Baum gedeih’n, 
Müpt ihr im Sturm ihn jtügen! 
Bon Ungeziefer ihn befrei’n, 

Den, der euch fchirmt, felbjt fchiiken! 


Erhebet nicht die leere Hand 

Bu thatenlojen Schwüren! 

Helft, Daß wir für das Vaterland 
Die beiten Waffen führen! 


Mufenalmanad) für 1900. 17 


— 258 — 


Und jeder Splitter, der vom Stamm | 
Der Eiche ward gefchlagen, | 
Soll ung auf weißem Wogenfamm 
Nach fernen Ländern tragen! 


Dann wird der Handel über See 
Uns reiche Schäße bringen 

Und hier wie dort in Luft und Weh 
Das deutfche Lied erklingen! 


Dann wird. von hohen Majten frei 
Die deutſche Flagge wallen 

Und nie der Brüder Hilfefchrei 
Mehr ungehört verhallen! 


Drum deutfche Männer, deutſche Frawn! 
Helft bei dem ernften Werke: 

Wir wollen deutfche Schiffe bawn 

Zu Deutfchlands Ruhm und Starke! 


Mar Hartung. 


—3+G— 


— 259 — 


Stimmen der Nacht. 


In buntem Reigen zog vor mir entlang 

Der Stunden Chor mit wechjelnden Gefang. 
Die lekte trug ein rofenfarb Gewand, 
Darüber wob fich breit ein dunkles Band. 


Und leis erjtarb ihr Lied, e3 ſchwand ihr Licht. 
Nun will ich lauschen, was die Herbftuacht fpricht 
Mit Windesraufchen im entlaubten Hain, 
Mit halbverhilltem, matten Sternenfchein. 


Bon hohen Wipfeln hör’ ich’3 mahnend wehn: 
Dem Sonmerlaube gleich wirjt du vergehn. 
Mild zwifchen Wolfen ſchimmert es hervor: 
Wir freien und vergehn. Du jteigjt empor. 
Ernft Muellenbad. 


+6 — 


— 260 — 


Vorfrühling. 


Es ſchmolz der Schnee, e3 fehmolz das Eis, 
Und traumhaft muß ich laufchen 

Wie Durch Die dden Lande [eis 

Die Berggewäffer raufchen. 


Es wedt die weiche Lenzesluft 
Der Pflanzen jtarre Keime; 

Gern göſſ' ich etwas Veilchenduft 
Schon heut in diefe Reime! 


Es läßt fich auf die feuchte Au 

Ein Starenzug hernieder, 

Und fchüchtern tönt’3 im Himmelsblau 
Wie erjte Lerchenlieder! 


Mit Hellen Trieben prangt der Tann 
Im immergrünen Kleide, 

Und überall webt dann und mann 
Lichtfonniges Goldgefchmeide. 


Da zwitjchern bunte Meifen traut 

Rings in den Dichten Zweigen, 

Und hHämmert fern ein Schwarzipecht laut, 
Erſchrickt das tiefe Schweigen. 








— 261 o 


Der Wildpfad grüßt mich rein und blank 
Gefegt vom Frühlingsmwinde; 

Ein Rehbock, gelblichbraun und flant, 
Hufcht driiberhin gefdwinde. 


Nun tret ich aus dem Wald heraus 
Und wandle auf der Düne; 

Sacht Hallt heut nur des Meeres Braus, 
Saht wogt das Meer, das grüne. 


Und rüdmärts Schon der Tannwald liegt 
Sn feligem Traumgelüjte, 

Ein Sonnengoldduft überfliegt 

Die weite Bernjteintüjte! 


Juninadht. 


Im Garten freit ich auf und nieder, 
Weich weht der Wind um Mitternacht, 
Und trägt den Duft vom blauen lieder 
Meithin Durch weiße Mondenpracht. 


Der Blütenbäume Blätterfchatten 
Sich leife nur am Boden regt, 
Und an der Geipblattlaube Latten 
Sich rafchelud das Geran bewegt. 


— 262 — 


Vie Windenfdhwarmer emfig fchwirren, 
Berauſcht von füßem Blumenduft; 

Sm nahen Bruh Glühmürmchen flirren, 
Gin Lichtermeer, in ftiller Luft. 


Es flattert durch die lichten Räume 
Lautlos die flinfe Fledermaus; 

Den Tyras quälen böfe Träume, 
In heiſres Bellen bricht er aus. 


Da — auf des Holzjtall3 ſchrägem Dache 
Schleicht fcheu ein braunes Wiefel facht, 
Am Starnejt fehlaft die müde Wache, 
Ein Angſtſchrei zittert durch die Nacht. 


Dann hör’ ich noch die Turmuhr fchlagen, 
Beginnend dumpf und endend jchrill; 
Und mich dDurchftrdmt ein Wohlbehagen, 
Nun wird die Welt unfagbar jtill. 


Bon Schlafespdämmerung umfangen, 
Lehn’ ich am alten Apfelbaum, 
Lichtſchwach feb ich die Sterne prangen, 
Matt glänzt ihr Gold durch meinen Traum. 


Drin fommt ein Blondfopf facht' gefchritten 
Mit Krug und Becher, zier und fchmal, 
Kein Laut bebt unter ihren Tritten 
Und nicend füllt fie den Pokal. 


— 263 — 


Aus fernem Park tönt märchenleije 
Kirichvogels heller Frühlichtfang, 
Wir wandeln, laufchend feiner Weife, 
Den lichtbeitreuten Pfad entlang... 


Ein Morgenhaud) ‘streift meine Wangen, 
Der Rafen fchimmert blaß und feucht; 
Da war mein fchöner Traum zergangen, — 
Erſtaunt fteh’ ich im Sonngeleucht. 

| Mar Kiefewetter. 


— 946 —- 


— 264 — 


War es Zufall? 


War e3 Zufall, daß ich dich gefunden, 
Oder warft du feit den erjten Stunden 
Deines Eintritts in das Erdenleben, 

Ohne daß wirs ahnten, mir gegeben? 


Waren wohl, durch Wundermacht bezwungen, 
Unjre Seelen insgeheim verfchlungen 

Ldngft vor jenem Abend, da's gefchehen, 

Daß wir uns von Angeficht gefehen? — 


AN dies weiß ich nicht und fann’s nicht willen, 
Will auch gerne Solche Kunde miffen, 

Steht nur unerfchütterlich das Eine: 

Bis in Ewigfeit bleibjt du die Meine. 


_——- 


Ermunterung. 


Ich hab’ mich Menfchen nie geoffenbart, 
Und feiner würde fich mit Recht vermeffen, 
Daß meines Wefens Schlüffel er befeffen : 
Dir hab’ ich meine Seele aufgefpart. 


Sie ift der Knoſpe gleich, die, lang verhüllt, 
Sich plößlich wie durch Zaubermacht erfchloffen ; 


— 265 — 


Nun jteht fie da, von junger Pracht umfloffen, 
Und harret, bis fich ihr Gefchict erfüllt. 


Sich zu dir neigend — nimmijt du’s denn nicht 
wahr? — 

Wil fie von deiner Hand gepflüct fich fehen. 

© zögre nicht! Leicht könnt’ es fonjt gefchehen, 
Daß fie fich wieder jchließt auf immerdar. 
Rudolf Krauß. 


—I+6— 


— 266 — 


Allfrühling. 


(Heh Hin durch den hohen, raufchenden Wald, 
Tu hohe, du ſchweigſam ſchlanke Geftalt, 
Und laß um dich im fchwebenden Schreiten 
Vom luftig zitternden Belt über dir 

Tuftig die fpielenden Lichter gleiten, 
Vergolden der braunen Loden Bier. 

Dein Antlitz fchimmert licht wie der Morgen, 
Und jtill in den Wald in dunklem Schein, 
Vom dunfleren Kranz der Wimpern geborgen, 
Leuchten Die träumenden Augen hinein. 

Vie Lippen, von lächelnden Reiz umfloffen, 
Scheinen in purpurnes Blut getaucht, 

Sind leicht um den wonnigen Kelch erfchloffen, 
Als hätten ein Lied fie hingehaucht. 


Und wenn die dunflen Augen fich jenten, 
Heben zu Holdem Wngedenfen 

Sich Blütenjterne bei deinem Nahn 

Und fehn mit deinen Augen dich an. 
Vein Yächeln aber entlodt zur Stunde 

Die ſüßeſten Träumer dem grünen Grunde, 
Die Herzen thun fie dir auf, die roten, 
Verſchämt wie heimlicher Küſſe Boten; 

Und Bergeshauch durch die Zweige zieht, 
Und die Quelle fingt ein jilbernes Lied, 
Und der Vogel fingt, aus dem Traum erwacht, 
Zeile, leis in die Waldandacht, 


— 267 — 


Die rings durch die tauenden Büfche webt; 
Ein wonniges, weinendes Frühlingsgebet, 
© du, fo hab’ ich dich gleich erfannt: 
Alfrühling bijt du, von Gott gefandt, 

Und rings entfalten fich taufend Triebe, 
Verfünden als König dich weit und breit 
Und felig weht fhon ein Grup der Liebe 
Div zu durch die Feier der Cinfamfeit. — 


Geh hin Durch den Wald mit ſchwebendem Schritt 
Und nimm meine fehnende Seele mit! 


— i 


Dem Einzigen. 


Du bijt der Einzige, dev’3 vermochte, 
Der heipe Schnfucht mir erregt, 

Daß dir mein Herz entgegenpochte, 
Wie wenn das Meer an Felfen Schlägt. 


Die Flamme fprang aus einem Gunten, 
Sch liebe Dich mit aller Kraft 

Der Seele, die, fo lang verfunten 

Sn Schlaf, ihm ploglich wird entrafft. 
Du bift für mich der Gottentſtammte, 
Der über Dunkel herrſcht und Licht, 
ch Liebe dich, wie Der Verdammte 
Vas ew’ge Heil. Du liebjt mich nicht. 


Irene v. Sdellander. 


— +e 


— 268 — 


März. 


Der Frühling macht die Herzen ſchwer, 
Die freudenarm und liebesleer — 

Und doppelt fehnfuchsvoll und bange. 
Eisſchollig lot ihr winkend Meer 

Die Ströme aus den Bergen her, 

Es riefelt, rinnt von jedem Hange. 


Und Wolfennadht und Sonnenlicht, 

Die fchauen gar einander nicht 

Und jagen fich hoch in den Lüften. 

Der wankende Sturm die Zweige bricht, 
Er ruft, wie einft zum jüngften Gericht, 
Das Leben auf aus allen Grüften. 


Ein Morgenfchein im fahlen Land, 

Veilchen in jeder Kinderhand, 

Sm Herzen ein Klopfen und Mahnen: — 

Bald grünt es auf am Hügelrand, 

Schlingt um die Welt ein Rofenband, 

Erfüllt und ftillt dein Liebesahnen! — 
Oswald Schmidt. 


— + 


— 269 — 


Meine Schwäche. 


Wohl Lieb’ ich alles, was leuchtet und lobt, 
Ich liebe der Flamme Scharlachrot, 

Wenn gierige Lüfte fie fofen; 

sch liebe der Sonne Purpurjchein, 

Den dunfel glühenden, funfelnden Wein, 
Sch liebe die feurigen Rofen. 


Doc lieber ift mir dein goldrot Haar, 
Dein tief erglihendes Wangenpaar 
Als alle Rofen zufammen! 

Und lieber Lippen fo rot wie Blut 
Und Augen, glänzend in ftiller Glut 
Verhaltener Herzensflammen! 


Heinrid v. Oedheim gen. Baug. 


—9+e— 


— 270 — 


Abnung. 


Als ich, ein Kind, 
Durch Bliitengdrten wandelte 
Ym Dämmerlichte, 
Mo frühlingstrunfen alle Knofpen 
Die Hülle brachen, — 
Wo blaue Schatten 
Auf den Wiefen walten, — 
Geheimnisvolle, 
Barte Diifte bergend — 
Da traf der Amfel 
Frohlockend heller Sang 
Mich ahnungsvoll ins Herz... 
Sm Auge ftieg mir auf 
Die heiße Thräne, 
Unwiſſend, angftvoll 
Schlug mein Findli Herz... 
So tiefe Schwermut 
Schattet meine Sinne, 
Dap ich, auffchluchzend laut, 
Mich zitternd warf 
Ans Graß....... 
Schon lang ift mir der Kindheit Lied verflungen, — 
Manch Heller Tag und manhe dunkle Nacht 
Hat mit verfchleiert=rätfelvollen Stimmen 
Gewaltig mich zu Lieb’ und Leid gerufen... 
ALS mich dein Arm umfing, 


vd 


— 71 — 


Des Glückes weicher Flügel mich geftreift — 
Da tönte wiederum der Amſel Sang! 

Und offenbarend 
VBerfündet mir die Friihlingsftimme 

Mein Kindesleid. 
© füße Herbbeit, tiefes Liebesweh, 
Das dunkle Ahnungsichatten 
Sm Frühlingslichte warf 
Auf meine Kindesfeele! 

Erna Ludwig. 


946 — 


— 272 — 


Mittagsrube. 


Der Himmel ſchwält in weißer Glut. 

Mittag it’s. Die Erde ruht. 

Ym Tannenfchatten träum’ ich ins Land. 

Die Sommerluft legt ihr fchlaferndes Band 
Mir um Aug’ und Hirn. | 

Vor mir in die braunen Moore weift 

Ein Wafferjtreif — ich ftarre ihm nad) — — 


Da — fieh — woher? Ein dunkler Kahn, 
Ein ſchwarzes Segel — lautlos zieht’s, 
Sleichgültig, müde, weggewohnt 

Die gleiche Bahn. 

Kein Wellenklatfchen, fein Nuderfchlag — 
Wo ift der Ferge? Ach feh’ ihn nicht — 
Sit das ein Geficht? 


Sorge dich nicht, es hat feine Not. 
Mitten am hellfunfelnden Tag, 
Mitten durch die fatte Welt, 
Ungefehen, 
Still und lautlos, 
Unaufhaltfam 
Gleitet der Tod. 
Heinrich Bulthaupt. 


946 





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Misicgsruhe. 


foe, tach Mea in weißer TA, 


.ııh Ad R N — eg Gare R 1 
Petey TEs, oye erde dut, 


ANAT Sieht, SEES ale 


Co 


SIR So PU, ae 
Lay hey We A 

Soro mir in tr braunen Moore meit 

Gon Werſferſtreif — id farie ihm nach — 


on s — a te 1 aya 
ihr oel ie nde iun 


Tay ee fh -- woher? Our dunkler Kabu, 


. 


for ſchwnrzes Sev — laltles gents, 
Gleichnültig, ude, rorganwobnt 
E aba. 

Reut Beilenklatſchen, kein Ruderſchlag =- 
Yge iſt der Ferge? Ash fep ihn iida 
ott Das ein wecht? 

Serge Deu niehr, es pat Pire wet 
Marten am hennfelnden Tag, 


Neitten dearch Ow aire Wolt, 


sa ` tẹ as 
AN ontui ! 


9431 
a Ds 


“cri Vulto; l 





A, Zick del. 





Heilige Nacht. 


— 273 — 


Regen am Sommermorgen. 


Raufche wonnig, Sommerregen, 
Früh im Morgendämmergrauen; 
Zräufe linden Schlummerfegen 
Auf die übernächt’gen Brauen! 


Labend fommft du leis gefloffen 
Nach der ungeheuern Schwüle, 
Scläfern, müd und nachtverdroffen, 
Duidung tauend auf die Pfühle. 


Spült’s wie füßes Honigquellen 
Aus den Wolfen in die Bäume: 
Tauchen fühl aus Himmelswellen 
Die befeligenden Träume. 

Heinrich Vierordt. 


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Muſenalmanach für 1900. 18 


DHANAANAD 





Ill. Spruchdichtung. 


Reimsprüche. 


Ich mag fie nicht, die heut’gen Tage: 
Der Säbel proßt, der Hebel dröhnt; 
Die Hohlheit glokt; die Roheit höhnt, 
Und nichts hat Rub’ und alles Plage 
Und taufend Mäuler hat die Klage. 


Dein ijt, Poet, die keuſche Wage, 
Die richtet, ächtet, fchlichtet, front 
Und alles Hadernde verföhnt — — 
Doch ach! im Staube diefer Tage 
Verjtaubten Wagewart und Wage. 


& 
Tu junges Herz, noch matt es — 


Doh warte! Morgen fchnet’t es. 
Der Winter kommt — wie bald 


— 275 c= 


Bleicht er dir Haar um Härchen, 
Und über ein paar Sährchen 
Bijt du ſchon müd’ und falt — 
Das Leben ift ein Märchen. 


® 


Dem oben beliebt es —: 

Der unten übt es. 

Frau Lüge Spricht es —: 

Frau Dummheit verficht es. 
Ernft Ziel. 


946 — 


— 276 — 


Spriiche. 


Willſt du einen Tag fröhlich fein — 

Folg meinem Rat: Geh in ein Bad. 
Willit du eine Woche fröhlich fein — 

Nach allem Hader, jo laß zur oder. - 
Willſt du einen Monat fröhlich fein, 

So ſchlacht' ein Schwein — 
Willit du ein Jahr lang fröhlich fein, 

Magſt ein junges Weiblein fren — 
Aber willft du allweg fröhlich fein, 

Trog allen Affen, fo werde zum Pfaffen, 
Dann kannſt du fchwelgen, fcherwenzen und tanzen. 

Kannſt den Teufel felber furangen! 

Pr (Altdeutich.) 


AM dein Ringen, Kämpfen und Siegen 
Magit du finden nad) langen Jahren, 
Aber das Köſtlichſte, was du erfahren, 
Das ſüßeſte Glück — das bleibt verfchwiegen. 


S 


Nichts von Göttern fürchte kläglich, 
Noch von Furien wunderbar — 
Nur von Menſchen und alltäglich 
Droht uns Menſchen die Gefahr. 


® 


— ge — — 


— y — 


— 277 — 


So lange das Herz noch pocht, 
So lange noch flammt der Docht, 
So lange das Hirn noch glüht, 
So lange die Seele ſprüht, 

Biſt du noch jung zur Zeit, 
Gehört dir noch Ewigkeit. 


S 


Mit dem bild des Schillerhauses. 


In eines Rieſen Heim zu wohnen, 

Beladen mit dem Fluch der Epigonen, 

In Weimars heiligem Tempelhain. 

Als Lebender längſt tot trotz allem Streben, 
Indeſſen hier allein die Toten leben, 

Da lernt man bald beſcheiden ſein. 


® 


Nachts im Traum fommen Bilder zurüd 
Von alten Kämpfen, von altem Glick. 
Rannft du fie auch ins Wachen veriweben, 
Wandelft auf einmal im ewigen Leben. — 


D 


Miplingt dir etwas, verſchmähe drum 
zu trauern — 
Die größten Kartoffeln haben die 
dümmſten Bauern. 
8 





—> 278 — 


Verſpottet ward der Kahlkopf, Doch der ſprach: 
Ihr feid jehr lug, Drum Denfet nad: 

Noch niemals ward — auch wenn’s ein Efel glaubt, 
Ein Ochs gefehn mit fahlem Haupt! — 


® 


Was bangjt du vor des Todes Pein? 
Sei hoffnungsvoll und heiter! 

Das Sterben will überjtanden fein, 
Dann geht das Leben weiter! 


B 


Fünf Jabr behandle deinen Sohn 
Als deinen Herrn — verjtehjt mich ſchon. 
Zehn Jahre dann als deinen Knedt 
Erich ihn Dir — das ift Dein Recht. 
Doch mit fechzehn Jahren, da mußt du dich wandeln, 
Muht thn als deinen Freund behandeln. 
(Indiſch) 
S 


Rufſt du den Arzt für deine Mängel, 
So iſt er ein Engel — 
Bracht' er wirklich Geneſung und Heil, 
Ward ihm Ruhm wie Gott zuteil; 
Aber will er die Rechnung reichen, 
Muß er plötzlich dem Teufel gleichen. 
(Altdeutich.) 
S 


— 979 — 


Mer nur zum eignen Fenſter 
Hinausblict, auf fich ſelbſt geftellt, 
Der fieht vielleicht Gefpenfter, 
Dod) nimmermehr die Welt. — 
(Ruffifd.) 
D 


Hei fiebsig Jahr! — das foll man feiern 
Mit Paufenfchlägen und mit Leiern — — 
Was ijt Dabei? 

Jedweder Elefant und Papagei 
Wird fiebsig Jahre leicht, hat Hundert auch erreicht. 
Doch wenn e8 ein Verdienst, mit jiebzig Jahren 
Trog allen Leids, das man erfahren, 
Trog aller Trübfal, Trauer und Gemeinheit 
Sich unzerjtörbar zu bewahren 
Den Glauben nod) an Seelenreinheit, 
An Liebe, Manneswert und Freundestreue, 
An Glüd, das ftetig fic) ernene — 
Auf forh Verdienst will Wnfpruch ich erheben, 
Drum laß ich hoch die alten Freunde leben! 


© 


Stossgebet. 


Buch, gute Geifter, 
Euch ruf ih an — 
Ahr feid die Meiſter 
Bon allem, was gethan. 


— 280 oo 


Nun heb’ ich die Hände 
Ob elend, ob frank — 

Seid treu bis zum Ende 
Und habt meinen Dant! 


® 
Grabschrift. 


Pollbracht gottlob ift nun mein irdiſch Wandern... 


Lebt wohl ihr Alle, die mit mir geftrebt 

Und mich geliebt — doch ihr gewiffen Andern, 

Entſchuldigt, daß ich unter euch gelebt. 
Jultus Groffe. 


Teer 


CHICHKICHICHICH ICH IN CH 


Auforenverzeichnis. 

Beerel, Martin: Seite 

Sylvefternadht . . > 2 .... nn... 176 
Berl, Adolf: 

Vorfrühling.. 2249 

Siegender Leng . . . . . . . 249 

Worte! 0 Ge wee he a te ce we ww es Ge a aa 261 
Vulthaupt, Heinrid: 

Prolog zur Goethe-Feter. . . . . . . . . 224 

Mittagsruhe.. nn. 972 
Eckſtein, Ernft: 

Die beiden Selbftmorder . . . 2 . . . . 194 

Der Frühlingsmorgen . . . . . . . . . 198 
Geiger, Albert: 

Heimweh . 2 2 2... 24 
Gottſchall, Rudolf v.: 

Erinnerung 2... 2. 2... ee ee 228 

Gefidndnis 2 2. we ee 288 
Gretf, Martin: 

Herbftes Zeichen. nn. 238 

Die Eypreife . . . ee She ee en ak ge. Ge NB 


Glück der AHnungslofigfett. . . . . . . . 239 


—2 282 — 


Groffe, Gultus: Seite 


Gprithe. 2 2276 
Haarhaus, Julius R.: 

Harmlofe Sonette . . . . . . nn nn. 246 
Hartung, Mar: 

Deutihe Schiffe! . . . 2. . 2. nn nn. 257 
Haushofer, Mar: 

Der Gaft der Ginfamfett . . . . ... . 15l 
Herg, Wilhelm: 

Rautlofe Mast . . . . . . . . 284 
Hoffmann, Hans: 

WlterSmeishett . on. 262 
Hofmann, Bernhard: 

Gefang der Rirfe . . . . . 22 nn... 188 

an Venedig 2... 2. 2 1989 
Jordan, Wilhelm: 

Epigon und Defadent. . . . 2 2 . . .. 211 
Keller-Jordan, ®©.: 

Mater Dolorofa. . : . ... . aa‘ a 8 
RKiefemetter, Mar: 

Borfriibling . . . oo 28680 

Juninachtt...... ... 261 
Krauß, Rudolf: 

Mar es Zufalld....82864 

Ermunterung.. nn. 264 
Kurz, Siolde: 

Bedrängnis . . . . . rennen. 236 

Survival of the fittest . . . . . .. . . 285 


Grwaden nn. 286 


—> 983 — 


Ringg, Hermann: Seite 
Carmen saeculare 3u 18900 . . 2 .. . . . 201 
Die eleftriihe Kraft . >: . . . . nn. 204 
Berfhüttet . . 2 2 2 202. p, 8, de ie de 2208 
Fefthymne . . . . . . 8208 

Qudwig, Erna: 

Ahnung: 6 eo wk 2 a 2270 

Matt hat, Albert: 

Gottes Toter . . > . . rn nn... 165 

Mdfer, Albert: 

Lady Cecil Richmond. . . . .... =. . ISI 
Das neue Jahrhundert . . . 2 2 .. . . 216 

Muellenbadw, Ernft: 

Das jtumme Klavier . . . . ..... . 76 
Stimmen der Nacht . . 2 2 ... . . ~~. 259 

Dedheim, Heinrich v., gen. Baug: 

Meine Shmade. . . . RR ok . BOD 

Paulus, Eduard: 

Rückblickk.. 218 
Die Braut... 2220 
Gerbfitied ~- 2. 2. 2... ww. 220 
An die Sonne ........... ~~. «221 

Rodenberg, Julius: 

Am Rhein... 2240 
Nichts als eine Rofe . . . . ... . . . 240 

Schellander, rene v.: 

Wifriibling. > aa aaa we ew. 266 
Dem Gingigen. . > 2 2 m 287 


Scherer, Georg: 
Die Macht der Mtufi—. . . . . . .. . . 190 


Schmidt, Oswald: 
Mars. & << hoo Bae a ES 


— 984 o. 


Schönaich-Carolath, Pring Emil v.: Seite 
Hans Habenichts ... . .. fo ie, Se ce T31 
Vierordt, Heinrich: 
Ein Shwabentitt . . 2 2 2 2 2 220202186 
Der treue Gumbiller . . . . ıı... . ISB 
Regen am Sommermorgen. . . 2 . . . . 273 
Weitbreht, Carl: 
Fünfzig vorüber. . . . on. 231 
Wiederfehen . nn. 233 
Woermann, Karl: 
Auf der Hohe des Lebens ie ee ee Seat 82 
Ziel, Ernft: | 
Lieder von unterwegs. . 2 2 2 222202242 
Remfprühe . . 2. 2. 2 274 


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